Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 6 (10.2.1869)
- Date
- 1869-02-10
- Page
- Seite 46 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4896751-5428712-5431988--2303-4898671- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
46 Was so ein Zunge sich nicht Alles herausnimmt! Wer hat ihm denn getagt, daß die iSr. Schulen „den bescheidensten Anforderungen.nicht entsprechen?" Er hat vielleicht einmal die Schule des Rabbineronkels besucht, die freilich der Art war, daß die Gemeinde freiwillig einen Lehrer anstellte und den Rabbiner der Verpflichtung, Religionsschullcbrer sein, ein band. Im Uebrigen wisse der Herr und wer es sonst wissen will, daß das vor der Verfassung erlassene 'Edikt vom 10. Juni 1813, so lange es nicht gesetzlich aufgehoben, namentlich in Schulsachen noch volle Gültigkeit hat, in so fern nicht ausdrücklich neue allgemein» Gesetze anders bestimmen. .Diesem nach kann eine iSr. Gemeinde zur Errichtung einer eigenen Volksschule nicht gezwungen werden, wenn sie auch Korachs Reichthümer besäße. Dies dem Herrn in München! DaS möge er wissen: Die' Versumpfung und Indolenz ist anders wo anzutrefien.' Die RabkinatSstelle in Schnait tack erhielt durch fast einstimmige Wahl der Kandidat vr. Salzer, ein Lehrerssohn aus Bayern und dermalen in Hamburg als Lehrer verwendet. Die Wahl ist eine glückliche zu nennen. Der junge Mann soll sehr tüchtig sein. Zeuge dessen ist gewiß, daß er eine Preisfrage gelöst. Auch per Rabbiner Bamberger aus Fischack, Sohn des Rabbiners in Würzburg, hatte sich gemeldet und hören lassen. Sein hyperorthodoxes Wesen wie sein Vortrag haben jedoch allgemein mißfallen. Mittelfranken ist eben doch nicht Unterfranken. Man will einen Rabbiner von zeitgemäßer Bildung. Auch in Nürnberg soll demnächst die Rabbinersrage wieder. ausgenommen und die Stelle aufö Neue ausgeschrieben werden. Der Synagogcnbau, zu dem unter Anderen ein Architekt den Plan des Bethhamikdasch geliefert'batte, der aber als zu kostspielig verworfen wurde, soll demnächst der Art in Angriff genommen werden, daß das Gotteshaus i. Z. 1870 eingeweiht werden.kan«. Ich schließe mit etwas tragisch Komischem. Im Theater zu RegenSburg schimpfte eine Notarsfrau eine gebildete isr. Dame „Iudenweib." DaS „Judenweib" war aber nicht faul und applizirte dem Christenweib eine weitschallende Ohrfeige, welch' summarisches Verfahren, allenthalben Beifall fand mit billiger Ausnahme jedoch der Empfängerin, der die „Patsche" jedoch Niemand mehr abnehmm konnte noch wollte. Zn unserer niedern Handelswelt herrscht dermalen Heulen und Zähneklappern. Nach dem neuen GewerbSgesetz ist dem Ermessen der Kreisregierung anheim gegeben, ob sie den Hausirhandel erlauben will. Die diesseitige hat ihn, gestützt auf die bestehenden Derhältniffe und die eingeholten Gutachten der Handelskammern rc., verboten und daher die HausirhandelSpatente eingezogen. Dagegen ist weder etwas zu sagen, noch zu thun. Die Verordnung ist eine allgemeine und nicht wie früher speziell gegen Juden gerichtet, und diesen sind jetzt alle Erwerbszweige freigegeben. — ErVelenz, 21. Jam Unsere Stadt wurde in den letzten Tagen durck die Beschimpfung eines jüdischen Leichenzuges in.Aufregung gesetzt, eine Beschimpfung, welche von polizeilicher Seite nicht! verhindert wurde. Noch seltsamer ist es, daß die niederrheinffche Presse den Scandal nur gegen Zahlung bekannt machen wollte, und daß auch die „Köln. Zlg." z. B. nur unter ihre Annoncen ihn auf nahm. Dürfte man da nicht mir Lessing fragen: Wer ist hier der Jude? Aus Westfalen. 26. Jan. Wie wir in Erfahrung zu bringen Gelegenheit hatten, hat Lehrer - R. Wolfüdorf in Erwitte die ihm vom Herrn Landrabbisier vr. Adler in Cassel zugegangenen Schriftstücke in Betreff Abfasiung einer Petition, worin die Lage der hessischen Lehrer dargestellt werden sollte, sofort an Lehrer LiepmannSsobn zur deSfallsigen Bearbeitung übergeben, da derselbe wegen überhäufter Berufsarbeiten selbst die Ausarbeitung der Petition zu seinem größten Leidwesen nicht übrrnchmen konnte, wovon hierdurch die hessischen Kollegen, um nicht den Herrn vr. Adler unnütz zu belästigen, in Kenntniß gesetzt.werden. Ul«. (Verspätet.) Die hiesige, frühere reichsunmittelbare Stadt hat im Mittelalter ihre Judenhetzen und Iudenaustreibungen gehabt. Bis Anfangs diese» Jahrhunderts hat lein Jude mehr in derselben gewohnt. Erst als dieselbe württembergisch wurde, konnten sick Juden wieder in derselben niederlassen. Deck erst in den letzten zwei Jahrzehnten ist durch die Bildung einer israelitischen Cultusgenieinde das alte Unrcckt gewissermaßen gesühnt werden. Die hiesige israelitische Gemeinde zählt jetzt über 80 Familien und wird demnächst sich eine neue Synagoge bauen. Die Religionsschule zählt gegen 70 Schüler. Am jüngsten Chanuccah wurde, - wie schon seit mehreren Jahren, durch Herrn Lehrer und Vorsänger Einstein ein Chanuccahsest für die Schuljugend veranstaltet. Dasselbe vereinigte fast die ganze Ulmer Gemeinde, Jung und Alt als Theilnehmer an dem frohen Feste. Ter Herr Oberbürgernieifter v. Heim mit Familie war der Einladung zur Theilnahme ebenfalls gefolgt. (Wir bedauern, daß der beschränkte Raum diese» Blattes es unmöglich macht, das in 3 Abtheilungen sehr gelungen zur Ausführung gekommene Programm — abwechselnd m Gesang, Tanz, Spiel, Ansprachen und Deklamationen bestehend — hier mitzutheilen. Den sehr gelungenen Dortrag des Hrn. Einstein legen wir bei. (Leider wollte auch hierfür der passende Raum zur Zeit sich nicht ergeben. Vielleicht gelingt c» uns später zu passender Zeit. Redaction.)