Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 13 (31.3.1869)
- Date
- 1869-03-31
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4896751-5428712-5432002--2363-4898724- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
99 Naturwissenschaften, weil tieselben mit altrestamentlicher Naturunkenntniß nich zusammenstimmen. Bis hierher. Betrachten tjoir uns diese Behauptungen. Sind die Satzungen u,d Einrichtungen der katholischen Kirche jüdische Erbschaften? Herr Herold ist n»s den Beweis dafür s huldig geblieben und wir, dir wir daS Judenthum und, die katholischeiLSatzungen und Gebräuche kennen, wiscn, daß diese Pehauptung grundfalsch ist. Winn einzelne ,>ormen >deö katholischen Kultus dem Jrdenthume entnommen i^nd oder aus dem Tempeldiente sich herleiten sollten, so. beziehen sich jene doch sänsmtlich auf Jesus, können also ihrem Geiste und ihrer Bedeutung, ihren snmbölischen Beziehungen nach sticht aus dem Judcnthuine abgeleitet werden. Sie sind aber auck dem Wesen ntich von den jüdischen Einrichtungen grundverschieden; dtnn der KatholiciemuS bat Sakramente. Satzungen, welche eine inystiscke Bedeutung haben und zum Heile, zur Seligwerdnng unbedingt nöthig sind, und den Glauben daran voranSseizen. DaS Judenrhnm kennt nur Eercmonien als Svmbole für sittliche Ideen, als historische Erinnerungszeichen, keine Satrauiete. An ihre Beobachtung knüpft sich kein Glaubenssatz, und Niemand behauptet, daß ein« oder die andere dieser Handsungen zum „Seligwerden" nöthig sei. Angenommen aber auch, daö Obige sei wahr: Sind Einrichtungen etwa so schädlich als Dogmen, und Satzung e n der Entwickelung der Geisteöfreibcit gleich hinderlich wie dunkle, unverständliche Gla ubens l khr e n!? Satzungen und Einrichtungen sind Formen, aber der Ge.iit isi's^ der Leben gibt und frei macht; hiergegen sind es die dunklen kehren, die Dogmen und der Glaubenozwang, die daS geistige Leben beengen und erlösten. DaS Judcnthuin, der Mosaisnni s batte viele, für, die Gegenwart tbeilweii'e unbegreijlichc, theilS nutzlos gewordene Satzungen^ und Eineichtungen, das ist wahr! Aber eS halte dagegen stets seine reine Gotteülehre, die ebenso einfach und erhaben, als vernünftig und unbestrestbar ist. Es hatte und hat stoch jetzt keinen Glaubenszwang, keinunbegreiflichcis, vermuiftwidrigeS, daher geisttödtendeö Dogma. iDie vernünftige Erkenntnis, die Fnfchung, die Prüfung auch der NeligionSwahrheiien ist nach den Lehren und Anrichten des MosaiSmnö un? des Judcnthums NeliczionSgesetz: („Dusollst erkennen und beherzigen :c.; eS ist Dir gezeigt worden, damit Du e r k'e n n e st —" finden wir oftmals im gesprochen.) Kein Lehrer thumS sind wohl geschiede, die Formübung, aber eins Pentateuch als Gesetz aus- — die Lehrer des Juden-, in der Anschauung über in der Lehre — hat dies noch verworfen oder bestricken. Die einzige Grund- *) Herr Herold versteht unter Satzungen doch wohl cermo-' nielle Gebote rc. Wahrheit, die eine Lehre MoseS laute:: „Ich bin der Ewige Dein Goltz" „der Ewige, unser Gott ist einzig."*) Verbunden mir dieser Lehre find und als unmittelbare Folge gelten uns die zehn Worte, Gebote oder Aussprüche vom Sinai, die Israel den Völkern brachte, und die die ewige Grundlage der ganzen sittlichen Weltordnung bilden. Oder kennen Sie, Herr Herold, Etwas aus alter Heit, das mit diesen Worten .etwa rergleichbar wäre? Kennen Tie ein WcltgeM.iem alle Tugenden und Menschenpflichren und daö ganze Tein des Menschen beherrschendes Sitten- oder Traatsgesetz der neuen Heit, das darüber, hinansgingc? j Diese Lehre und dieses Gebot machten daS Judentbum in seiner äußeren Erscheinung, in seinen For-s men und Satzungen bildungS-, entwickelnngS- und fort), ichrittsfähig. 2US der Tempel sank; Israel zerstreut wurde, da wurde der größte Thcil der knltuellen Eiwrichrnng unter dem Schutte begraben, der den Tempelberg deckle. Opfer, Priesterdiensr waren dahin — für immer. Aber aus rem Schulte des Tempels erhoben sich Schulen, und die L.chrer dcö Volkes wurden nun seine Führer.und Priester; sie schufen an der ewigen Idee, die nicht untergehen konnte, neue Formen an Stelle der abgestorbenen. Und sc haben sich zu allen Heiten Neformen innerhalb des JudenthumS Bahn gebrochen, wenn auch unter inncrn Kämpfen und Huckungen; und wenn auch diese Formen anscheinend daS Judenthum verkleisterten und versteinerten und mit einer fast undurchdringlichen, oft auch unscheinbaren Hülle umgaben: eS war deck immer ein inneres, reges, geistiges Leben da. ') Beiläufig gesagt ist damit das von. Judenfeinden der neuen Zeit dem Mosaisnius und Judenthum angedichtcte Phantom des „jüdischen Nationalgoltes" in seiner ganzen Nichtigkeit erwiesen und wüste Teuielei vermag nur dtn Schein da»on zu retten. Tieie immer wieder aufgewärmte Idee ist ebenso absurd als unbegründet. Wenn Gott der Einzige ist, der Al lies geschast'en hat, Altes e.hält und regiert, wenn er der „Vater aller seiner Geschöpfe" ist, wie tann da die nationale Auoerwä'.lnng Israels, die von demselben stets als eine verpflichtende Idee, nie als eine Bevorzugung auigcfaßt worden, anders als eine geschichtliche Nolhwendigkeit dargestelll werdend '*) Wenn dagegen Herr Herold sagt, datz „das heutige Judenthnm in seiner Mehrheit zu dm El'.mmtm der Gegmwart gehöre, die in ihrem Ctrebm nach Bildung und Geisietsreiheit, Duldung und MildthÄtigkeit als wahrhast „christliche" sich erweise," so ist dies die größte und abgeschmackteste Beschimpfung der heutigen Judm, für die wir fast keine Antwort haben. Entweder wir sind Juden, stehen mit unserem vehrbegriste, mit. unserem Dmkm und Thun im Judmthum, im Mokaismus — oder wir sind cs nicht. Tann aber ist unser Thun und die Gestaltung unseres religiösm Lcbms Heuchelei und Lüge Ist aber unser Thun christlich, so kann unser Judmthum nicht so sehr Gegensatz des Christenthums sein, und unsere Lehre, unsere ReligstsnSgeschichte, unsere Glaubmsgrundlagm könnm die chnstlich« Jugend nicht schädigen, umsomehr als es erwiesmermaßm noch 'ehr viele Christen gibt, die in jenen Tugmdm vielen