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Der israelitische Lehrer · 1869-06-30 · 26 (30.6.1869) · p. Seite 323

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
9 (1869)
Issue
26 (30.6.1869)
Date
1869-06-30
Page
Seite 323 (sequence 7)
Language
German
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323 leer. Rabbi PinckaS war mit seinem Sohne entflohen. Auch das eifrigste Rack suchen verhalf nicht zur Entdeckung. Rach einigen Wochen and mau den Leichnahm des Rabbi im Fluffe. — Bernhard war und blieb verschollen. Ich kehre zu meiner LebenSgeschichte zurück. Ich muß kurz sein. Auch das Gute wie das Böse geht vorüber. Und wenn'« vorüber ist. da verschwimmt es ineinander und läßt nichts zurück als wehmüthige Erinnerungen. So mieine Lehrjahre. Sie waren zu Ende. Ich machte mein Ges Renstück- Mit schwerem Herzen mußte ich mich vom Balfr, von der Mutter, von meiner Schwester trennen. Eben so schwer und noch schwerer säst war der Abschied von Golde und ihrer alten Mutter. Roch war kein Lori von Liebe zwischen uns gewechselt worden. Und doch waren wir io sicher in unserer- Liebe, wußten, daß wir für; einander bestimmt: ich vertraute ihr ganz, wie sic mir. Sie war damals Ist Jahre alt.! Ich wanberke. Kennt Ihr die Leiden eines jüdischen Handwerksburschen aus jener Zeit? Lauge wollte und konnte ich mich nickt daran gewöhnen, zu fechten. Aber cs mußte endlich sein, denn nirgends wollte sich ein Meister für inich finden. Der eine verlangte, daß ich am Sabbat arbeite, des andere wollw überhaupt keüien Juden, der dritte nahm nur solche Gesellen, die an seinem Tische aßen, der vierte schlug ein Kreuzt als ich mich einen Genoffen seines Hand-, wtrks nannte und zugestand, daß ich ein Jude sei. So durchwanderte ich halb Deutschland, ohne Arbeit zu finden. Sdlich fand ich in einer kleinen Stadt am Rhein ein terkomnien Es waren freundliche brave Leute, bei wtlchen ich arbeitet«. Ich arbeitete fleißig, war treu und rchlich. Mein streng protestantischer Meister war zwar sehr kirchlich gesinnt^ aberdoch ein toleranter Mann. Er ließ mich »nach meinem Gesetze-" leben, Gespräche über Religion« sachen vermied ich, ging aber der Schutznahine ineiner religissen UeberzeuUuug nicht aus dem Wege- Die drei Jahre gingen vorüber und ich »änderte wieder der Heimath zu. Mein Baker war mittlerweile gestorben; meine Mutter nährte sich kümmerlich genug von einem kleinen Kramladen. Meine Schwester war in einem entfernten Orte verheiraldet. Meine Mutter stand allein, als Wittwe; dadurch war ich vom Militärdienste frei- Ich stand wieder vor Golde; war sie auch milller-weile eine gereifte I> ngfrau geworden — war ick auch durch eine Schule derber Lrfahr ungen gegangen, — wir waren uns dieselben geblieben. Ich trug ihr Herz und Hand an — sie antwortete, daß sie nichts anderes erwartet bade. Das edle Mädchen, das so sehr zu kämpfen hatte, hatte mittlerweile so manche Hand ausgcschlagen, die sich ihm geboten hatte, die der Alleinstehenden, Mit der Sorget für ihre Mutter belasteten, eine Stütze für's Leben geworden wäre. Es war kein glänzendes Loos, das ich ihr bieten konnte, es tvar nicht einmal jene Liebe, wie sie die Dichter besingen. Die Zeit war nock nickt gekommen, wo der Jude frei sich seinen Gefühlen hingeben konnte; die Leiden, die wir zu erdulden hatten, konnte nur d i e Liebe reifen, die eine feste Stütze ist für Vas Leben — in Leid und Freud. Wir waren einig in uns — und bei allem Dunkel. das unseren LebenShorizont noch umwölkke, unendlich glücklick. Ack, es sollte nur eine kurze Zeit währen. Meine Leiden sollten bald beginnen. Es war kein Matrikel frei, — die bestimmte Zabt von Juden war im" Orte — cs durfte also keine weitere Ansässiqmackung erfolgen. 1 Dies drakonische Gesetz — wie viele blutige Thränen hat es verursackt, wie viel unverschuldetes Unglück,- namenloses Elend hatte cs in seinem Gefolge, wie viele sind moralisch und materiell daran untergegangeu! »Man soll die Juden sucken zu vermindern und nicht zu. vermehren!" beilloser schauderhafter iHcdanke! — Es war also kein Matrikel da, und ich durste nicht heirathen. Ich berief mick auf die Lage ineiner Mutter, meiner ihre Mutter ernährenden Braut, auf mein regelmäßig erlerntes Handwerk, auf die Wanderschaft; — allerlei Hinderniffe natcn mir doch in. den Weg; da sollte" einmal der Ort zu klein sein für zwei Sattler; dann hieß es; ick sei noch zu jung. ick sollte noch einmal wrandern- Der Rergeleien war kein Ende. Jede Wocheeinmal, ein ganzes langes Jahr hindurch wandertc ich zum Landgerichte. Ich versuchte alle Mittel; endlich errbeilte der König einen Gnadenmatrikel! Ick glaubte die Prüfung abermals zu Ende — und sie sing dock erst reckt an. Ick führte Golde ukd ihre Mutter in mein HauS. Die kleine Hütte schien mir ein. Tempel ungetrübten Glückes werden zu wollen UNd doch — wie bald brach das Unglück in fürchterlichster Gestalt ein! Ich wollte mein Handwerk betreiben; aber Riemand gab mir Arbeit, obwohl ick mein Geschäft rücklig verstand. ES war mit dem Jabre 1H20 ein finsterer Geist der Intoleranz auch über daS Bolk gekommen — »Hepp» hepp!' — das war ein unverstandener, aber trauriger Zuruf, der uns überall begleitete- Mein früherer Meister gebrauchte alle Künste gegen mich, die der Haß. ihm eingab- »Wie," sagte er, »sollen die Juden, die mit dem Schacher 'm»S plündern, auch nock die Handwerker ihres Berdienstes berauben?" So verkehrt dieser Grundsatz war — er fand in jenen Zeiten dock Anklang, und die Handelsleute wurden weit weniger vom Hasse des Pöbels verfolgt, als die Handwerker und die t^ebildeteu, die einen ordentlichen bürgerlichen Beruf sich gewählt hatten. Der Haß deS Pöbels ist unverständlich. Ohne Arbeit war ich inil meiner Familie blos auf den sargen Berdienst angewiesen, den das kleine Spezereigeschäft meiner Mutter abwarf. Und dabei halte ich für den - »Güsdcnmatrikel" so viele Sporteln zu Zahlen gehabt, daß viele Sckulden mich drückten. Kein Borwurf, kein schlimmes Wort kam über die Lippen Golde s und meiner übrigen Angehörigen- Aber ich konnte das müßige Zuschauen, beim drohenden Hereiubrechen des Elends Nicht ertragen. Da kam die angeborne Lust zum Biehhandel wie eine Krankheit

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