Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 49 (8.12.1869)
- Date
- 1869-12-08
- Page
- Seite 502 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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502 Jahren, seitdem wir diese Zeitschrift zu redigiren haben, nicht gewagt, eine solche umfassenve Arbeit für ' dieses Gebiet unserer Aufgabe zu liefern, so nahe dies auch zu liegen schien. Warum wohl? Weil wir erstens über einschlägige Einzelheiten uns vorerst klar werden und zu ein-gen gedachten; und. weif wir eS für Pflicht hielten, eine solche Arbeit nur mit der grössten Umsicht, mit der ruhigsten Klarheit und klarsten Ruhe auszuarbeiten, zu welcher Lebenslage und heiteren LebenSanschauung wir biS.lana nicht kommen konnten. Wir glauben, daß gereifte schulinännische Erfahrung, ernstes Nachdenken und Prüfung iiner solchen Arbeit vorausgehen müssen. Der jüdische Religionsunterricht darf — es. ist vor allem Andern nach unserer Ansicht nothwendig, sich darüber klar ^u werden — nicht zerrissen und nicht zerspalten; nicht als ein Konglomerat einzelner Disciplinen, sondern nur als eine Einheit, als die Krone des ganzen Schullebens betrachtet werden. Die Religionsschule, falls sie eine separate ist, muß sich in ihrem Plane an das'Ganze des Unterrichts möglichst anschließen. — Der Religionsunterricht sagen wir — ist ein Ganzes; er umschließt biblische und nachbiblische Geschichte, systematischen Reljgionönnterricht und Hebräisch. Welches der wichtigste Theil dieses Gesammtunterrichts sei? Nach unserer Ansicht ist dies nicht der systematische Religionsunternicht. Vielmehr erachten wir die Kenntniß der jüdischen ReligionSgeschickte, diedas Material zur Erweckung und Belebung religiöser Gefühle birtet, die Lehren des Judenthums zur Anschauung bringt und zum praktisch-religiösen Leben Beispiel und Anregung gibt, für weit wichtiger, auch besonders darum, weil schon aus ibr die Lehren und ein Tbeil, dei" vorzüglichsten jüdischen Gesetze (Sabath und Festtage rc.). sich weiter eingehend entwickeln lassen. Das ge s'chichtliche Leben Israels ist in seiner Ganzheit wie in seiner Entwicklung und seinen einzelnen Zügelt eine Manifestation des göttlichen Wesens und Willens: und wir können dasWesen unserer Religion, dieMission des Juden thums und die messianische Zukunft desselben nirgends besser kennen lernen, als aus seiner Geschichte. Aber selbst auch das Hebräische halten wir für wichtiger als den s. -g. systematischen Religionsunterricht, so lange der Haupttheil unseres Gottesdienstes hebräisch ist, — und wir zweifeln nicht, daß dies im Judenthum stets so bleiben wird. EineStheils befähigt nur die Kenntniß des Hebräischen zur lebendigen Theilnahme am Gottesdienste,' der in unserer Zeit fast nur allei,. noch der. Träger des religiöien Lebens und der ' praktische Ausdruck desselben ist; der das Individuum i als ein lebendig Theil in die Gemeinschaft deS JudenthumS einordnet, und der A Sdrnck auch dieses Bekenntnisses der Gemeinschaft ist. Dann aber enthalten unsere Gebete auch im großen Style Bekenntniß und Gesetz, Gebot und Lehre des Judenthums. Sie sind der Ausdruck unserer religiö er Anschauungen und Gefühle, der Lehren von dem Wesen und Willen Gottes und unserem Verhältnisse zu ihm; und es dürfte wohl keine Lehren und Gebote des Judenthumö geben, welche nicht i» den Gebeten angedeutet oder klar ausgedrückt wären. Wir gestehen, — und wir fürchten uns nicht vor dem Vorwurf sogenannter orthodoxer Gesinnung, welcher wir bekanntlich ferne stehen, — wenn wir erklären, daß wir einer tüchtigen Kenntniß deö Hebräischen, — natürlich nur deS Lebendigen und Lebensfähigen, also besonders der vorzüglichen überall gütigen Gebete und des Pentateuch (also nicht deS Talmud oder Schulchan Aruch u. dgl.) — eine weit größere Bedeutung zumessen, als dem systematischen Religionsunterricht. Wir wissen wohl, wie wir hier gegen die Lieblingsanschauungen eines großen Theils unseker Theologen und selbst auch mancher unserer Schulmänner verstoßen. Wir werden uns jedoch zu vertheidigen wissen. Wir verkennen auch nickt die hohe Bedeutung dieses d. i. deö abschließenden Unterrichts in der Religion. Aber wir wollten nur andeuten, daß derselbe eben nur ein Zweig ist an dem Baume des Religionsunterrichts. Und wenn wir ihn auch Krone nennen wollen; nickt imm^r ist die Krone das Bedeutungsvollste und Wichtigste.— Der jüdische Religionsui terrichl beginnt im 7. Jahre mit der biblischen Geschichte; sie gibt Veranlassung Gott als den Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt, als ein einiges und einziges Wesen, als den liebevollen, langmürhigen Vater der Menschen kennen zu lernen. Sie macht uns bekannt mit der Bestimmung der Menschheit upd vorzüglich mit der Bestimmung Israels und läßt unö schon im Anfänge der Geschichte einen Blick thun in die Zeit, wo alle Menschen einen Gott und Vater erkennen und verehren werden: die messianische Zukunft. Sie fübrt uns in einzrlnen geschichtlichen Beispielen die Muster der Tugend vor, die unö in unseren Handlungen und Gesinnungen voranleuchten sollen, wie sie auch die Folgen der Sünde, des Abfalls von Gott erkennen lassen. Sie lehrt uns endlich die zehn Aussprüche vom Sinai, gibt uns Veranlassung von Sabath und Festen und anderen biblischen Geboten zu sprechen und bietet schließlich Gelegenheit, auch einzelne Bibelverse als den Ausdruck der Idee, die in einer Geschichte lebt, einzuüben. So ist die Geschichte das beste Mittel, religiöse Gefühle anzuregen, religiöse Erkenntniß zu begründen und zu praktisch religiösem Thun nrj/on ip’v tynon?’ zu ermuntern. (Fortsetzung folgt.)