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Der israelitische Lehrer · 1870-01-05 · 1 (5.1.1870) · p. [Seite]

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
1 (5.1.1870)
Date
1870-01-05
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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er IsrsMjsclle Lekrer. Wochenschrift für die allgemeinen Angelegenheiten des Judenthums und insbesondere des israelitischen Lehrer st andes. Organ für den Verein „Achawa. " Jfä 1. ' Den 5. Januar 1870. ly. Jahrgang. Wöchentlich I Rümmer Birrteljährlicher AbonnementSvreis 40 kr. — IIV2 Egr. Anzeigen zu 1 Sgr. di« Petitzeil«. Bestellungen nehmen alle Postämter und Buchhandlungen an. ßharakter und ßharakteröildung. Es mangelt unserer Zeit an Charakteren. Dieser Vorwurf, den wir so oft vernebmen, ist er begründet? Ist er wahr, wahr auch im Hinblick auf Anstauungen und Zustände innerhalb der jüdischen Gemeinden, wahr in Bezug auf Verhältnisse des Judenthums im Allgemeinen? Wahr in Bezug auf die Blldung durch den Unterricht, durch die Schule? Wir möchten unsere verehrten Leser' fragen, ob sie mit uns das Bedürfniß fühlen, sich einmal über obige Fragen 'auszusprechen, ob auch sie derselben Ansicht tuldigen, dieselbe Klage führen möchten? 'Was ist Charakter? „Unter Charakter verstehen wir im weitern Sinne die hervortretende Cigenthümlichkeit oder die Gesammtheit der unterscheidenden. Merkmale eines Gegenstandes, also dasselbe, was das Wort Jndiridualität bezeichnet; im engern Sinne die Festigkeit, oder, wie Hkrbart sagt, die Art der Entschlossenheit des Willens. Bildung des Charakters ist also Bildung des Willens. DaS Wollen entsteht, trenn fick mit dem Begehren die Vorstellung verbindet, daß das Begehrte zu erreicben sei. Ter Mensch begehrt, waS ihm als gut ersckeint, d. h. daS, waS fördernd auf sein Wohlbefinden einwirkt. Kinder und rohe Menscken suchen vorwiegend Sinnerglück; der Gebildete, strebt nach geistigen Gütern. Lb das Begehrte zu erreichen fei, zeigt sich beim Versuche, beim Handeln. Daraus ergiebt sich der wichtige Satz: Aus dem Begehren wird der Wille durch dieThat erzeugt. Handeln wacht den Charakter. Und deshalb hat der Dichter Recht: „Es bildet ein Talent sich in der Stille, ein Charakter in dem Strom der Welt-. — Das Ziel der Charakterbildung ist Festigkeit und Sittlicbkeit des Willens, kurz: sittliche Charakterstärke.») Dies ist die theoretische Auffassung. Praktisch sagen wir: Ein Charakter isi ein Mensch, der die Fähigkeit hat, nach sittlichen Grundsätzen zu handeln. Ein Charakter kann brechen, aber nicht sich bie» g e n. — Wir wolsen uns heute hier nur nach einer Richtung hin umschauen. ES gab eins Zeit, —~ffe liegt noch nicht weit hinter uns, — deren vorwiegender Charakter — auch die Zeit hat einen Charakter; eS ist die Physiognomie der.Charaktermenschen einer gewiffen Periode, die sich in derselben ausspricht — also, es gab eine Zeit, deren vorwijegender Charakter insbesondere auf jüdischem Gebiete der Fortschritt war. Männer staltden auf der Bühne deS Lebens, die mit ausdauernder Begeisterung, riit begeisterter Hingebung di« Fahne der religiösen Ent vicklung hoch hielten, in der Schult, in der Synagoge im Leben. Der größte Hheil jener ernsten großen Männer ist von der Bühne des Lebens abgetreten; aber die Fragen, die sie aufgsworfen, sind noch lange nicht thatsächlich, wenn auch für Viele, für die große Meh^ heit unserer Glajubensgenossen, in der Theorie entschieden. Andere Männer stehen jetzt und seit einiger Zeit am Ruder, von welchen Viele den bewußten Rückschritt vertreten. Der Kampf ist ein heftiger, ernster. Mit den Waffen dfs Geistes stehen sich die beiden Heerlager einander gegenüber. Wer zuletzt Sieger werden wird, kann nicht fraglich sein. Aber eS giht neuerdings auch eine Partei der Vermittlung; ein« Richtung können wir sie kaum nennen. Sie sucht die Gegensätze anszugleichen, die Parteien zu vermittel einigen. Gut, wenn getreu einzutreter tt, die heterogenen Elementen zu ver- *) Backhaus, L!s darum gilt, offen und wahrheitSfür die Einheit des JudenthumS, über Charakterbildung.

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