Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 12 (23.3.1870)
- Date
- 1870-03-23
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 90 „Auf Recht und Gerechtigkeit ist die Welt gegründet/ zu Ehren zu bringen. Von den einzelnen Wissensfächern führte der Redner in ein Gebiets, wo der Einfluß jüdischer Forscher ein unbestreitbar mächtiger gewesen: das Gebiet der philosophischen Forschung.- Von Philo, dem Alexandriner, im ersten christlichen /Jahrhundert bis auf die neueste Zeit beschäftigten sich die Juden mit dieser Königin der Wissenschaften.. Der Name SaadiaS (892) zuSora ist für die arabische Philosophie ein volltönender und muß als bahnbrechend für. diese bezeichnet werden. Wichtigfür die christliche Philosophie ist zuerst Jsaac Israeli, gestorben 940, desie Forschungen von Albertus MagnnS als Höhepunkt der damaligen Wissenschaft bezeichnet werden. Ungleich bedeutender ist der Verfasser des Buches Fern» vitae (Quelle deS Lebens) Salamon Jbn Ga birol. ' Jahrdunderle lang lehrte man nruplatonische Philosophie aus seinem Buche, als von eineln arabischen Philosophen Avicebron herrührend, bis erst in unfern Tage-, Salamon Munk in Paris und Prof. Säuerlein in Marburg die Autorschaft GabirolS nachwiesen. ' Dies« war durch seine religiösen Dichtungm, die Humboldt «lSedle Nachklänge der Psalmenpoefie rühmt, der Synagoge bekannt. Ein auch in außerjüdischen Kreisen gekannter Name ist Rahbi Moses MaimonideS, dessen Schriften sich aui fast alle Gebiete menscblichen Wissens erstrrck-n. Sein Hauptwerk More Nebuchim (Führer der Fremden), ursprünglich arabisch, dann später ins Hebräische und Lateinische übersetzt, hat einen bis in die Gegenwart sich erstreckenden Einfluß geübt.' Der deutsche Denker Leibniz in seiner Monadenlehre und namentlich in seiner Theodiere läßt ein gründliches Studium des MaimonideS vcrmuthen, das er selbst an einem andern Orte eingesteht. Weder hsnlänglich bekannt, noch hinlänglich gewürdigt sei es, daß es eine Zeit gab, wo eS ausschließlich Juden waren, besi welchen die Philosophie eine Stätte fand. Eine große Anzahl arabischer Werke,-deren Originale verloren gingen, sind nur aus der Übersetzung der Juden vorhanden. Da es die Aufgabe der Vorträge war, auf die weniger bekannten Leistungen der Juden hinzuweisen, so verweilte der Redner zum Schluß nicht lange bei dem allen Gebildeten bekannten Einfluß Spinoza'« nicht blos auf die Philosophie der Gegenwart, son? dern auf das ganze Denken und Dichten der Zeit. Es genügt, daß er Lessing und Goethe beeinflußte, um zu beweisen, welch einen Antheil er an der modernen Cultur hat. Der protestantische Theologe Schleiermachrr, der Begründer einer neuen Schule, sagt von Spinoza:- „Voller .Religion war er und voll heiligen Geistes; und darum stsht er da allein und unerreicht, Meister in seiner Kunst, aber erhaben über die profane Zunft — ohne Jünger, ohne Bürgerrecht." Und ohne Bürgerrecht wie der Philosoph, standen noch lange seine Glaubensgenossen. Konnte ja selbst der Philosoph MoscS Mendelssohn — mit dem die Reihe der philosophischen Denker geschloffen wurde — erst durch Verwendung des Marquis d'Argens, von dem Philosvphrnkönig Friedrich, das Schutzprivilegimn -erlangen. DaS Bürgerrecht hätten die Juden in der Gegenwart in allen civtisirten Staaten erlangt — das Judenthum, die jüdische Wissenschaft, noch nicht. Auf dm Hochschulen aber beginnt in leisen Anfängen Raum zu werden für d-e jüdische -Wissenschaft. Wenn nach einem Ausspruch Goethe's Religion und Philosophie-es sind, die auf Moralität, Pietät und Pflicht wirken, so haben die Juden, -aus deren Händen die Menschheit die Religion ausschließlich, die Philosophie z»m Theil erhalten hat, Anspruch auf Anerkennung dessen, was sie der Welt gegeben. Der Redner schloß seinen diesmaligen Cyclus mit dem biblischen Bilde, dem Kampfe Jacobs mit dem Engel. So lange die Nacht dauerte, dauerte bekanntlich der Kampf: der Morgen endete den Streit. Auch Israel kämpfte während der langen Nacht der Barbarei und Finsterniß, es kämpft noch heute in allen Reihen, einen lichten Morgen herbeizuführeu. Erkenntniß und Licht ist das Zeichen, in dem und für da« «S siegen wird, und diesen Sieg feiert es dann versöhnt mit der ganzen Menschheit. Die Trennung der Schule und Kirche vom Standpunkte des Judeuthums. Die Frage über die Trennung der Schule nnd Kirche hängt eng mit derjenigm über die Trennung des Staats und der Kftche zusammen. Denn insoweit die Schule die Pflanzstätte kirchlicher Religiosität sein soll, wird Niemand der Kirche den Einfluß auf dieselbe bestreiten. Die Frage wird erst streitig, wo die Schule anfängt, die Pflegestätte weltlicher Wissenschaften und Fertigkeiten zu werden. In der heidnischen Vorzeit, unter den Juden in der Periode des ersten Tempels und auch vielfach noch im christlichen Mittelalter, gehörte auch die Pflege der weltlichen Wissenschaft und Kunst den Priestern, der Kirche un i-ren Trägern, und wurde von ihnen beeinflußt, ja be errscht. Es ist zu natürlich, daß da, wo der weltliche Unterricht in den Händen der Priester und Geistlichkeit war. wo die weltlichen Schulen gleichzeitig Religionsschulen waren und aus diesen hervorgingen, die kirchliche Beeinflussung und Herrschaft vererbt, festgehalten und fortwährend erstrebt wurde. Die Frage über die Trennung beider ging eineStheils aus der Verallge-