Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 14 (7.4.1869)
- Date
- 1869-04-07
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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114 so Vieles beherbergt ist. Spart man die Encyklopädie von Ersck und Gruber nicht zum letzten Versuch auf, so überhebt man sich der Mühe, in anderen Wörterbüchern erfolglos nachzuschlagen; denn im genannten Werke heißt es gleich zu Anfang des Artikels Ghetto: „Die Eiymdlogir dieses Wortes findet sich in keinem ' Lexikon" — wir müssen aber hier hinzufügen: auch nicht in dem von Ersch und Gruber. Denn die Bemerkung: daß'Ghetto wahrscheinlich corrumpirt aus dem italienischen-' Giudecca und dieser Name aus Judaica, Judacaria entslanden sei (letztere beiden sind nach Muratori die Benennungen der den Juden in Venedig und Salerno angewiesenen Stadtbezirke, schon in Urkunden vom Jahre 1090 erwähnt) — diese Bemerkung ist schon aus dem Grunde nicht haltbar, weil der Name Guidecca sich nicht auf die Juden besieht, sondern vonr venezianischen Zudegä (für giudicate:- gerichtet, zugefprochen) sich herleitet. Maier (Beschreibung. von Venedig, Leipzig 1789) und vor ihm schon Temanza, weisen nach, daß die Guidecca (eine noch heule existirende Insel, quasi eine Vorstadt Venedigs) im- 9. Jahrbundert ein terreno aggiudicato (gerichtlich zuerkanntes Terrain) war für die Familien Barbolanst Jskoli und Selvi, welche wegen Ermofdung des Dogen Pietro. Tradonica (im Jahre 804) verbannt und später, begnadigt, nach der Lagunenstadt zurückgekehrt waren. Eine auf den ersten Blick ansprechende Erklärung findet sich in Gregorovrus »Figuren" (Geschickte^ Leben und Scenerie aus Italien 1856). Auf Seite. 103 heißt es bei Erwähnung des Ghetto in Rom unter Airderm: „Bis auf seine (Papst Paul IV.) Zeit hatten die Inden die, wenn auch nicht ausgesprochene Freiheit. überall in Rom zu wohnen." ....-^„Nunmehr wies ibnen der Papst, nach Art der Venezianer,. ein streng abgesperrtes Quartier an." . . .- „Man nannte es zuerst -iqie Jadaeonim, ^onn kam der Name Ghetto dafür auf, der nicht mit der venezianischen Benennung Giudecra zusammenzuhängen scheint und wahrscheinlich aus dein talmudischen Wort Ghet gebildet ist, welches Absonderung beißt. Es war am '-'6. Juli 1556, als die Juden Roms in diesen Ghetto zogen." — Das läßt sich hören, aber dieser Erklärung liegt stillschweigend die Annahme zu Grunde: .Die Benennung des Judesiquartiers sei .aus. der Mitte der Inden in die italidnische Sprache übergegangen, was unwahrscheinlich ist. Vielmehr drängt sich der Gedanke auf ” daß d^n Juden mit der Sache auch ihr Name ausgcdräntzt sein dürfte.. Und in Wirklichkeit verhält es sich auch sc, wie aus Folgendem ersichtlich wird.' Das Wobt Ghetto ist venezianischen Ursprungs, denn wie ehr gründlicher Kenner der „altem braunen Stadt" berichtet, entstand der erste Ghetto in Venedig. Tsr venezianisch« Ghetto (ein Denkmal der starken Ebbe, die im Airfange des 16. Jahrhunderts in den Begünstigungen der Juden von Seiten der Republik eintrat), liegt an dem, der Giudecca-Jnsel entgegengesetzten nördlichen Ende Venedigs und besteht aus zwei Theilen, eigentlich: aus zwei, durch Brücken mit einander verbundenen und von engen Gossen durchschnittenen Inseln, von denen eine Ghetto vecchio, die andere Ghetto nuovo--genannt wird. Letztere, heißt es in einer Abhandlung von Tom. Temanza*), war bis iiVs 15. Jabrbundert ein Morast; die erste dagegen war viel früher erhöht, befestigt und der Ort der Gießereien, sowie der Sitz der betreffenden Behörde. Dieser Orr wurde deßhalb Getto (d. h. Guß, Gießerei) genannt. Allmählich ward auch die andere Insel fest gemacht und Häuser daselbst errichtet. In der ersten Zeit dienten dieselben vielen christlichen Familien zur Wohnung, bis sie den Juden im Jahre 1516 zum" ausschließlichen und — setzen wir hinzu — auch verschließlichen Aufenthalte angewiesen wurden. Die Benennung Ghetto ward auch auf diese neue Insel übertragen und blieb die stete Bezeichnung des Judenquartiers; eine Bezeichnung, die auch i,r -fetn anderen Städten Italiens angenominen wurde. So weit Temanza. — Zum Schluß noch eine Bemerkung. Im venezianischen Dialect wird die Silbe ge (italienisch osche lautend) wie im Deutschen ausgesprochen; ein Laut, der im Italienischen nur durch Einschiebung eines h wiedergegeben werden kann. Aus diesem Grunde verwandelte sich daS venezianische Wort Gert» in das italienische Gbetto. B. fr. Bl. Bericht (Bulletin) der Alliance Israölite Universelle. Generalversammlung vom 14. Dez. 1868. (Fortsetzung.) In unserer letzten Sitzung haben wir den Hauptvorscklag des Herrn Steller, Gründung einer Ackerbauschule in Jaffa, angenommen und es wird dieselbe den Flamen fübren: i'andwirtbsckaftlickeAnftalt derAltliaace Isravlite universelle. Es reichen unsere Hülfsgucllen dazu nicht aus: die Mitwirkung unser'er Glaubensgenossen ist uns dazu nothweudig und wir bitten darum, in der Ueberzeugung, daß sie uns bei einem so wichtigen Werke nickt fehlen kann. —- Tie Subscriplion ist eröffnet. *) Antica piauta dell’ iuclitA Citta <li Vinesia. Viuezia 1781, Pag. 70