Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 14 (7.4.1869)
- Date
- 1869-04-07
- Page
- Seite 223 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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223 anziehend sind, mit so vielem Reiz als Talent ertheilen. (Lang anhaltender Beifall). Aber wir wünschen, daß im Orient unter den Israeliten Schulen eben so wohl für Mädchen, als für Knaben errichtet werden; es ist für die Frauen noch nöthiger, als sür Männer, schon ftühzeitig einen sorgfältigen Elementarunterricht zu genießen. Unsere Glaubensgenossen haben die Sitten der von ihnen bewohnten Länder mit all zu großer Hingebung angenommen: Die Frau ist dort nicht die gleichberechtigte Gefährtin des Manne». Als ich im Jahr 1840 nach EgYPlen gerufen wurde — Sie kennen jene niederträchtige Beschuldigung, welche die Juden anklagte, das Blut eines Christenkindes zu trinken. Am Osterfeste 1840 sollten sie das Blut eines 7!>jährigen Priesters im ungesäuerten Brode getrunken haben — wohl! ich war in Kairo und erkundigte mich vor Allem nach der Art und Weise, wie die Kinder er- .zogen würden. Die Knaben unterrichtete man iin Lesen und Singen dcö Hebräischen; Mädchenschulen sah ich keine. Eine gewisse Anzahl reichen Familien angehöriger Mädchen waren einer oder mehreren Frauen anvertraut, die sie überwachten, ohne sie das Mindeste zu lehren. Diese Kinder brachten den größ- -ten Theil deö TageS in einem Saale zu, auf Kissen sitzend, die auf einem großen Teppiche umhergelegt waren; wenn sie vom Sitzen müde waren, legten sie sich darauf nieder. Beurtheilen Sie nun, was so erzogene Mädchen ihrem Hause sein können, wenn sie dereinst Gattinnen und Mütter werden! Dadurch, daß die Frau in der Gesellschaft neben dem Manne nicht die ihr gebührende Stellung einnimmt, wird sie als niedriger stehend, angesehen. Freitag Abend, als man im Begrjffe war, in der großen Svnagoge den lieblichen Gesang Lecha dodi anznstimmen, jenen süßen Gesang, der die Ankunft der jugendlichen Braut seieit, war die ganze jüdische Bevölkerung, Männer uud Frauen, zu meinem Empfange versammelt; ich ergriff das Wort. Nachdem ich ihnen mein lebhaftes Mitgefühl ausgedrückt hatte, wendete ich mich an die Männer. „Wie? „sagte ich zu ihnen, befolgt ihr denn auch wirklich das „Gesetz Mosi oder lasset Ihr Euch von den Sitten „der Muselmänner mit fortreißen? Dort ist der „Berg Sinai, von hier auö würde man die heilige „Posaune hören, und dennoch behandelt Ihr, unsre „heilige Religion und unsre Geschichts gleich sehr „verkennend^ Eure Frauen, als wäret Ihr die unum- „schränkten Beherrscher derselben! Schon im zarten „Alter ertheilt Ihr einigen Unterricht Euren Knaben, „keinen aber Euren Töchtern, in Eurer Häuslichkeit „ist der Mann Herr und Meister, die Frau gehorchende „Dienerin. Wo habt Ihr denn diese Unterjochung „der Frau gefunden? Hat Gott sie nicht als Eures „Gleichen geschaffen? In Adam'S Schlaf nahm er „des Mannes Rippe und bildete die Frau daraus, „und nach jenen göttlichen Worten: es ist nicht „gut, daß der Mensch allein sei, bekam Adam „seine treue, ihm gleiche Gefährtin, er war fürderhin „nicht allein, sie waren zu zweien (Beifall) Und in „unsrer Geschichte, erinnert Euch, welch' große Stelle „die Frau darin einnimmt! In unsern größten Ge- „fahren war es eine Frau, die uns rettete. Wollt „Ihr also das Gesetz Mosi befolgen, so müsset Ihr „Eure Frauen nicht bloS lieben, Ihr müßt sie zu „Eures Gleichen emporheben." . Meine Damen, es wurde meine Stimme gehört. Für unsere theuern Glaubensgenossen im Orient war ich damals ein Abgesandter des Himmels, der 14 Unschuldige, die durch eine ungereimte Beschuldigung ibr Leben verlieren sollten, dem sicheren Tode entriß. Man begann sofort die Errichtung von Mädchen) schulen, und schon folgenden Tags, beim Morgengebet, brachten mir die Frauen ihren Dank und ihre besten Wünsche dar. (Hier wird der Redner durch eine allgemeine Bewegung unterbrochen, dann fährt er fort): Hören Sie über diesen Punkt meine Gedanken ganz. Die katholische Religion führt einen Ausspruch de« großen Bekehrers, des großen ApostebS des Katholizismus, des Apostel Paulus an: „Christus, sagt er, ist der Herr .des Mannes und der Mann soll der Herr der Frau sein." Wir Juden müssen sagend Gott ist der Herr des Mannes und der Frau, Mann und Frau sind in seinen Augen nur Eins. Habt Ihr nicht den glänzendsten Beweis dieser Gleich-' heit in jener reizeichen Parabel, welche die Bibel, selbst erzählt? Der Mann ist geschaffen, aber Gottes Werk ist noch nicht vollendet. „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei," spricht er; Adam schläft ein und während seines Schlafes nimmt ihm Gott eine Rippe und bildet die Fra:»^ daraus. Und als Adam erwacht, findet er neben sich, vor seinem erstaunten Auge dieses entzückende Geschöpf! O, wie mußte er sie lieben, dieje Frgü, a»S ihm selbst entstanden, geschaffen wie er von der Hand des Höchsten, diese Frau, die den Mann ergänzt, die zu seiner Kraft die Anmuth, zu männlicher Energie die lieblichste Sanftmuth hinzufügt! Run ist sie seine Gefährtin in guten und schlimmen Tagen: fortan ist er nicht mehr allein, sie sind zu zweien; wer darf also behaupten, daß zwischen Mann und Frau riicht die vollkommenste Gleichheit besteht? (Langer Beifall).. Sie sehen, meine Damen, wie ich, wenn ^ich von den Framn spreche, meine Gefühle veralhe. tzMan lacht.) Ich nehme die Erzählung 'von unsern Fortschritten wieder auf. Unser Jahrhundert will keine Religionsverfolgung mehr, es will Religionsfreiheit. Vergehens hat Ru- «