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Der israelitische Lehrer · 1870-03-23 · 12 (23.3.1870) · p. [Seite]

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
12 (23.3.1870)
Date
1870-03-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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er Asrselltiseke Iekrer. Wochenschrift für die allgemeinen Angelegenheiten des Judenthums und insbesondere des israelitischen Lehrer st anders. Organ für den Verein „Achawa." M 12._ Dm 23. Mi-, 1870. 10. Jahrgang. Wöchentlich 1 »wrmet Viert «»jährlicher «bonnementtprei« 40 kr. 7= 111/2 Egr. Anzeigen zu 1 Sgr. di« Petitzeil«. Bestellungen ' nehmen alle Postämter und Buchhandlungen an. Ar. Koldschmidt's Worlesungm v. Leipzig. 9: Februar. Der sechste und Schlußvortrag de« Dr. Goldschniidt bezog sich auf die Stellung der jüdischen Religion zur Wissenschaft und auf die Theilnahme der Juden an der letzteren. Wa« da« Erstere betrifft, so führte der Redner au«, daß eine feindliche Stellung der Religion zur Wiffenschast nur da möglich sei, wo die fortschreitende wissenschaftliche Erkcrrntuiß einem Dogma gefährlich^werden könne, das sich mit der. Vernunft nicht im Gnklange befände, oder wo eine organistrte, sich im ausschließlichen Besitz der Heiligkeit befindende Hierarchie wohlbegründete Ursache haben, wiffenschastliche Forschung zu scheuen. Beide Ursachen einer Feindschaft zwischen Religion und Wiffenschast seien im Judenthume nicht vorhanden. Redner bezog sich hier auf die vorhergegangcne Betrachtung de« GotteSgedaoken«, der in seiner reinen Geistigk-it von der fortschreitenden Erkenntniß erst immer mehr begriffen werden könne, weßhalb die Schrift auch ausdrücklich befiehlt: „Sprich znr Weit heit, sie sei deine Schwester, und nenne die Vernunft deine Freundin." Wie der jüdische GotteSgedanke die Prüfung der j Vernunft nicht zu fürchten habe, so gab e« auch niemals, auch nicht während der nationalen Existenz, im Juden thum eine Hierarchie in dem ausschließlichen Sinne einer geistigen Bevormundung oder einer weltlichen Macht. Selbst als die Priester nothwendig waren, wurde nicht ihnen allein, sondern jedem Einzelnen aus dem Volke das Studium der religiösen Urkunden zur Pflicht gemacht: jeder Vater sollte seine Kinder in der heiligen Lehre unterrichten. Ebenso wenig konnten die Priester ihr Amt zu einer Pfründe machen, da ihnen Grundbesitz verboten war. Charakteristisch für die Werthschätzung der Wiffenschast sei der noch als Sprüchwort vorhandene Ausspruch : „Ein unterrichteter Bastard hat größeren Werth als ein unwissender Hoherpriester." Nur aus solchen Voraussetzungen ist die Theilnahme der Juden an allen Zweigen wiffenschastlicher Forschung zu erklären, da ja die ^Bedingungen, in denen sie sich nach der Vernichtung ihrer nationalen Existenz befanden, geradezu geistlähmend, sittlich vernichtend hätten wirken muffen. _ Den Nachweis für die Betheiligung der Juden, an allen Wissensgebieten von dem ersten christlichen Jahrhundert bi« in die neueste Zeit lieferte der Redner an einem so reichen Material, daß wir hier nicht de« Näheren darauf eingehen können. Der Talmud, der Demjenigen, welcher deffen Entstehungsgeschichte nicht kennt, sonderbar Vorkommen mag, enthält gleichwohl wiffenschastliche Arbeiten in der Astronomie, Mathematik, Botanik, Zoologie, Medicin. Jurisprudenz, die, nach dem allgemeinen Standpunkte der damaligen Wissenschaft beurtheilt, ein günstiges Resultat für die jüdische Geistesarbeit liefern. Wir übergehen die Namen der Astronomm und Aerzte und bemerken nur von den Letzteren, daß sie wahrscheinlich für ihre Zeit von besonderer Tüchtigkeit sein mußten, da sie tm Mittelalter von den damaligen Großen, den Königen und Päpsten, zu Leib ärzten erwählt wurden. Daß die Jurisprudenz eine große Bedeutung in dem Studium der Juden hatte, ist in außerjüdischen Kreisen wenig bekannt, und dennoch, meinte der Redner, dürften selbst der heutigen Wiffenschast diese Studien vonÄutzkn sein. Hier wurde betont, wie Recht nnd ^Gerechtigkeit in jüdisch-religiösem Sinne höchste Begriffe seien. Wie dem Judenthüm jeder Dualismus in der Gottesidee fernlog, so kannte es auch nicht den Dualismus im Leben. RechtSinstutionen wurden nicht als profan bezeichnet: Gott selbst, hieß eS, ist anwesend, wenn Recht gesprochen wird. Rechtspflege galt als die höchste religiöse Handlung und wurde dem Gottesdienste nicht nachgesetzt. Man hat eS dem Judenthum zum Vorwurf gemacht, daß Gesetz und Recht sein Pxincip sei; auch hier ist die neue Zeit auf dem Wege, das Wort der Schrift:

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