Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 10 (10.3.1869)
- Date
- 1869-03-10
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4896751-5428712-5431996--2335-4898699- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wozu gründet märt Lehrerseminare? Stellen wir einige Grundsätze auf über das, was wir als unumgänglich bei der Lehrerbildung erkennen — und mit uns die ganze pädagogisch gebildete Lehrwelt. Ter jüdische Lehrer muß vor Allem deutscher Lehrer, Volkslehrcr sein im vollsten Sinne des Wortes. Wir wollen keine blosen Religionslehrer heranbilden, die im Wissen und Können von dem, was zur allgemeinen Bildung gehört, was heutzutage jeder den gebildeten Ständen angebörige Mens^ wissen muß, was jedes Jnstitutssräulein mindestem zu wissen .rlgubt,. untergeordnet sind und die ih Lebelang Hittdr von der traurigen Gestalt" Reiben, Ein Lehrer muß in Sprache, Geschichte, Geographi^ Mathematik, . Naturwissenschaften dem jiBeftei seiner Schüler doch wohl gleich'stehen! Welcher Ai der Unterricht sei, den der Lehrer zu erlheilen pat, ijj an und sür. sich glerchgiltig. Er kann pädqgogisH nur dann wirksam sein, wenn der Lehrer in! j e d er Beziehung oder doch in den zur allgemeinen! Menschenbildung gehörigen Fächern seine Schüler überragt. Wie kann derReligivnslehrer dem Materialismus. der sich zuweilen au unverdauten naturwisseisschastlichen' Brocken aussaugt, entgegentreten, wenn ^r seinen Schülern in naturwissenschaftlicher Bildnirsg nicht glcichkommt?! Wir leben in einer Uebergangsperiode. Es wipd uird muß eine Zeit kommen — sie ist vielleicht nähes, als wir glauben — wo die Schulen nicht mehr coit; fessionell geschieden, wo jüdische Lehrer an den Staathu:rd G.:.:eindcanstalten Unterkommen finden. Sollchr wir dann von/unserem Rechte keinen Gebrauch machsn können? Soll, daun das Christenthüm höhnend ans das Jadenthum weisen und sagen: „Das sind Deiye Lehrer, Israel?" Fragen wir die Gemeinden, in welchen :ein gebildeter Geist herrscht,. — selbst die frommen orthpcoren - ob sie sich damit begnügen wollen s wer n ihr Lehrer den ganzen i?"r mit allen seinen C’J - auswendig kennt, wenn er ihre Kinder nid>t ‘511 erziehen, für das Leben zu bilden vermag t wer n er nrdt den nichtjüdischen Lehrern in jeder 2frt vin Wissen und Bildung gleichsteht?! Tic jüdische Lehrerbildung muß also „holst Zieh" sich stecken! Ter Lehrer muß ausgerüstet sein n it^ religiösem Wissen, wie es feinem Berufe zukochmt;;r muß aber auch Bolkslehrer sein im vollsten Siinne d:s Wortes. In. er das nicht, d. h. hat er nicht tie Befähigung , nickt das gehörige Maas von Bildung, so taut er auch kein geschickter, kein würdiger, seinem Amte gewachsener Relizionslehrer sein. Bis hierher glauben wir keinen Widerspruch ersahren. Sehen wir weiter zu. . In der schon ein Lehrer, >er Kenntnisse ha Wir glauben kaum. Und doch trifft mair leider insbesondere bei Juden so überwiegend oft die Ansicht, daß Kenntniffe-schon hinreichen zum Lehramte, seien es auch Kenntnisse der heterogenstenArt, die mit dem speciellcn Beruf des Lehrstandes in gar keiner Beziehung stehen. Die dies ineinen und glauben, haben auch geringe Achtung, eine niedrige Meinung vom Lehrberufe, sie bemessen daö Wirken des Lehrers nach seinen mechanischen. Leistungen im Lesen, Schreiben und Rechnen; sie wissen nichts vom Erzieherberufe, von dem tiesergehenden Einflüsse, und halten blutwenig vorr den „Elementargeistern"; sie glauben, daß zum niederen Elementarlehreramtc eigentlich nar ein geringes Maas von Wissen nöthig sei. Wäre das, so hätten wir wieder keine Seminarien nöthig. Wir nähmen die verdorbenen Subjekte aus anderen Kategorien der Gesellschaft, wie anno dazumal uird — degradirten sie zu Lehrern. Wir protesliren auch gegen diese Ansicht; wir werden so lauge und immer wieder denselben Ruf ertönen lassen, bis es anders wird. Nickt der ist der beste Lehrer, ist überhaupt Lehrer, der ein großes Maß des Wissens hat. Ja, wir glauben, oder mehr noch : wir haben die'Ueberzeugung und zwar durch Erfahrung, das; die „gelehrten" Männer für die Schule blutwenig oder gar nichts laugen. Der Lehrer muß sich seinen offenen, freien Blick für's Lebeir, für's Kinderauze, für Gottes freie Natur erhalten. Er muß freilich auch leseir, studiren, aber es ist darum nicht nöthig, ja durchaus verkehrt, wenn erimurer nur hinter den Büchern zu finden ist. Bor Allem aber verlangen wir, daß der Lehrer den Entwicklungsgang des kindlichen Geistes kenne, daß er im Stande sei, zu den Kindern herabzusteigen uird eS verstehe, dieselben zu fick heranzuziehcn. Dazu vor Allem find die Lehrerseminarien vorhanden, daß sie den jungen Mann befähigen zu erziehen und zu unterrichten, nicht indem sie denselben vollpfropfen, mit todtem, unverdaulichem und unbrauchbarem Wissen, sondern indem ne ihn biirführen an die Quelle des Lebens, seines Beruflebens, indem sie ihn einsühren in diejenigen Geistesdisciplinen, die gerade, seinen Beruf ausmachen, in die Anthropologie, Psychologie, Methodik, Didaktik — Pädagogik. Wenn Dieslerweg sagte: Jeder Lehrer ein Naturforscher, so setzte er voraus, daß jeder Lehrer ein Pädagoge an und für sich sei. Er konnte eö vielleicht kaum für möglich halten, daß man diesen Satz aufzufteUen nöthig habe. Sollte man glauben, daß man es heutzutage leider nöthig hat, die oouckitio «ine gun non als Axiom auszustellen und die Behauptung erläutern zu müsien, daß — jeder Lehrer ein Päd-agoge sein muß? Und nun: rver.P äo a g og e n bilden will und bilden