Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 7 (17.2.1869)
- Date
- 1869-02-17
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Zu der Anordnung für die Tora-Dorlesung zählt auch die neue Einrichtung, daß itx jedem betreffenden Gottesdienste nur Eine Torarolle auSzehoben werden.soll. Da'wir mit dem OpfercultuS, der schon bei den Propheten und Psalmisten ein überwundener Standpunkt war und von Moses selbst ausdrücklich nur deßhalb ejngkführt wurde, damit sein .zum Götzendienste geneigtes Volk die Opfer nicht den Götter« darbriugeu möchte, *) für immer gebrochen haben und daraus kein Hehl machen, so kann das Herausnehmen einer zweiten Tora, welches lediglich dir Vorlesung der bezügllchen O p f e r st e l l e zum Zwecke hat, für uns keine Bedeutung mehr haben. Di« auch für uoä fortdauernde Bedeutung der höheren Fest« wird uns an den bezüglichen Feiertag« durch die erste, für uns einzige Torarolle in entfprecheuder Weise zur Belehrung vorgeführt. Das s. g. ^Kiddusch" — die Heiligung des Feiertages über den Wein — welches nun wegfällt, ««hört §ur häuslichen Andacht, zur Weihe der Famllientafel („En kidduechäla biiukom s’uda“) ukid wurde ursprünglich nur der fremden Armen wegen, welche in dem der Synagoge angebaueten Hause zu wohnen pflegten und des Weines entbehrten, in den öffentlichen Gottesdienst eingeführt, aus welchem es schon deshalb mit Fug und Recht wieder entfernt wird, damit ihm unter den gottesdienstlichen Symbolen keine zu große und dem Judenthum fremde Bedeutung beigelegt werden möge. Zum Schluffe haben wir noch zwei Punkte von Wichtigkeit in Erwähnung zu bringen. Das E'ne betrifft die Anordnung, daß die verehelichen Synaaogenhesucher sich des vernehmlichen MitbetenS und MitfingenS enthalten mögen. Dieser Mißbrauch zählte zu den gröbsten der alten Unordnung; er war es, der Sie Synagoge zum Spotte der Welt, zur verächtlichen Bezeichnung des gemeinsten Tummelplatzes herabgewürdigt hat. Es gab so viele Borbeter oder Nachbeter, so viele Vorsänger oder Mitsänger, als at Syuagogenbesucher gab — ja, im wahren Sinne de- Wortes, konnte man jeden Synagogenbesucher einen Dorbeter oder Vorsänger nennen, denn Jedermann war gewöhnlich im rohesten Durcheinander, dem Cantor um eine gute Strecke voraus. Geschmack und Anstand'waren leider der Synagoge ganz abhandeu gekommen, und an dem gottesdienstlichen Gesänge war durch die große Unordnung nichts zu verderben, denn er war schon an sich selbst schlecht und verdorben genug. — DjS hat fi£ gottlob vollständig geändert; regelmäßiger Gesang und geordnetes Gebet stn> in die Hallen unserer Gotteshäuser eingezogen und nun gilt es, über diese beffere Ordnung zu wachen, und namentlich fremden Besuchern gegenüber ein Mittel zu haben, die Würde des Gebetes und die Reinheit der Gesanges sicher zu stellen. Auf der andern SGte aber gibt es gewiß gottesdienstlich nichts Erhebenderes, als eine zur Orgel rein und voll singende Gemeinde; ja, die Orgel, dieses herrlichste und erhabendste Tonwerkzeug, besten Ursprung sich bis in die Vorhöfe des heiligen Tempels hinein erstreckt, verliert seine ganze großartige Bedeutung ohne den Gesang der Gemeinde, auf welchen es berechnet ist und den eS anleitet und zusammenhält. Niemand geht an einem Gotteshause, daffelbe gehöre welcher Confession immer an, ohne Andacht und ergriffenes Gemüth vorüber, wenn in vollharmonischen Tönen eine ganze Gemeinde ihr Her; in Lobgciängen ergießt. Di« Gemeinde also, mit wenigen Ausnahmen, zum Schweigen verurth-ilen, ist kein Fortjchritt zu nennen, u.ld ist die betreffende Maßregel nur so zu verstehen, daß eine gewisse Zeit hindurch die Gesänge ruhig mit angehört, gewissermaßen eingelernt werden, bis der geeignete Zeitpunkt eintritt, wo die bezügliche Anordnung eine zweckentsprechende Abänderung erfahren kann und wird. Responsorien, die in leichtfaßlichen Weisen vorgetragen und vorzugsweise auf die Mitbekheiligung der Gemeinde berechnet sino, können ohnedies nicht inbegriffen sein.- Endlich ist noch eines Gegenstandes zu gedenken, über welchen sich unter den Mitgliedern unseres jungen Vereins seinerzeit verschiedene Ansichten geltend gemacht haben, d. i. das Beten mit unbedecktem Haupte. Es ist gar keine Frage, daß man nach den Sitten unseres Landes seine Ehrfurcht vor dem Gotteshause durchweg mit Abnehmen der Kopfbedeckung an den Tag legen müßte. Der Talmud st lbst wendet auf vie Erscheinung im GotteShcmse die Bibelverse an: px^e" i'.npx nxip'? iw.n(„erscheine in wohlgeordnetem Anstande vor. deinem Gott, o Israel*)" und ferner von anstandswidriger Erscheinung: inns? xj imnpn)' „biete einmal dergleichen deinem Fürsten, ob er dir's gut aufnehmen werde-**)" —.also gebietet es doch wohl die Vernunft, daß wir'vor unserem himmlischen Könige mit derselben AnftandSbe^igung erscheinen sollten,, wie wir vor dem irdischen Könige erscheinen, oder auch, nur vor. irgend Jemanden, dem wir einige Achtung zollen! ^-Allein es ist einmal in unserer religiösen Anschauung, wenigstens in unseren Landen t -der Brauch d?« BetenS mit bedecktem Haupte in der Synagoge noch so tief gewmzelt, daß wir derselben noch Rechnung tragen müssen, und haben wir uns daher in der neuen Synagogen-Ordnung *) An»' 4. 12. , **) Mal-adii 1/8. 1 Levit. 17, 7.