Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1870-02-23 · 8 (23.2.1870) · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
8 (23.2.1870)
Date
1870-02-23
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4896751-5428708-5432097--2806-4899120
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ten — aber er k ann e« nicht. Ein ernster Ruf ertöntaus dem tiefsten Grunde seine- Innern: Harre aus! Wer bebarrt bis «nS Ende, erringt die Krone des Leben- I Und er spricht zu seinem Berufe: Ich laste dicb nickt, du segnest mich denn! Und mit neuer Kraft und frischem Mathe gehteranS Werk- Er thut heute wieder unverdrossen, was er schon hundert Mal gethan bat; er sinnt nach, ob er nicht mit deutlicheren Worten, in ernsterer oder au 5, in liebreicherer Weise den Eingang in Geist und Herz seiner Zöglinge sich eröffnen kann. Er hat G e d u l dEr weiß, wie die Senne mit Licht und Wärme der längsten Nackt ein Ende machen wird, so' bleibt auch seine Arbeit nicht vergeblich. Nicht die Gerechtigkeit indem Amte des Richtenden oder Strafenden, nicht der Math in dem augenblicklichen Kampfe, nicht die so oft irrende Liebe, di?, wenn sie nicht erwiedert wird, sich trauernd zurückzieht, — nein, die Geduld, die nie ein Kind aufgiebt, die nie zaghaft eine Arbeit unvollendet liegen läßt, die nach hundert mißlungenen Versuchen mit unzerstörbarer Kraft, wie die Natur selbst, immer wieder begännt — das ist die erste Eigenschaft des Lehrers; das ist die Eigenschaft, die er gar nicht entbehren kann, die ihn erst reckt eigentlich zum Lehrer macht. Man denke sich den Lehrer nur einmal ohne Geduld! Wo bleibl da die Liebe und der Muth und die Ge-, recktiakeit? Sie alle sind aufwallende, vorübergehende Regungen; sie erfüllen dar Herz des Beginnenden, sie treiben zur freudigen Ergreifung des Lehramtes; aber sie verlassen den' Lehrer,, wenn er nicht warten gelernt hat, wenn er meint, jedes Wort, daß er spricht, solle gleich reiche Frucht bringen, wenn er »ehr Freude an seinem geschickten Lehren als an dem, wenn auch schwachen Lernen seiner Schüler findet. Die Erkenntniß: .ich darf nie verzagen, nie die Hoffnung sinken lasten, nie verdrossen mich auf mich selbst zurückziehen: ich bin als Lehrer berüfen, mit täglich erneuerter Kraft, gleich dem Sonnenlicht in der Natur, in meiner Schule die Dunkelheit der geistigen Nacht und die Kälte des unempfänglichen Gemüthes zu bekämpfen", wird in ihm auch die Hoffnung auf lohnenden Erfolg nähren. Sein Beruf erscheint ihm herrlick und groß; er fühlet in sich eine Gotteskrafl, die unverwüstlich und ruhig wirkend und schaffend ihn in Harmonie bringt mit den ewigen Gesetzen, die die Welk regieren und. die auch die. Menschheit selbst ihrer Vollendung näher bringen. Es ist die Mittagsstunde. Der Lehrer hat seine Zöglinge entlassen. Er zögert, den Schritt in den Familienkreis zu lenken. Warten nicht Weib und Kinder seiner? Steht nickt das Mahl bereit, ihm neue Kraft nach mühsamer, erschöpfender Arbeit zu gewahren? Ja, freilick. Weib und Kind warten seiner, auck mit Liebe und Tbeilnahme. Aber sie sind nicht lebenSftoh; die S»rge wohnt in ihren Mienen; Die Entbehrung hat sie geschwächt. Mit aller Anstrengung kann er ihnen kein /glückliche« LooS bieten. Da» kärgliche Mahl, kaum den Hunger stillend, gibt weder ihnen noch ihm Kraft und Frische. Er ist nicht im Stande, des Leben» Nothdurft anzuschaffen. Wohnung und Geräthe, Kleidung und Nahrung — Alle» bezeichnet das Hauals den Sitz der Armuth. Ec fühlt bei der aufregenden Tbätigkeit bereits seine Kräfte abuehmen; er sieht schon die Seinigen al» darbende Wittwe und Waisen; sein Herz thut ihm weh und er zürnt fast der Stunde, die ihn seinem Berufe zuführte. Ehe wir tief ergriffen zurücktreten, sehen wir uns noch einmal um! Wir suchen umsonst etwas, das keinem Lehrer fehlen dürfte, den Schatz, der ihm geistige Nahrung spendet, der ihm die weiten Gebiete menschlichen Wissens und Schaffens eröffnet. Wo sind die Heroen der deutschen Literatur, der deutschen Pädagogik? Wir haben Lehrer wirken sehen, die keinen Schiller oder Göthe oder Lessing besaßen oder gelesen hatten; die von den deutschen Pädagogen nur die dürftigen Notizen des geistig-dürftigen Seminars sich bewahrte». Woher dennoch der unverdrossene Sinn, mit welchem der Lehrer nach kurzer Rast in seine Elaste zurückkehrt? Woher der Muth, der Entsagung, der ihn Weib und Kind und de» Lebens Freuden und Genüsse fast vergessen läßt? Er hat Geduld! er weiß: ich habe eine Lebensaufgabe; ihre Lösung ist eine Pflicht. Ich kann und darf nicht anders. Möge mir alles fehlen, nur nicht das Be wußtseiu der Treue! Und wieder sieht er nach, ob die Saat, die er gestreut, zu keimen, zu wachsen beginnt; ob die zarten Pflänzchen nicht inzwischen von den rauhen Winden Schaden gelitten, und wieder arbeitet er, um den -schaden zu bestern, um seine Zöglinge zu fördern, so weit er e» vermag. So vergeht ihm ein Tag nach dem andern; und er, der Arme, macht Viele reich, er, der Trauernde, mach! viele froh, und die Freude im Auge der Kinher, das Auswachsen seiner Zöglinge zu verständigen, sittlichen Menschen ist ihm reicher Lohn für seine Geduld und Treue. W r steht und schätzt aber diese Geduld und Treue? Die Eltern etwa? So recht und ganz thun daS doch nur Wenige; sie glauben Alles gethan zu haben, wenn sie nur nicht mit rauher Hand niederreißen, was er astfbaut, wenn sie ihm geben, was ihm gesetzlich nicht versagt werden darf. Es ist ein Glück, wenn der Lehrer auch durch den Undank sichnicht in seinem geduldigen Schaffen stören lägt. Aber seine Vorgesetzten? Sie, die Hüter und Wächter der Schulen, die Pfleger und Förderer aller -idealen Zwecke! sie die Vertreter der Wissenschaft, > die Ordner und Führer im heiligen Gebiete der > Schule? Jawohl, es gibt Einzelne, wie schon immer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.