Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 3 (19.1.1870)
- Date
- 1870-01-19
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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18 — alte Anschauung in Religionssachen aufgeführt wird, im Judenthum nie vorhanden war. Selbst das wissenschaftlichgebildete sogenannte orthodoxe Iudenthum unserer Zeick, das doch nicht ganz vorurtheilsfrei genannt Werder kann, wird in den meisten Punkten mit utr übereinstimmen und steht mithin aust dem Boden, den das moderne Christenthum demnach' erst zu erringen, zu erkämpfen Veranlassung bat. ' Um dies zu. erweisen, stellen wir die einzelnen Sähe hierher, wie sie in der vorliegenden Arbeit aufgeführt und stellen, diesen die Grundsätze des Judenthums gegenüber. Diesterweg führt die Meinungen der alten Zet unter a, die der modernen unter b auf; wir stellen diesen die Anschauungen des Jüdenthums unter c gegenüber. Zum Schlüsse des Vorworts zu jener Arheit sagt Diesterweg: „Die Wichtigkeit der richtigen Auffassung des „ Charakters der Gegenwart und-der Probleme, die m sie den Menschen dieser -Zeit stellt, bedarf für den, „ welcher, wie der Lehrer, für diese Zeit und ihre „ Folgen erziehen und bilden will und soll, keiner „ Nachweisung." Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Wichtigkeit der richtigen Auffassung dessen,'was wir als Juden als unumstößliche Wahrheit besitzen und beseiten haben, und wonach wir ringen und streben müssen, unsere bedeutsamste Aufgabe ist und bleibt. Es ist nnser Glaubens be kenntniß. Also a alte, b moderne,, c jüdische Anschauung. a. Die Bestimmung des Menschen liegt im Jenseits; sein Erdendasein ist nur Vorbereitung auf dasselbe. b. Es hat auch einen selbstständigen Werlb. c. Das Judenthnm hat die Erde' stets als die Stätte betrachtet, für die wir geschaffen, -uf der wir wirken, uns stetig vervollkommen sollen. Die sogenannte „Perhimmlunz" des irdischen Daseins war t nie im Judenthum üblich. Die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ist dabei eine Voraussetzung, die allezeit die Bekenner des-Judenthums als unumstößliche Wahrheit anerkannten. Die -heil. Schriften Israels haben wohl Beweissätze dafür, daß diese Wahrheit auch unseren Vätern nicht unbekannt war, aber sie habekinesx eine Hinweisung darauf, daß die Annahme dieser Wahr-, heit ein Dogma des Judenthums sein und werden! sollte. *) Sie spricht überhaupt nie direkt davon, behandelt diese Lehre-als -eine im Wesen des Men- *) Es ift neuerdings nachgewiesen worden, daß man bisher mit. Unrecht annahm, die Seele der Sadducäer hätte die 'Unsterblichkeit gcläugnet. Ter Kampf zwischen schen begründete Wahrheit, die weder einer besonderen Erläuterung und Empfehlung bedarf, noch Dogma, Glaubensgesetz werden soll. Alle Gebote, Lehren und Anordnungen der heil. Schrift, alle ihre Verheißungen, Mahnungen, Lohn und Strafe sprechen immer nur von diesem, dem irdischen Dasein. a. Der Zweck seines (des Menschen) irdischen Daseins wird erreicht durch Gläubigkeit, (sola tiäs). b. Der Glaube ohne Werklhätigkeit ist todt. c. Das Iudenthum war nie das, was man mit dem Worte „Confefsion, Glaubensgemeinde, Bekenntnißgenossenschafl" belegt. Es läßt sich nur mit dem Worte Religion umfassend bezeichnen, was Wissen und Handeln von und in Gott bedeutet. Die Einzige - unbestrittene Glaubenslehre — Gott ist einzig — war und ist mehr Vernunftwahrheit, als Dogma, also nicht kirchliches GlaubenSg setz im christlichen Sinne des Wortes. a. Die Gläubigkeit besteht in der willigen, unbedingten Annahme der von den Kirchen formulirten Bekenntnisse, in der lutherischen Kirche z. D. des lutherischen Katechismus, der Augsburgischen Confession und der Schmalkaldischen A tikel. b. Der Glaube hat nur Werth als Produkt der eignen, innern Ueberzeugunz des einzelnen Menschen, d-r Gewissensglaube, der mit der gesammten Denkweise desselben übereinstimmt und ihn in seiner Thäligkeit leitet. c. DaS Iudenthum hat keine Kirche, kein bestimmt formulirtes Glaubeusbekenntniß im christlichen Sinne. Selbst die Sätze, welche einz.lne große Männer - - Gelehrte als den Ausdruck dar Glaubensüberzeugung der Gesammtheit, als Glaubenssätze formuliren zu müffen glaubten, zu einer Zeit, da man befürchten mußte, daß der äußere Druck des Geistesleben des Judenthums beeinträchtigen könnte, sind nie kanonisch geworden, stammen zudem auschiesem Jahrtausend, sinv von den frömmsten Israeliten in der verschiedensten Weise besprochen verstanden erklärt worden -a. Die Artikel des formulirten Glaubens haben unabänderliche ewige Geltung. b. Sie sind Erzeugnisse ihrer Zeit, haben als Kundgebungen der Reformatoren historischen Werth, sind Denkmäler der Rechtfertigung vor Kaiser und Reich, Pharisäismus und Sadducäismus bestand nur in der Lehre über Wicderauflebung der Tobten. „Die phsychische Unsterblichkeit war ein Grundprincip des Judenthums und konnte, als diesem immanent, am wenigsten von der Priesterpartei der Sadducäer geleugnet werden. Vielmehr stellten sich gerade diese, als vorzüglich zu den Hütern und Trägern der Lehre berufenen Priester, dem Eindringen der heidnischen Lehre von der Auferweckung der Tobten entgegen." Siehe Rothschild, in dessen neuester Schrift „Synagogastultus, S. 60.