Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 26 (30.6.1869)
- Date
- 1869-06-30
- Page
- Seite 322 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4896751-5428712-5432028--2495-4898843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
322 Unterhandlung, willigte der Rabbiner ein, daß der Cbasan mit Vollziehung der Trauung beauftragt werde. Dieser aber weigerte sich dessen mit Recht, vorgebend, daß ibm nicht erlaubt sein könne, was das Gesetz dem Rabbiner verbiete. Zuletzt ließ sich ein der Administration fernstehender Herr Betten bereit finden, die Trauung zu(vollziehen. Dasselbe Blatt berichtet weiter, daß in St.' DeniS -eine Wittwe, bereits bürgerlich copulirt, 'noch immer der religiösen Trauung harre, weil ihr^ckwager nur gegen Zahlung von ffOOFrcö. sich zur Chalizah bereit finden Mafien will. Und Angesichts solcher Vorgänge leugnet man die Nvtbwendigkeit einer Reform des jüdischen Ritualgesetzes und fährt fort, sich gleichgültig gegen die Synode zu verhalten, welche eine selche anstrebt'. Aus diese Weise erhält und fördert man nicht, da^ Interesse für'das Zudenthum. Starte. Der Minister des öffentlichen Unterrichts bat wieder zwei israel. Mediciner zu Professoren der Universität berufen, Isidor Beckart ür verglcichmde Pathologie und Vr. Havem für pathologische Anatomie. - (P. i.) Paris. Joseph Kahn, Chasan in Sarburg (Elsaß) bat eine Schule zur Ausbildung von Cantoren gegründet. Es wird unterrichtet: Alte und neue Liturgie, Pokal- Und Instrumental-Musik, insbesondere Gesang mit Begleitung der Orgel und deö Piano, theoretische und praktische Schechita, Religionsunterricht. (P. i.) (Eine .tragikonrische Morta rage schichte.) Man schreibt aus Warschau, 6. Zuni: „Ein hiesiger Schuster aus der Laubengasse deckte seit Jahr und Tag feinen Bedarf an Mundvorrath aus dem Kram einer Jüdin. Der Lehrjunge des Meisters, Namens Peter, hatte die ve,trauliche Misiion, alltäglich den Einkauf der d^ühstücksemmeln bei besagter Händlerin zu besorgen,, pei welcher Gelegenheit jedoch Peterlein auch sein Ich berücksichtigte und stets eine Semmel für. eigenen Bedarf vom Ständer herab annectirte. . Die Züdin wußte darum'lang.' nicht, und als sie schließlich vom kommunistischen Talente des Schusterjungen Beweise erhielt, machte sie bei dessen Lehrherrn die wohlmotivirte Klage wegen Beeinträchtigung ihres Besitzes anhängig. Der Meister erwog nicht lange die Sache, sonderm betraute sich mit dem. Vollzüge der Execution nach der bekannten Znductionsmethode mit dem Knieriemen. Peterlein wurde von da ab kopfhängerisch, denn er brütete Rache Der Plan war bald auSgeheckt und eines schönen Morgens raubte er der Semmelhändlerin ein Töchterlein im SäuglingSalter. Der geneigte Leser möge sich nur gleich beruhigen, Peter warf seinen Raub nicht in die Weichsel, er. schlachtete ihn auch nicht ab, sondern er trug ihn zur Findelanstalt und setzle dort das Kind mit der geschriebenen Bemerkung aus, daß eS noch nicht das heilige Sakrament der Taufe erhalten. Diesem half man in der Anstalt bald ab und der Findling war, ehe er sich's versah, in den Schooß der selignsachenden Kirche ausgenommen. Die .südin- Mutter, der man früher die Semmeln und bald da-! rauf das'Töchterlein gestohlen, kam durch Zdeenasso- > ciation asif den Tbäter und Peterlein gestand auch > ein, was er mit dem Kinde gethan. Die wehklagende! Mutter hatte so ihr Kind wohl gefunden, aber zurück! bekam sie! eS doch nicht, dieweil es unterdessen Christin! geworden! und der Uebertrilt eines Christen zum Judeni .thume nach russischen Geieyen nicht zuläsiig ist. Die! Mortarageschick'tc ist übrigens noch nicht endgültig! entschieden und soll vorersi deS Weitern erwogen > werden, da das Kind fälschlich als nicht getauft unterschoben worden war, während es doch faktisch früher nach mosaischem Ritus zur Jüdin gestempelt gewesen. Idew-UorE. Die silberne Hochzeit deS l)r. Einhorn i>t unter allgemeiner Theilnahme gefeiert und der Jubilar durch glänzende Geschenke geehrt worden. Uns fällt bei solchen Gelegenheiten noch imkner aus, daß die Juden wie im Privat-, so auch im öffentlichen Leben sich und Andere mit silbernen Gerüchen und orientalischem Schmucke und Luxus ehren. PZir müssen anfangen,. dem Geschmacke auch hierin eine bessere -Richtung' zu geben. Jeuilteton. Der Schmuggler. Erzählung von I. glin^enst/m. , i Fortsetzung.) Eines Tages — ich erinnere mich noch klar desselben und war I>ock erst 9 Ialire alt — war die ganze jüdische Gemeinde in der sürchterlichsten Aufregung. Morgens bei Eröffnung der Synagogenthnre fand inan die Kasten, in welchem die Wimpeln*) aufbewabrt worden, geleert, und die „Mathanbeseserbiichse" **) erbrochen. Niemand wußte oder konnte nur abnen, wer diesen Frevel verübt hatte. Mein Vater war „Gabel," ***); er fühlte sich verpflichtet, alsbald gerichtliche Anzeige zu machen. Am -Nachmittage kam ein Lumpenhändler aus einem Nachbarorte. Ihm hatte Bernhard die Wimpeln verkauft. Der Händler kannte deren Bedeutung nicht und wurde erst durch das Gerede der Juden und insbesondere durch meinen Vater, derdurch jenen Ort kam, aufmerksam gemacht. Am Abend kamen'die Gensdarmen. Sie kamen in das Zimmer des Rabbi — es war *) Leiinoandbunde, auf welchen die Geburtstag« enthalten sind; die Geburtsregister unserer Bäter. **) Almosenkass«, Matänbeteser geheime Gaben. ***) Cafsirer, zugleich an einigen» Orden Auffeher über da« Gemeindeeigenthum.