Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 2 (12.1.1870)
- Date
- 1870-01-12
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 10 — als beziehe sich dies bloS auf Glaubens genoffen — grundfalsch; da in diesem Falle, was selbst der von den Judenfeinden mit Unrecht verleumdete Talmud öfters nachweist, Ochicha („Glaubensbrüder") stehen müßte! Doch wir wollen dafür das sog. Neue Testament (Marcus .12,28—33) selbst zeugen laffeq. V „Als die jüdischen Schriftgelehrten Jesum frag- . \ ten: „Welches ist das vornehm ste.Gebot (im mosaischen? Gesetzbuche) vor allen Andern?", antwortete dieser mit jenen alttestamentlichen Schriftstellen: „„Höre Israel der Herr, unser Gott ist ein einiger Gott! Und V Du sollst Gott, Deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von. ganzer Seele pnd mit allen Deinen ' Kräften!"" V. M., 6, 4. u. 5. „Und das Andere -.ist ihndvgleich: „^Du sollst deinen Nächsten lieben, (wie dich "selbst!"" III. M. 19, 18. Vergleiche damit Vers 34, wo eS Ausdrücklich heißt: „Du sollst den Fremdling (Oer) dev also nicht deines Volkes und GlaubeyS ist <-^ liebey wje dich selbst!" '. ES ist freilich dieser, das Wichtigste des mosaischen Gesetzes hervmchebende AuSsprucb. schon circa 60 Jabre früher von dem alten Schristgelebrten Hillel gethan . worden! (s. Talmud Babli. Trartat Sabbath 3la., . u. dergl. dam. Tlm. Jeruschalma Js. Nedarim IX. l z. 4. Dann das apokryphische Buch Tobias 4. 15.) i Ob jedoch die zyerst Angeführte Glaubenslehre sich im Ebristenthuo, so vein wie im Judentbum erhalten habe? . Diese Frage mag sich der den'gläubige Leser s'lbst beantworten. Doch das Interessanteste in dem allegirten Artikel des „Katholischen Volksblattes" bleibt un» noch zu beleuchten übrig. An dem sogenannten „Großen Sabbat", welcher dent israelitischen Erlösungsjeste (Pesiach) vorangeht, wird in den sog. orthodoxen Cultusgemeinben das poetische Gebet „Jtti mtllebanon kallah“ (s. Hohenlied 4, 8*) eingeschaltet, welches nach einem prophetischen Vorbilde (vgl. bz. Jesaia 62, 5 und Jeremia 2, 2.) ein Zwiegespräch zwischen dem himmlischen Herrn und seiner irdischen Braut! — das ist die Gemeinde Jsrael's —' s-bildert und sich auf die Sclaverei in, und den Auszug an» Egypten bezieht. Nun heißt eS unter Anderem darin: „ Das wilde Thier (-Pharo) unterjochte mit seinem verstockten Herzen die Bräut (- Israel) und trieb sie zur Sklavenarbeit, um ihre Schönheit zu entstellen! Da rief der Herr seine Boten (-die egyptiscken Landplagen) zusammen und eS kamen Frösche, Heuschrecken und sonstiges Ungeziefer haufenweise „Chomorim" herbei!" Der gescheite Artikelschreiber verdrehte aber diese» ebräische Wort und machte daraus „Chamorim" „Esel!"; wobei indeß nicht abzusehen ist, welchen *) Ti« mystische Deutung des lEalomonischen) Hohenliedes hat betantlich diech-istliche Kirche der jüdischen Kabbalah nachgeahmt und auf sich angewendet! Bezug diese mystische Dichtung über die egyptische Sklaverei auf die Christen haben könnte? Wahrlich, nur der Derfasier jenes Artikels ist in Folae seiner Unwissenheit dem von ihm herausgedrehten E s e l ähnlich, wenn er nicht gar dem boshaften „wilden Thiere" Pharo gleicht! Schließlich-klingt es mehr als sonderbar, wenn der Verfasser dieser Calomnie „die modernen Juden", welche sich vorzugsweise an der reinbiblisch en Religionslehre halten und jenes mystischpoetische Gebet aus ihrem Gottesdienst längst entfernt haben, besonders angreift, die talmudischorthodoxen Juden dagegen in Ruhe läßt. Sollte er etwa sich hierdurch eine Abfertigung seitens des dort erscheinenden „Israelit" ersparen wollen? Weil er leider von der andern Seite gegenwärtig keine Replik zu befürchten habe? Nun, so wollten wir, um der Wahrheit willen, dafür einsteben! (Psalm 60,6.) vr. Hochstädter, Bezirksrabbiner zu Bad EmS. Bericht des zu Königsberg (Preußen) niedergesetzten Central-HülfsauSschusseS, über die Nothder russi sen Jsraelite n und dieMittel zur Abhülfe derselben. (Schluß.) Der Bericht deS KönigSberger Ausschusses selbst ist ausführlicher und pracisirt im Eingänge seine Aufgabe dabin, daß es sich nicht um vorübergehende Linderung und Unterstützung handeln könne, sondern um 'die Heilung einer socialen Wunde, die,- tief und längst vorhanden, durch die Mißernten von >867 und 1868 nur befördert und den Augen der Welt bloß gelegt worden sei. Zwei Drittel der ganzen westrussischen Juden-Bev ölkerung entbehre jedes Gewerbes, jeder persönlichen HülfSquelle, sei einzig und allein auf fremde Unterstützung angewiesen, und dem unvermeidlichen Untergange preiSgegeben, wenn sie diese nicht erhalte. (!!) Erstaunt, «rschrea t fragt man sich um die Ursachen eines solchen entsetzlichen, sich täglich noch vergrößernden Elends und findet solche leider! hinlänglich -erklärt. AlS solche führt der Bericht an: 1) Die Uebervölkerung der Städte. Zn den Städten bilden die Juden die hauptsächlichste, zuweilen die fast ausschlleßliche Bevölkerung, und diese Bevölkerung betreibt in der Regel einerlei Gewerbe, hat einige Lieblings-Händewerke, leidet an mangelnden Auswegen und Consum und in Folge davon an einer erdrückenden Concurrenz, welche die gewerbtreibenden und arbeitenden Klaffen allmählig zur Unthätigkelt