Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1870-03-23 · 12 (23.3.1870) · p. Seite 91

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
12 (23.3.1870)
Date
1870-03-23
Page
Seite 91 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4896751-5428708-5432105--2843-4899153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

meinerung der Wissenschaft und ihrer Verbreitung auch in nicht-theologischen Kreisen h>rvor, anderntheilS aus dcr Ueberwucherung der Kirchlichkeit, welche die weltlichen Interessen nicht zu ihrem zuständigen Rechte und zur Befriedigung ihrer stets wachsenden Anforderungen kommen ließ. Indes? sind diese Zustände ausschließlich auS den christlichen Verhältnissen hervorgewachsen. Wir werden Nachweisen, daß sie dem Judenthum principiell und faktisch vollständig fremd sind. Die Frage über die Trennung des Staats und der Kirche, woraus diejenige über die Trennung der Schule und Kirche resultirt, ist nicht neu; nur ihre neue Ventilirung und das erneuerte und vermehrte Streben nach Entscheidung und Verwirklichung derselben macht die Signatur unsrer Zeit aus, hcrvorgerufen durch Geltendmachung kirchlicher Herrschaft Seitens katholischer wie protestantiscber Priestep, durch Uebergriffe hierarchischer Macbtenlfaltung auf ultramontanem und pietistischem Gebiete. Denn obwohl Luther die Hierarchie der römischen Kirche bekämpfte, so wurde ne doch bald von ihm und seinen Nachfolgern in die neue Kirche übertragen; ähnlich wie auf politischem Gebiete Demokraten sich oft als größere Autokraten zeigen, als die von ihnen entthronten Despoten. Der Protestantismus ist sich auf diese Weise selbst untreu geworden, und so ist eS gekommen, daß die Frage von der Trennung des Staates von der Kirche wieder in den Vordergrund geschoben worden ist. Die Kirche steht im Gegensatz zum Staate. Sie ist der Inbegriff des Göttlichen, Himmlischen, wie der Begriff des Staats das Irdische und Weltliche umfaßt. Dieser Gegensatz ist auS dem Cbristenthum hervorgegangen, welches diese Trennung und Gegensätzlichkeit von Anfang eingesetzt und zu seinem Grunvwesen gemacht hat. Etymologisch weist die Bezeichnung: „Kirche" nicht daraufhin, denn dieselbe ist von oirous (sprich: kirlrus) abgeleitet, jener Oertlichkeit des alten Rom, in welcher die ersten Christen ihre gottesdienstlichen Versammlungen hielten. Die Ableitung jener Bezeichnung vom griechischen Kyriakon, (waS auf KyrioS, d. h. Herr, Gott. Heiland Bezüg hat) ist nicht so annehmbar und würde ebenfalls nicht mit Nothwendigkeit den Begriff Gott und Welt als Gegensätze hinstellrn, wenn dieselben nicht zum Grundwejen des Christenthums gehörten Man könnte auch im Judenthum von einer Kirche reden, welche die Begriffe und Gesetze-deS Göttlichen und Idealen umfaßt, wie sie den Dingen der Welt, Natur und Menschen immanent sind oder werden sollen, sie durch die Naturgesetze beherrschen oder durch di« Sittengesetze beherschen sollen- Neben einer unsichtbaren, geistig gedachten Kirche in diesem Sinne existirt auch im Judenthum eine sichtbare, von der Gemeinschaft der Gläubigen, ihren Organen, Institutionen und Ceremonien getragenen, welche diese göttlichen Ideen und Gesetze repräscntiren und cvnservircn, zur Anschauung »nd zum Bewußtsein bringen. .Und dennoch liegt dem Judenthum nichts fE„er, ist ihm nick tS fremder,' als die Trennung der Kirche vom Staate, so sehr daS Judenthum auch die Trennung Gottes vrn der Welt betont und eine Vermenschlichung Gottes oder Vergöttlichung deS Menschen pcrhcrrescirt. Obgleich im Ehriftenlhum daö Göttliche und Menschlicke wenig auseinander gehalten, sondern fast identificirt werden, kann man doch nicht sagen, daß die Kirche hier daS Göttliche und Ideale vertritt, welches zur Beherrschung aller weltl'cken Verhältnisse deS menschlichen Lebens berufen sei. Denn im Christenthum ist das Weltliche der sündhafte Gegensatz des Göttlichen, welcher aufgegeben und überwunden werden muß. Dagegen baut sich im Juden - thum eine innere Versöbnung beider Gegensätze aus. Die Welt gehört dem Menschen, er soll sie sich aneignen und genießen; er hat in ihr seine Bestimmung und seinen Beruf. Die Welt ist nicht das Sündhafte an sich, „denn Alles, was Gott gemacht hat, sieh! ea ist gut." Sündhaft wird die Welt erst für den Menschen, so er sich eigenwillig ihrer göttlichen Bestimmung entzieht, in falscher- Weise und unerlaubtem Maße sie sich aneignet, benutzt und genießt. Die Vereinigung des Göttlichen und Weltlichen ist darum erst recht geboten, und daS göttliche Sittengesetz ewig und unwandelbar für den Menschen, wie das göttliche Naturgesetz für die übrige Schöpfung, ist der Regulator hierfür, bestimmt, die persönlichen und häuslichen, gesellschaftlichen und staatlichen Verhältnisse des menschlichen Lebens, zn ordnen und zu beherrschen. Weit entfernt darum, Trennung des Staats und der Kirche, des Weltlichen und Göttlichen zu lehren, erkennt das Judenthum deren innere Einheit als fundamentales Princip und zu erstrebendes Ideal an. (Schluß folgt.) Hlnjere Zukunft. Forts, aus llir. 10. Synode und Gemeindetag — wir haben von ihnen noch Alles zu erwarten; wir haben mit ihnen noch nichts erreichte Und die Versammlung in Berlin? Ihr Zweck war gewiß ein herrlicher; die Versammlung selbst war groß und erhaben. Und dennoch, dennoch! An ihrer Ferse knüpfte sich der faule, obscurante Fanatismus mit unerhörter Schamlosigkeit und läßt lieber einen ganzen großen Zweig vom Stamme Israels in Noth und Hunger verkommen, als daß er Bildung Wiffen, und in jene Kreise zuläßt, wo die trüben, bedenklichen Geisteszustände an und für sich schon einen materiellen Fortschritt, Wohl-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.