Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 11 (17.3.1869)
- Date
- 1869-03-17
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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84 Breslau, 28. Febr. Ihre Blätter berichteten bereits von der-Berufung vr. Kroner'S zum Direktor des Lehrer-EeminarS in Münster; theilen Sie Ihren Lesern nunmehr auch lie Berufung vr. Bloch'S zum Schul-Direktor in München mit. Beide Herren sind Zöglinge des hiesigen Seminars. Wollen wir den Herren auch Kenntnisse nicht absprechen, als Männer der Wissenschaft, wie man eS in solcher Stellung zu ■ beanspruchen hat, haben sie sich noch nicht bewährt. .Die alte Zeit nannte solche Leute trotz des vielleicht in ihrem Innern verborgenen wissenschaftlichen Schatzes hoinines obscuri. Woher haben diese Männer aber, wie es doch trotz aller Dielwisserei erforderlich ist, die Uebung im Unterrichten, die doch kein Lehrer, geschweige ein Direktor, entbehren kann und erst durch jahrelange Praris erlangt? Und dennoch übergibt man so jungen, unbekannten und ungeübten Kräften die Leitung einer großen Schule und stellt sie an die Spitze einer Lehrer-Bildungs- Anstalt^ wo alte, erfahrene und bewährte Lehrkräfte ihnen untergeordnet werden sollen. Die Verwendung, welche die Zöglinge des hiesigen Seminars nach und nach als Rabbiner, Lehrer und Schuldirektoren erfahren, erregt Bedenken. Der Zwittergeist dieser Anstalt fängt an, sich breit zu machen. Eine erheuchelte Orthodoxie ist aber verdammungswerther und gefährlicher, als eine offene, zur Schau getragene. Wir , nennen den Geist dieser Anstalt so, weil er als orthodor gelten will, ohne eS zu sein, weil er die Reform nicht pflegt, ohne sie und den Fortschritt zu perhorresciren. Machte doch die Anstalt im vorigen Jahre sofort Front gegen die projektirhe Rab-! binerversammlung, und verbindet sich jetzt doch Grätz mit Lehmann, Um & gegen die Synode zu thün und deren Tendenz, Kultus und Liturgie zu reformiren. Doch die Vergeltung bleibt nicht aus! Die Prinzipienlosigkeit und Inkonsequenz tritt sofort zu Tage. Lehmann fragt nämlich mit Reckt: wie kommen Lehrer und Zöglinge einer solchen Anstalt dazu, di« Orgel als zulässig zu erklären? Er weiß nicht, daß in dem „Rabbiner-Seminare zu Breslau" selbst bei dem Gottesdienste «ine „Drehorgel oder etwas derartiges" im Gebrauche ist. Die Forderung wird alle Tage dringlicher, eine Concurrenz-Anstalt zu errichten, ein anderes 'Rabbiner-Seminar auf gesunderer Basis zu gründen. . Denn nicht,. weil die öffentlicke Weinung die Grundsätze der hiesigen Anstalt acceptirt, nehmen die Gemeinden bei Besetzung der Rabbiner- und Sckulstellen ihre Zuflucht zu'rbr, sondern weil eine andere und bessere, mangelt. Literarisches. - Israelitische Novellen von vr. Hermann Schiff, L. Kompert, Ed. Kulke und Anderen. Band IX und X. Aus dem jüdischen" Volksleben. Geschichten von Eduard Kulke. Erster Band. Hamburg, und Leipzig. Jean Paul Friedrich Eugen Richter. 1869. Die bereits erschienenen 8 Bände dieses literarischen Unterrehmens enthalten die bekannten Geistesarbeiten Schiff s und Kompett's;- mit diesem neunten Bande tritt Kulke in die Reihe. Es werden uns hier von ihm als neu: „Alt Eisik wird tänzerig" und die be-. kannt^ Novelle: „Der Kunstenmacher" geboten. Das Erste» ist nur eine Reminiscenz, eine Episode aus dem rlt-jüdischen Ghetto-Leben. Die Außen-Welt glaub: e durck daS Ghetto den Grabstein auf das Leben des Judenthums gewälzt; es scheintodt begraben;r haben, denn ein wirkliches Leben traute man ihm r icht mehr zu. Und man staunt über die Entwickelmg des jüdischen Geisteslebens, ja über die Leben Stuft und den Humor der Juden in dieser Grabesnacht. Der „Kunstenmacher" ist zuerst in der „Achawa" 1867 erschienen. Die „Achawa" rechnet es sich zum Verdi mst an, geholfen zu haben,-ein Talent wie daS Kulkeis, in die Lesewelt einzuführen. Zwar war diese Nopeile nicht das literarische Debüt Kulke's, aber das schwierige Terrain der großen Lesewelt wird auch nicht: mit dem ersten Angriff und Versuch erobert. Wir würden unserm Freunde K. zu nahe treten, wenn wir hiese ersten poetischen Schöpfungen bereits als „vollendet" bezeichnen wollten. Strebsame Geister sind Iiich der Schwächen ihrer Werke selbst bewußt. Ist her Tadel da überflüssig, so könnte das Lob gefährlich werden, wenn man ihnen sagen wollte: „sic seien! fertig und vollendet und dürften aufhören, weiter zu streben." Solche poetische Farben- und Federzeichnungen des entschwindenden und entschwundenen Gbeto-Lebens sind uns stets willkommen. Wenige jüdisihe Geister haben Fähigkeit uud Lust, sie zu malen und;u beschreiben. Wir zählen zu den ersten unter ihnen: Oppenheim, Kompert, Kulke. Es, gibt der jüdisihen Novellen und Romane viele. Sie haben alle shr Verdienst, aber der Zauber deö gemüthlichen Familienlebens ist nur in der „Gasse" zu sinden. Seit der Berührung mit der Außen-Welt ist es, wie wenn der Blüthenstaub dieser auf dem Boden der „Ga se" gepflegten Pflanze verweht wäre. Wir «mpfchten daher auch diese Kulke'schen Ghetto-Geschichten ongelegentlichst; sie sind ganz im Genre Kompert's geschrieben, der dies durch sein Vorwort anerkennt und dem nachgeahmt zu haben, auch Kulke selbst betet nt. Den Jargon pflegt K. oft unnöthiger Weise in Wort und Satz; auch da, wo er episch erzählt und