Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1870-01-05 · 1 (5.1.1870) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
1 (5.1.1870)
Date
1870-01-05
Page
Seite 2 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4896751-5428708-5432082--2743-4899064
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wenn es sich darum handelt den Bruderbund der in Parteien geschiedenen Menschheit herbeizuführen durch den Frieden Israels; wenn wir nachgeben scllen in der religiösen Praxis, im Leben der Synagoge, damit das Große und Güte „mit vereinten Kräften" erzielt werden kann, damit die gemeinsamen Institutionen nicht zu Grunde gehen/ so gehören auch wir zur Partei der Mitte. ’ Wenn aber diese Richtung innerhalb des Zudenthums s o die Permittlung fick denke, daß sie die vorhandenen Gegensätze vertuschen, das geistige Leben ersticken, den gesunden Fortschritt auch in geistiger Beziehung hemmmen will, wenn sie nach jeder Seite hin unverrückbare Geistessckranken ausstellt rmd sagen möchte: bis hierber und nicht weiter; wenn sie das Ketzergericht über beide Parteien ausübcn will, so neunen wir eine.splche Vermittlung: Charakterlosigkeit! Und wenn wir hineinschauen in die Gemeinden, so finden wir leider! daß dieser Richtung mehr und mehr das Feld geräumt wird. Man liebt die Rübe, den Frieden. Die leitenden Persönlichkeiten, für sich selbst allem religiösen Leben entftemdet, glauben sich als die Bewabrer eines Gefäßes ansehen zu müssen, dessen Inhalt sie nicht kennen, der ihnen also gleichgültig ist. Sie wollen daher wirken für diejenigen, deren Sachwalter sie sind — und wollen die Ruhe nach allen- Seiten bin erhalten — Grabesruhe^- ~.i Wir kennen nur ein Land der Mitte: es heißt iss h i n a! Und die Rabbinen? die Lehrer? Wir wünschten wohl, diese Männer, welchen ein so verantwortungsvolles. Amt geworden, als offene und rückhaltslose Vertreter ihrer Ueberzeugungen, als die treuen Wäckter der Gkiammtheit anerkennen zu können. Aber dem ist leider nicht so, mindestens nicht immer so! Auch bier reißt das Liebäugeln mit allen Richtungen ein und offene und entschiedene, energische Vertreter ihrer Überzeugungen werden immer seltener. Kann das dem JudezNhum, kann cs der Schnle, dem Leben zum Heile gereichen?. Cs ist eine bekannte Wahrheit, daß die Vermittler auf geistigen Gebieten nur für kurze Zeit oben sind. Dann werden fie von beiden Seiten gericktet, beseitigt — für immer! Nur Offen-eit, Klarheit, Wahrheit/ energische Tbat, entschiedene Ueberzeugungstreue erringt Vertrauen und Sieg auf die Tauer. Wir wollen nicht.auf einzelne Vorkommnisse im Leben der Gegenwart eingeben. Sie werden sich ans der Prüfung der Thatsacken ergeben: aus (Ereignissen, die für Jedermann, offenkundig iind. Wir wollen nur auf eie Ausgaben aufmerksam macken, die uns solcken Erscheinungen gegenüber als Lehrer obliegen. Die Scküle ist eine Stättedes Friedens, und wir haben 'ckcn öfters ausgei'vrock":i, daß wir Kuderherzen nicht belästigen dürfen mit Hadersachen. Aber dennoch ist die Schule die Stätte, von der die Bildung der Charaktere ausgehen muß; und die Lehrer haben die Pflicht, dahin zu wirken, daß unsere Zeit an der Bildung von Charakteren arbeite, damit redliche Ueberzeugung, Wahrheit und Offenheit wieder Geltung erhalten. Für Kenntnisse und Einsichten mag in unseren Schulen hinreichend gewirkt werden; aber für die Bildung des Willens, des Charakters? Unsere Schule muß wohl eine Denkschule sein, damit Unwissenheit, Unverstand, Dummheit aus den Massen entweichen. Auch das Material, das wir als Denkstoff bieten, maß derart sein, daß es zum Motiv tüchtiger sittlicher Handlungen werden kann, den Willen zu erregen im Stande ist.. Grundsätze sind solcke Sätze, welche auf dem Grunde unserer Seele haften, sich daselbst festgesetzt haben. Sie können nur entstehen durch klares Denken über bemerkenswerthe Stoffe; sie können nur entstehen aus e i n e m Weges durch den Kopf inö Herz! GemüthSduselei, Unklarheit, gedankenloses Hinnehmen , erzeugt keine Grundsätze, kräftigt nicht den Willen züm Handeln, wirkt nicht für Charakterbildung. Wohl muffen wir dem Leben daS Meiste in diesem schwierigen Geschäfte überlassen, denn „der Charakter entwickelt sich im Strom der Welt". Die Schule thut ihre Pflicht, wenn fie — wir wiederholen — das Denken fördert mit aller Kraft, das klare, vernünftige Denken übt an edlem Stoffe, Hierzu geeignet ifl vor Allem die Geschickte, die GeschichteJSrae!S. Auch die Leidensgeschichte! Wir lassen auch diese uns nicht nehmen; auch sie kann Mitwirken; denn zeigt sich der Charakter nicht im L e i d e n oft so sehr als im H a n d e l n? Dann wirkt die Schule auf den Ciarakter, wenn die Zucht in derselben, die Disciplin. eine pädagogiscke ist: ein inneres Muß an Stelle des rein äußerlichen'tritt; der Wille der Schäler von Innen heraus gezwungen wird, wenn der Liebe und dem pädagogischen Takt des Lehrers der Wille des Schülers von selbst entgezenkommt. „Der Mensch muß müsstu"; „derMenschmu s; nickt m üs sen;" es liegt eine große und erhabene Lehre in diesem auffallenden Gegensätze in den Worten des Dichters. Der Lehrer der Jetztzeit ist von den Grundsätzen der „philantropischc» Pädagogen" längst zurückgckommen. die Alles auf gütlichem Wege abmachen wollten. Er weiß jetzt, daß die Schnle nur wirken, kann durch strenge, energische Zuckt. Aber darum ist der Lehrer kein Bramarbas und die Schule kein Zuchthaus iin schlimmeren Sinne des Wortes, sondern eine Anstalt, .vo sas strenge unerbitt'-icke Gesetz den Willen leitet, wo die Kinder angebalten werden: ne r gi s ch z u w o l l en, damit in ihnen die Kraft entwickelt werke, das Gewölkte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.