Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 2 (12.1.1870)
- Date
- 1870-01-12
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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und zum Untergänge geführt habe«. Durch das Gesetz seien diese verhindert. sich auf dem platten Lande niederzulaffen, ja, durch Polizei- und Patz-Plakereien ist eS ihnen fast unmöglich gemacht, ihre Stadt zu verlassen. Dazu kommt das sonderbare, unter den Juden dieser Gegend übliche System der Heirathen: man verheirathet sich hier weit häufiger und viel früher als irgendwo anders, die Frage der Existenz und Ernährung kommt fast nicht in Anregung und die Folge ist, daß unzählige durstige Familie, nach kurzer Dauer der Ehe, der öffentlichen Mildthätigkeit zur Last fallen. 2) Die Con centriru ng alles Handels auf die Nähe der Eisenbahn. Kaum gibt eö in diesem Theile von Rußland eine Seitenbahn, welche mit' der großen Staatoeisenbahn in Verbindung setzt, za. es fehlt säst noch gänzlich an Baustraßen und fahrbaren Wegen dahin; der Handel der Kleinstädte hat sich vermindert und zieht sich jeden Tag mebr und mehr in die Nähe der Bahn und so begreift sich le'cht der zunehmende Verfall der jüdischen Bevölkerung, von welcher 70 Proceut einzig und allein vom - HGtdel leben. y3) Das System fctr Besteuerung, die hauptsächlich auf Handel und Industrie laste, und die nicht bloS durch ihre enorme Höhe. sondern auch durch die Art der Erhebung äußerst nachtheilig und lähmend auf dieselbe wirke. 4) Die Reformen derGesetzgebung und Verwaltung, durch welche das russische Reich in neuerer Zeit versucht hat, sich der europäischen Civilisation zu nähern. Dadurch sei ein UebergangSzustand geschaffen worden, der in seiner Un'icherheit und Ungewißheit einen sehr schädlichen Einfluß übe: Die alte Ordnung der Dinge sei aufgelöst, ohne daß kem Anscheine nach bisher eine beffere an die Stelle getreten sei; die Auflösung des vormaligen Verhältnisses 'y zwischen Gutsherren und Leibeigenen haben eine große Anzahl Juden ihrer Stellung als Zwischenhändler, Vermittler, Verwalter, Pächter, und damit aller Existenzmittel beraubt. 5) Die niedere Bildungsstufe, welche die jüdische Bevölkerung einnimmt sei eine der vorzüglichsten Ursachen ihrer gegenwärtigen Noth. Seit Jahrhunderten sind unsre dortigen Glaubensgenossen auf gleichem Zustande stehen geblieben und haben alle Fortschritte der Zeit spurlos an sich vorüberxehen lassen: die Abneigung, der Widerwille des westrussischen Juden gegen die moderne Civilisation sei übrigens eine allbekannte Thatsache und cs bestätige sich hier abermals jenes große Princip der National- Oeconomie: „daß die'allgemeine Wohlfahrt keine bessere und sichrere Bürgschaft habe . als eine gute Erziehung" womit der Ausschuß den Ausgangspunkt seiner Bemühungen angedeutet haben will. Von de! Erörterung zweier anderer Gründe des NothstandeS! „Der niedere BildungSstand Westrußlands überbt upt und der Ausnahmsstellung, die sich der russische und polnische Jude in freiwilligem Fernhalten von oller Berührung mti der ihn umgebenden Bevölkerung selbst geschaffen hat" — erklärt der Ausschuß von v>rnherein, sich „wohlverstanden" fern Halten zu wollen. Zu de t Mitteln der Abhülfe übergehend, setzt das Coniitö zuerst die Schwierigkeit der Aufgabe auseinander; sie liege:. 1) inder gro ßen Ausdehnung derNoth. Es sti freilich die umlaufende Ziffer der Nothleidenden, wonach ich dieselbe in den Gouvernements Kowno, Wilnas Minsk, WitebSk und Augnstowo auf 21/2 Million'btlailfen, nicht als g nau anzunehmon. Aber, um nnr voni vergangenen Jahre zu sprechen, so haben 300 Stäete Unterstützungen erdeten und erhalten! Weisen wir nun jeder derselben im Mittel nur 500 Seelen an Bivöflkerung.zu, so ergibt dies eine Summe von eininalhrnhert bis 50000 Nothleidender — eine Zahl, welche t er Mildthätigkeit ein schweres Pröblein zur Lösung biete und ganz ausnahmsweise Mittel nöthig mache. Die geringen zur Verfügung stehenden Mittel.. Wohl habe sich die Mildthätigkeit auch hier n ieder glänzend bewährt, Tausende seien dem schrecklichsten Hungertode entrissen worden, mehr als 200000 Thaler stirn — die zahlreichen und bedeutenden direkten Sendungen ungerechnet — burck die HülfScomiles vertheilt wereen. Da aber der Mitleid erregende Nctbschrci der Hungernden jetzt ,aufhöre, man dann auch auf die bisher mächtige Beihülse auS christlichen Ks eisen verzichten müsse, ,eS sich auch nicht um eine einzelne Gabe und augenblickliche Abhülfe, fondenl um mehrere, vielleicht 10jährige unausgesetzte Beiträge handle — so müsse man, trotz der israelitischen Opferwilligkeit, mit Rücksicht auf das Ungeheuer der Aufgabe, auf nur bescheidene Msttel rechnen nnd Anfangs sich auf solche Maßregeln beschränken, di! nur eine einmalige Ausgabe nöthig machen. 3) ^Besonders aber werde die Aufgabe erschwert durch die politische und persöNlicheSachlage, die oben sub 1—5 gegeben wurde, da dieselben Ursachen, welche die Krisis herbeiführten, auch die Heilung hindern — in Gegenden, die durch Sprache und Sitte von uns getrennt, durch Polizei- und Paßhinderniffe fast u,n ugänglich gemacht sind, wo wir von der Regierung sowohl als von unjern Brüdern selbst Anfangs mit Mißtrauen werden angesehen werden. Doch »ir werden unter den russischen Juden selbst zahlreich: geistig Befähigte und hinlänglich Gebildete zu unserer Unterstützung finden uud die Regierung T