Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 24 (16.6.1869)
- Date
- 1869-06-16
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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304 auch fcer- Landlehrer > ein sehr gebildeter Mensch sein mm;. Das muß' er schon übrigens deswegen sein, weil eine tiefe Bildung dazu gehört, die Elemente jedes einzelnen Gegenstandes gut zu lehren. Die bloße Abstempelung her Lehrer zu einer vorschriftsmäßigen Gültigkeit ist zu verwerfen. Eine eigenthümliche Erscheinung ist die, daß die Berufsbildung sich geltend macht auf Kosten der allgemeinen menschlichen Bildung. Man beginnt die wissenschaftliche Ausbildung zu fdüh, z. B. das Lateinlernen. Alle Schüler müssen zuvor die Grundlage einer, allgemein menschlichen Bildung erbalten, ehe sie einem bestimmten Berufe zugeführt werden, und die Wissenschaft ist ebezr auch ein Beruf. Einem 10jährigen Kinde kanu-)nan nicht ansehen, ob es sich für diesen Beruf eigene. Die wissenschaftliche Bildung wird schneller und leickter erworben, wenn-ihr eine allgemeine tüchtige Bildung voräuSgeht, und die auf die letztere verwandte Zeit wird bei der ersteren reich erspart. Dje unglückliche Vermischungder wissenschaftlichen und der höheren allgemeinen Bildung wird besonders befördert durch das einzelnen Schulen erlheilte Privilegium, ihren Schülern die Berechtigung zu-.n einjährigen Militärdienst zu gewähren: dadurch werden die Schüler, welche sich nur eine-höhere allgemeine Bildung erwerben wollen, gezwungen: sich die Anfänge.einer, wissenschaftlichen Bildung anzueignen: diese Schüler sind nur ein Ballast für die wissenschaftlichen Anstalten. Der Zweck der Volksschule ist die Bildung des Menschen ^zum Menschen, die harmonische Entwickelung aller- Kräne desselben. Dazu gehört auch die Pftege der körperlichen Kraft und Gesundheit. Wir müssen auf den Rath der Aerzte bören, aber wir dürfen nicht verschweigen, daß schlechte Aerzte unsere größten Feinde sind,- und der Faulheit der Schüler bäusig Vorschub leisten. Der Unterrick-t soll gegründet werden aus kie Anschauung'. der realen 'Welt, Schoppenbauer vergleicht den menschlichen Geist mit einer Zettelbank, bei we:chcr die abstrakten Begriffe die Zettel und die anschaulichen Vorstellungen die Eontanten bilden. Wenn diese. Vorstellungen fehlen, so gleicht der Kopf einer zablnngsnnsäbigen Bank, welche die umlaufenden Zettel nicht durch Eontanien decken kann. Ein wesentliches Element der Volksschule ist die sittlich religiöse Bildung. Die Religion darf absd nickt confessioncll behandelt werden : man muß das Gemeinsame aller Eonsessicueu betonen, nickt die trennenden Unterschiede. Die höhere Volksschule muß, wie die niedere, für die körperliche Ausbildung der Scküler sorgen. Die.allgemein, menschliche Bildung, welche in derselben angeeignet werden soll, ist unabhängig von der Gelebrsamkeit. Seit'dem Entstellen einer klassischen Literatur gibt es eine allgemein menschliche Bildung. Wollte man dieses leugnen, so müßte man den Frauen alle Bildung absprechen, da dieselben keine wissenschafüichen Studien zu.betreiben pflegen. Das Nützliche ^>arf dabei nicht übersehen werden, nur muß es, in geistbtldender Weise behandelt werden. Darum sind an den höheren Volksschulen Lehrer nöthig, welche in der Handhabung der richtigen Lehrmethode geübt sind. In der Ausbildung solcher Lehrer ist uns Frankreich zuvorgekommen. Eine Anstalt in Eluny hat den Zweck, junge Leute zu Nealschullehrern ausznbilden durch theoretischen und praktischen Unterricht und durch Methodische Uebungen. Die Anstalt ist mit allen Hilfsmitteln reich versehen, der Unterricht unentgelvlich. Namentlich sucht man befähigte Volksschullehrer für dieselbe zu gewinnen. Auch den Gymi naiiallebrern wäre eine größere methodische Befähigung oft wünsckenswortb.! WaS die technischen Anstalten betrifft, so darf man behaupt«?: Keine Berufsschule kann der Wissenschast entbehren, und auf die Förderung der allgemein menschlichen Bildung ganz und gar verzichten, woj gegen auch keine Volksschule ganz ohne technische; Uebungen denkbar ist. * Den Ausführungen des Redners folgte die Versammlung mit der lebhaftesten Theilnahme und mit i dem raujchendsten Beifall. Man konnte es beraus- I fühlen, daß in Wichard Lange den ^Manen Diester- - weg's, dessen Büste in der Nähe der - Redner-Tribüne I aufgestellt war, und kessen Anschauungen und Grund- I sätze der Redner in seinem Vortrage darlegte, Hulj digung gezollt werden sollte, und sprach sich, nach > vielseitig an den gehörten Vortrag sich anschließenden! Discussionen, die Versammlung mit begeistertem Zuruf für die von Lange ausgesprochenen Grundsätze aus. ' Der vierte Vortrag in der Hauptversammlung s wurde von dem Seminardirektor Lüben aus Bremen gehalten. Er sprach: „Ueber die Bedeutung des Lesei buchs in deutschen Volksschulen." Er spricht sich gegen die Einrichtung des Schul- ■ lesebuches als Eompendium für die Realien und - sonstigen Unterrichtsgegenstände, und so als HülfSbuch für den gesammten wissenschaftlichen Unterricht, in, der Volksschule aus, verlangt vielmehr, daß tk; einen idealen Standpunkt einnehmend, die besten Produkte unserer klassischen Literatur, insoweit sie sich für die Zngend eigenen, enthalten solle. Verfasser der Lesebücher sollen nur diejenigen sein, die sie gei brauchen, d. h. die Lehrer selber. Das ist zum großen : Fheile bereits der Fall, und solche Lesebücher haben die andern bereits sactisch verdrängt. Soll die Regierung das. Lesebuch einführen? Dann zwingt sie | den Lehrer, der anderer Meinung ist, zur Heuchelei.