Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 11 (16.3.1870)
- Date
- 1870-03-16
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 1× ep/1048155
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— 86 — delangen Lwamez al» O, welckes dem Hebräisch der polnischen Juden einen so häßlichen Klang gibt'" Eine eigenthümliche rituelle Gewohnheit hat sich in Tunis eidalten, die der monatlichen feierlichen Absolutionen, welche in jeder Synagoge vom Vorsitzenden Rabbiner verkündigt, und von einer Anzahl herumziehmder Unterrabbiner in den Privathäusern nachgepredigt werden, damit auch die Frauen, welcke hier von jedem öffentlichen Gottesdienst ausgeschloffen bleiben, des Sündennachlaffcs theilhaftig. werdpn mögen. Leider soll von den Israeliten, die noch' auf einer tieferen Bildungsstufe sich befinden, dieser Sündennachlaß nicht blos als eine Vergebung-für ihre begangenen Vergehen, sondern auch als eine Indemnität für die nock zu begehenden betracktet werden, ja sogar als eine Freisprechung von allen etwa lästigen Drrpflicktlingen, mögen sie nun persönlicker oder ccmmercieller Natur sei. Ein tuniser Jude dieser Art glaubt sich, z. B. wenn er die Absoluten empfangen hat, nicht länger verpflichtet, seine Schulden zu bezahlen. (?) Pen dem' Gottesdienst in den verschiedenen Synagogen gibt unser Reisender eine Schilderung, welche aus einen gänzlichen Mangel an Feierlichkeit und Ernst schließen läßt. „So lange die Gesänge dauern," erzählt Maltzan, „erlauben sich die Knaben allerlei Schabernack im Tempel, ohne daß irgend jemand es rügt, die. Säüger selbst sind zerstreut, und scheinen ihren Geist, Gott weiß, wo zu babcn, nicht in den heiligen Büchern, deren Inhalt sie in näselndem Singsang vortragen. Höchst eiaenthümlich kam mir auch die Art und Weisedes Predigers vor. Der Oberrabbiner, mit einem' rorhen Frö ohne den Turban, jenem Respectzeichen im Orient, und einem sehr bunten Anzug geschmückt, sah durchaus wie ein Schauspieler aus. Er saß vor einem Tisch, auf den er beide Ellenbogen und auf diese sein Haupt gestützt hatte und hielt in dieser St-llung einen Voitrag, welcher mehr der scherzhaften Terlamation eines unserer Humoristen glich als einer Predigt. Er sprach arabisch, und zwar mit einem ganz außerordentlichen Dolubilität und einem auffallenden Mangel von Ernst und Sammlung. Er sprach von Moses und Aron, aber die Art und Weise, wie er von ihnen sprach, schien dieses erhabenen Gegenstandes durchaus unwürdig. Cr liebte es besonders polemische Anspielungen zu macken, und legte den Gegnern seiner Ansicht so-seltsame Paradoxen in' den Mund, daß ste die ganze Gemeinde zum Lacken Hinriffen. Ueberhaupt glich die ganze 'Predigt mehr einer scherzhaften Diskussion, zu welcher jeder der Anwesenden!ein Schälstein beitragen konnte; rin Vorrecht, von dem auch viele Gebrauch machten, denn nicht selten wurde die Rede durch das Dazwischensprechen einzelner Gemeindemitglieder unterbrochen" . Was Maltzan ebenfalls auffiel, war ein Gebet in hebräischer Schrift, aber in arabischer Sprache, welches am Schluß eine« tunisisch-jüdischen Gebetbuches stand. Dieses Gebet ist unter der dortigen Judenschaft am meisten gebräuchlich, und das einzige, welckes die Frauen, die niemals hebräisch lernen, verstehen können. „Eine Clause! desselben", sagt Maltzan, „ist recht bezeichnend für die finstern RachegefüHle eines unterdrückten Volks, welckes sich an seinen Unterdrückern nicht andexS rächen kann, als indem es die Gottheit anfleht, dieselben zu verderben. Diese Ctausel lautet: Schütte, o Herr, deinen Zorn auö über Spanien, Jsmayl, Kedar und Edom! Rur der Name JSmayl, der die Araber als JSmaeliten bezeichnet, und der von Spanien, jenem Lande, welches den Juden so große Leiden bereitet, sind hier in buchstäblichem, die andern nur im figürlicken Sinne zu nehmen, indem von den Ungelehrten,- für welcke dieses Gebet ja doch ausschließlich verfaßt ist, unter Kedar die Anbänger der mohammedaniscken Religion (also wahrscheinlich die Türken, da für die Araber schon Jsmayl steht), unter Edom die Christen im Allgemeinen verstanden werden. ^Jedenfalls ist es komisch, die Bitte, Gott möge seinen Zorn über Spanien auSschütten, bei -einem Volke zu finden, von welchem in neuester Zeit so viele sich um den spanischen Schutz beworben, und, Dank der Bestechlichkeit des ConsulS, das spanische Bürgerrecht erbalten haben. „Die Vielweiberei", fäbrt unser Reisender fort, „welche bekanntlich den alttestamentarischen Anschauungen durchaus nicht zuwider ist, wird auch bei der hiesigen Jutenschaft im Princip aufrecht erhalten. . In der^PraxiS findet sie jedoch nur selten ihre Anwendung, ich hörte nur von einem Dutzend Fällen. Auch die Ehescheidungen sollen nicht so häufig sein und von den Rabbinen nur im Falle der. Kinderlosigkeit gestattet werten. Im. Ganzen ist die Moralität der Juden eben keine schlechte, bei den ärmeren jedoch, die wirklich oft bettelarm sind, hat die Erniedrigung, in der sie leben, die Unterdrückung von Seiten der Araber, die Geringschätzung ihrer eigenen LandSlesite, und vor allen Dingen der Rathgebrr, die Noth, einen Zustand der Moralität erzeugt, den wir einen tiesbsklagenSwerthen nennen müssen. Die verrufenste Judenstraße von Tunis, nach einem arabischen Heiligen Ssayydy Abd- Alla Qösch genannt, darf den schlechtesten Quatieren von London und Paris an die Seite gestellt werden, ja übertrifft sie vielleicht noch an moralischer Versunkenheit. Nur würde in jenen beiden Weltstädten der Fremde, welcher in diese Viertel eindringen wollte, sich auch noch in Person und Eigenthum bedroht sehen, und insofern verdient das Juden-