Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 10 (9.3.1870)
- Date
- 1870-03-09
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
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— 77 — bahren mag sich jeder Badener Jsraelite selbst bilden. Diese Männer der Carlsr. Orthodoxie wäbnen sich als die wahren und ächten Freunde dcS Judenthum» und seiner heiligen Religion. Müsien wir aber hier nicht mit jenem Weisen übereinstimmen, der da sagte „O Herr, bewahre mich vor meinen Freunden, mit meine» Feinden kann icb schon selbst fertig w erden". DaS Rad der Zeit läßt sich einmal in seinem Laufe nickt mihr einbalten, so sehr sich auch die Herren Worin'er und Genossen dagegen stemmen möchten. Unsere Religion ist durchaus nicht, wie diese Männer glauben, von äußerlichen Formen und Gebräuchen «der besser gesagt Mißbräuchen bedingt und deren ewiger Bestand bedarf nicht der-Sicherung durch die Expectorationen und die formelle Standhaftigkeit der Gesetzestreuen. Der Geist unserer Religion hat daS Judenthum und die Judenheit stets belebt und sie 'siegreich durch die Stürme'dller Leiten Hindu, ch getragen und erhalten. - Bayern im Febr. An den Wahlbewegungen, welche nach verschiedenen Richtungen bei uns Statt hatten, nabmen unsere Glaubensgenossen warmen Antheil, und es braucht wohl nicht gejagt zu werden, für welche Partei sie überall ihre Thätigkeit einsetzten. Denn wenn schon bei früheren Wahlen, wo eS sich um die politische Färbung liberal oder illiberal handelte, die Juden in Ihrer weitaus großen Majorität für die fortschrittlichen Tendenzen einstanden. — denn der Jude ist seiner Stellung und seinen jüdischen Grundsätzen nach auf den Fortschritt hingewiesen und seine eigene Lage ist zu sehr damit verniachsen; indem vorliegenden Fall, gegenüber der hassenden, verfolgenden, ultramontanen Partei, deren Leiter und Preßorgane offen die Judenverfobgung ' predigen, kann auchj kein Jude über seine Fahnelzweifelhaft sein. So sahen wir denn überall, sowohl bei» den Gemeindeals Abgeordneten-Wahlen die bayrismdn Juden thätig und deren viele mit dem Zutrauen christlicher Wähler beehrt. In Fürth wurde eine verhältnißmäßig große Anzahl tn den Magistrat und in das Gemeindebevollmächtigten Collegium, in Nürnberg, besonders auch in München und in anderen Städten und Dörfern, ja sogar inWürzburz, wo daS RischuS von jeher zu Hause war und, wir nicht zu leugnen, Pflege erhielt, wurden jüdische Bürgerin die Gemeindevertretungen gewählt. Zu Wahlmännern wurden sie an zahlreichen Orten, darunter eist Rabbiner und mehrere Lehrer, und zu Abgeordneten drei gewählt und darunter als besonders bemerkenSwerth von Nürnberg der rühmlichst bekannte k. Advokat Dr. Frankenburg. Dieser hat bereits in der Adreßdebatte sich rednerisch hervorgethan, in Folge dessen ein Ultramontaner ihm dm Juden vorgerieben hat. So wa« zieht nicht mehr. Gelegentlich der Veröffentlichung eines Rechenschaf»- berichts SeitmS der Würzburger Lehrerbildungsanstalt ist in einem politischen Blatt Mittelfrankens ein scharfer Angriff auf die Stellung ihres Direktors zum allgemeinen Seminar dort erschienen, der nicht ohne Erfolg sein soll. Aussehen hat derselbe durch die Behauptung eines in jener Anstalt geltenden Verbot« aller und jeder Uebung eine» musikalischen Instrument» erregt. Er hätte auch noch hinzufügen können, wa» bet jüdiscken Spendern durchschlagender gewesm wäre, daß H. Rab. Bamberger nicht mehr als wöchentlich eine Stunde zum Schönschreiben zulassen wollt« und nur auf die 'Erklärung des betreffenden Lehrer», damit seine Aufgabe nicht lösen zu können, deren zyrei gestattete. Uns will eS bedünken, es sei der Fortbestand dieser Anstalt durchaus nicht so sicher, wie man gewöhnlich annimmt. Mit 15000 fl. Gründungs-Capital und einem HauS kann man auf die Länge, wenn man die jährlichen Exigenz - Mittel erst zusammmbetteln muß, nicht fortmachen. Wenn in Finanzsacken bekanntlich alle Gemüthlichkeit aufhört, die thatsächliche Frömmigkeit hört nicht minder gern auf und zwar gar oft bei denen, welche den größten ReligionSeifer an den Tag legen. Fürth gibt grundsätzlich keinerlei Beitrag, unk daS Einschicken will nicht in Gang kommen. BemerkenSwerth ist, daß viele Lehrer, welche nickt bewogen werden können, für die Achawa etwa» zu thun, für diese Angelegenheit ihre volle Thätigkeit einseven. Hat doch ein Lehrer sogar seinen Namen bei einer namhaften Spende *) entstell^ wahrscheinlich um nach beiden Richtungen genehm zu erscheinen. Im Allgemeinen glauben wir, die Anstalt beruhet auf zwei Augen und wird damit stehen und fallen. In Fürth drohte ein Confiikt der zwei Parteien. Die Gemeinkeoertretung hatte mit Zustimmung der orthodoxe» Mitglieder ein neues Wahl-Statut angenommen, dem der protestantischen Wahlordnung nachgebildet, wonach Jeder aktiv wahlfähig sein sollte, der eine Steuer bezahlt, und war die Sache dem Abschluß nahe. Da erwachte der Eifer der Alten: die fremden Commis würden die Wahlen machen, schrie man, in Wahrheit fürchtete man, von dem jungen aufgeklärten Geschlecht überstimmt zu werden. Durch die Fürsprache eines sonst gar nicht orthodoxen Mannes gelang e» aber noch, daß Seitens der Regierung die Sache noch einmal zur reiflichen Erwägung an die Gemeindevertretung zurückgegeben wurde, wo sie noch liegt. Ein anläßlich einer Veröffentlichung über die Reinlichkeit resp. Nichtreintichkeit rc. im dortigen jüdischen Wri» senhause veranlaßter Preßprozeß, der mik Freisprechung endigte, -weil der Beweis der Wahrheit angetreten wurde, hat viel Staub aufgewirbelt und die Orthodoxie hat sich sch.ver darüber geärgert, daß der Vertheidiqer de« Angeklagten, Herr Dr. Feust, ein ») Zur Lehrerbildung»- (resp. Verdummung»-) Anstalt? Red, i