Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 12 (23.3.1870)
- Date
- 1870-03-23
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 92 — stand der Bevölkerung nicht aufkommen lasten. Wenn man daran denkt-, daß damit eine auSzeichnende Eigenschaft des JudenthumS, auf die wir jederzeit stolz waren, zu Grab« getragen worden; wenn wir bedenken, daß damit zum erstenmale jüdische Geistliche der Gegenwart die Bildung und Wiffenschaft als der Religion gefährlich bezeichneten, und einen Standpunkt einnahmen, wie ihn etwa pietistische und ultramontane Pfaffen der Schule gegenüber einnehmen, so möchten wir vor Schmerz ob dieses fast unerhörten ozn aufschreien. Aber — Gott sei Lob und Dank; Er hat dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Der Protest der wenigen Ultraorthoxen verlief im Sand; das Königsberger Comits wirkt mit bedächticher Ruhe und Hingebung, und seine hohe Aufgabe wird ihm zweifelsohne gelingen. Auf Unsere Bestrebungen in De..tschland selbst werden jene Borkommniste jedoch keinen Einfluß haben. Die Faulheit und die Parieistellungen im deutschen Judenthum dauern unbehindert weiter! Die »Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums "-! Wir vermögen bis zu diesem Moments nicht zu übersehen, ob das Unternehmen Erfolg haben wird; Wir zweifeln daran und, wenn wir, offen und ungescheut, unsre Meinung aussprechen sollen, so wissen wir nicht, ob wir rin etwaiges Mißlingen des Projekts zur Zeit beklagen sollen. Wir wiffen, daß diese unsere offene Erklärung ganz eigenthümliche Deutungen zuläßt. Wir müffen uns deshalb eingehender erklären. . ' Eine „Hochschule für die Wiffenschaft de« JudenthumS," eine jüdisch-theologische Facultät oder wie man diese Anstalt auch hkißen möge, ist allerdings ein unbeweisbares Bedürsniß und so gew.ß wir an die Zukunst deS JudenthumS, an seine heilige, erhabene Misston glauben, so gewiß glauben wir auch, daß — vielleicht ganz bald — eine Stätte gegründet werden wird,, welche die Pflege der ReligionSwiffenschaft als die erhabenste Aufgabe erkennt und derselben genüg. Wir stimmen auch darin mit dem leitenden Comitö für die projektirte Hochschule überein, daß eine solche Anstalt keine Parteirichtung auf ihre Fahne schreiben darf, daß sie vielmehr über dem Getriebe der Parteien gls eia Emporium Allen gelten muß, welchen die Pflege der Restgion und der religiösen Wiffenschaft des JudenthumS als die hehre Aufgabe aller seiner. Bekenner erscheint. Ja, daS oft mißbrauchte Wart „über den Parteien stehen," muß in der Hochschule zur vollen Wahrheit werden. Das rann und muß der Fall sein in Beziehung aus die Anstalt seihst; daS kann jedoch me, am mindestens aber nicht in der Gegenwart gefordert werden von den Lehrern und Leitern, die an die Spitze der Anstalt gestellt werden. Lehrer und Leit er sind Menschen von Fleisch und Blut, und gerade als Männer der Wiffenschaft müssen sie in der Gegenwart eine bestimmte religiöse Richtung einnehmen, die sich ausspricht in ihrem Thun, in ihrem Leben, Wirken, Lehren, in ihren Schriftm! Wo sie wie Wetterfahnen nach jeder Seite sich hinneigen, wo sie weder den Charakter noch die Energie haben, mit ihrer bestimmten und klaren Austastung über Lehren und Gebote des JudenthumS vor die Öffentlichkeit zu treten, sind sie unwürdig und untüchtig zu Lehrern und Leitern der Jugend, zur Bildung von Charakteren. ES mag den Anschein haben, als ob es diese beiden Gegensätze — die Anstalt über den Parteien und die Lehrer mit ausgesprochener religiöser Richtung - nicht zu vereinigen seien und als ob sehr schwierig ja fast unmöglich wäre, beiden Anschauungen gerecht zu werden. Allein dem ist durchaus nicht so! Bei der Anstellung der Lehrer muß eben nur auf den wahrhaften Charakter und auf die Gelehrsamkeit, auf die Wiffenschaft und die Liebe zu derselben und daß wir eS offen sagen, auf die Liebe zur Religion Israels Bedacht genommen werden, damit der Unterricht noer1? sei; die religiöse Parteistellunz gleichwohl, wenn sie nur eine w a h r e ist, darf nicht ber:'cksichtigt werden. Mögen die Geister auf einander platzen, da« dünkt uns ja die Aufgabe der Hochschule. Es kann hier unsere Absicht nicht sein, über diesen Punkt unS weiter auSzusprechrn. Wir wollen damit nur andeuten, daß eben nur aus diesem Grunde die einzige Anstalt, die gegenwärtig in Deutschland für die Wiffenschaft deS JudenthumS besteht, ihrer hohen Aufgabenicht gmügt. Sie ist leider eine Parteianstalt, und dabei, wie unklar, wie zerfahren ist diese Parteistellung! Die Gelehrsamkeit der Letzter an dem Seminar zn Breslau schützt sie darum nicht vor Mißkennung und Anfeindung, die von den verschiedensten Seiten auügeht. Und das mit dem vollsten Rechte! Die Männer von Charakter in jeder Partei werden dem Breslauer Seminare und. seinen Leitern zurufen : o’S’yon ’nip by otiois an« »no ny Unsere Zeitgenossen werden, wenn sie nicht große Gelehrte, aber doch Männer von religiösem Wiffen sind — und das ist das befruchtende Element innerhalb des JudenthumS — wenn sie Männer sind, die für da« Judenthum al« Vorsteher, Lehrer und selbst al« Rabbiner praktisch thätig sein wollen, fragen: So sagt uns denn nur einmal, Ihr Männer der rechten, goldenen Mitte, wa« Ihr wollt und nicht wollt, was Ihr erlanbt und verbietet, wer Ihr seid und welche Farbe Ihr babt, damit wir danach handeln und da« Volk danach belehren können! Bringt uns klare und entschiedene Grundsätze über Ritual» und CultuSl Reitet nicht immer auf dem hohen Pferde der Wiffenschaft, sprecht nicht von Konservatismus und den br niD« ym«, während Eure Jünger in den