Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 14 (7.4.1869)
- Date
- 1869-04-07
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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111 von dieser Erlaubniß einen vorzugsweise starken Gebrauch machen? theilweise als Haupt- oder MitbebestimmungSgrund ihres Fortzuges ,lch dienen lassen? Ich komme zu einem dritten Umstande. DaS Penstonsweien vieler verheiratheter College», vor Allem solcher, die ihre Zöglinge selbst unterrichteten, wird dadurch gewaltig erschwert, tbeils gar unmöglich gemacht. v>v doch war dieses eine nicht unwesentliche HülfSquelle einzelner College». Beispielsweise hat ein College meiner Bekanntschaft seit längeren Jahren eine renommirte Pension von 10—14 Zöglingen , die alle durch ihn (in letzteren Jahren mit einem Hülsslehrer) in seiner Schule unterrichtet würden. Wer wird aber jetzt 2» - 30-SouiSd'ors für seinen Knaben ausgaben, selbst wenn er Gewähr hat, das; der Unterricht ein guter ift i und nicht lieber einen Ort wählen, dessen Schulest die Berechtigung zum Einjährig - Freiwilligendienst besitzen? Jedenfalls ist auch diese Erwerbsquelle vielfach sehr in Frage gestellt. Wie aber, wenn es kjxi Gründung des eigenen HerdeS auf Grund alter Erfahrung als sichere HülfSquelle mit in Rechnung gebracht ist? Die bis da gesicherte Existenz ist bedroht, erschüttert. Wie relativ demnach Begriff und Werth der definitiven Anstellung vieler Orten geworden ist, liegt auf der Hand. Ob daS Derhältniß der Rabbinen noch lange das alte bleiben wird, ist ihnen wohl selbst noch unbekannt. Ganz unwahrscheinlich ist ein Eingehen des Instituts resp. Umgestaltung auf preußischem Fuß jedenfalls nicht, ja es fehlt nicht an Vorzeichen, daß auch hier über kurz oder lang eine Aenderung e>ntritt. Daß auch dadurch unsere Stellung wesentliche Aenderungen erfahren würde, ist selbstredend. Doch sehen wir zunächst davon ab.. Was folgt aber aus allem Diesem? Daß ein Ideenaustausch bet College», Berathung über Mittel . und Wege zur Abyülfe zur unabweisbaren Nothwendigkeit geworden ist, und dem vereinten Streben wird es vielleicht gelingen, Abhülfe ausfindig zu mache», aber auch nur ihm. Nur so kann -daS Recht des Einzelnen durch die Gesammtheit und daS Reckt der Gesammthcit im Einzelnen gewahrt werden. Pielleickt dürste es sich empfehlen, eine Denkschrift hierüber auS^ zuarbeiten und dem Provinziallandtage zu unterbreiten. Wo eh e n b er i eh t. Frankfurt a. M., 28. März. Die Zeitungen enthalten folgenden Rettungsruf: Christliche Mitbrüder und Mitbürger! AIS im Jahre 1867/08 der furchtbare Nothstand üb^r unsere Provinz hereingebrochcn, da war der Unterzeichnete, zum Schriftführer des hiesigen NolhstandSverelnS, ei'nes Zweiges des großen Berliner HülfsvereinS für Ostpreußen gewählt, mit höchster Kraftanstrengung — seine Mitbürger werden ibm das bezeugen — ununterbrochen zu helfen beflissen. Alle seine Glaubensgenossen in der Nähe und der Ferne hat er zur Hülfe aufgerufen; doch es bedurfte dessen kaum, hie Israeliten sind ihren christlichen Mitbrüdern wahrlick nicht nachgestanden. Christen! Milbrüder! Ein noch viel schrecklicherer Nothstand hat die Israeliten in Rußland längs der preußischen Gränze befallen. Neunzig Procent der bortigen, sehr dicht neben einander liegenden, zahl- 'reichcu aber vollkommen verarmten Städtebevölkerung sind bekanutlick Israeliten. Davon sind, wie behauptet wird, vielleicht schon zehn Procent dem Hunger und dem Typhus erlegen. Ersckütternde Vorkommnisse werden uns von dorther berichtet. Familien sind bis auf daö letzte Glied auögestorben, oder die Eltern, von dem Ungemach hinweggerafft, haben eine hungernde Kinderschaar zurückgelassen, ja es werden Fälle erzählt, wo einesder Eltern gestorben und das Ueberlebende in sinnraubender Verzweiflung die Kinder, ohne sich weiter um sie ,u kümmern, verlassen, oder sie zuvor Vermögenderen heimlich in die Häuser niedexgesetzt hat. In der Stadt Citowian wohnten nach Art der Armen dieser Gegenden sechs Familien eng zusammengepfercht in einem Hause, Rach und nach waren alle sechs Familien ausgestorben? Eine Mutter war die Letztüberlebende. Ihren Mann und dreizehn Kinder hätte sie bereits begraben lassen. „Wohl dir!" rief-sie, als auch das vierzehnte' und letzte sein Leben aushauchle, — „du hast die Todesfurcht überstanden, während wir sie täglich und stündlich vor Augen haben." Brüder! Rettet, helfet, wo Ihr könnt, so viel Ihr könnN Veranstaltet allgemeine Sammlungen, Concerte, Soireen, Dilettanten-Darstellungen rc. zu Gunsten-der Unglücklichen,!wie es in der preußischen Stadt Posen und in der französischen Stadt Havre mit schönstem Erfolge geschehen. Und ihr Männer der Presse, die ihr Euch zur ersten Großmacht der Welt aufgeschwungen, nehmet Euch in edlem Eifer, wie das so Eure Art ist, der Unglücklichen an. Ihr, das allgemeine öffentliche Gewissen, könnt cs dem- Einzelnen am wirksamsten zu Gewissen führen. _ Und nun, ihr Brüder aller Parteien, aller Stände, Zller Bekenntnisse, aller Nationalitäten - vor, der Solidarität Aller in allen edelen menschlichen Interessen gibts keine Verschiedenheit unter den Menschen, sollte es keine geben - Helfet! und Gott wird Euch Helsen! — Memel in Preußen, 5. Mär; 1869. Der Prediger der Svnagogen-Gcmeinde. IIr. Rülf, Schriftführer des ÜnterstützungS-Comitö's für Israeliten an der benachbarten russischen Grenze. Die Spenden nimmt unsev Schatzmeister Julius Hirsch von dem Hause I, Hrrsch u. Co. entgegen; -