Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 6 (10.2.1869)
- Date
- 1869-02-10
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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45 1021 Lehrlinge durch den Verein dem Handwerke zugeführt worden. An der Spitze des Vereins stand durch viele Jahre der am 1. Mai 1868 verblichene Herr I. Herzig, der dem Werke, da« zu seiner Zeit wirklich ein Regenerationswerk für die Judenheit war, ein Leben reich gesegneter Thätigkeit widmete. Diesem Manne ist die Blüthe des Vereins zu verdanken; er ftdrfc — aber auch das Werk selbst hat seine ursprüngliche Bedeutung verloren, Es ist wohl auch heute noch nothwendig und eine der dankenSwerthesten. Aufgaben v menschenfreundlicher Wohlthäter, armen Jungen zur' Selbstständigkeit und dadurch zu einem sittlichen Leben zu verhelfen, indem man ihnen die Gelegenheit gibt,' sich für einen Beruf, für rin nährendes Cseschäft auSzubilden; ob das aber Hum Handwerks-oder zum Kaufmanns- oder gar zum Gelehrten-, zum Lehrerstande ist, ist an und für sich durchaus gleichgültig, wenn nur das Ziel erreicht wird,- daß das Geschäft, das »der Junge erlernt, denselben auch ernährt. Darum aber wünschten wir geradezu, daß der Verein zu Frankfurta.M.sowie alle derartigen Vereine ihre Thätigkeit erweitern; denn der Titel und da« Werk in seiner ursxrür glichen Gestalt hat für unsere Zeit seine Bedeutung vfrloren, schmeckt noch nach dem Ghetto, ist ein Erbe aus einer Zeit, wo einige erleuchtete Geister, wie Herr Herzig, eS als ihren Lebensberuf erfaßten, da« regeneratorische und reformatorische Werk im Judenthum dadurch zu kräftigen, daß man die Juden dem Handwerke geneigter mache. Diese Zeit ist Gottlob vorüber. Einestheils haben die Juden bewiesen, daß sie nicht allein zu jeder Arbeit tauglich und geschickt sondern auch bereit sind; eS gibt eine hinreichende Zahl von Handwerkern, Arbeitern u. dgl. mehr unter unS. Das Vorurtheil in dieser Richtung wagt sich nur selten mehr an die Oberfläche. Andrerseits aber haben sich die Verhältnisse total verändert; daS Handwerk hat nicht mehr „goldenen Boden," die sociale Ümgestal^ing droht den Handwerkerstand durch die Fabrikatton zu erdrücken und — da der Jude, wenn er auch nicht durch den Sabbath behindert wäre, auch noch mit socialen Vorurtheilen vielfach zu kämpfen hat — so ist es fraglich, ob wir -wirklich durch das Erlernen eines Handwerkes einen Menschen selbstständig gemacht und zur menschenwürdigen Ernährung einer Familie hinreichend befähigt^ haben. Aber auch da« dürfen wir nicht vergessen, daß wir davon abkommen müssen, die Hinneigung ded Juden zum Handeln zu vertuschen und als eine Schmach zu bezeichnen. Der Handel ist ein so nothweudiger Factor im menschlichen Leben, wie das Handwerk; ja —wenn die sociale Revolution ihren weiteren regelmäßigen Verlauf nimmt, noch nothwendiger, weil die Maschine dann die Menschenhand ersetzt und vertritt und nur noch der Geist des Menschen arbeitet. Ist dies aber der Fall, und hat der Jude größere Anlage und größere Neigung zum Handel, nun, so mag er sich eben des angeborenen Rechts eines^eden Individuums erfreuen, sich seinen Beruf nach Neigung, Geschick und Befähigung zu wählen. Was die Gesellschaft von dem Menschen fordern kann, ist Ehrlichkeit, Tüchtigkeit, Streben nach Bervollkomnznung in seinem Berufe und Nutzbarmachung seiner Kräfte im Dienste des Ganzen! Was die Gesellschaft nicht fordern darf, ist die Wahl eines mir widerstrebenden Berufe«, in dem ich weder für mich noch für Andere oder für die Gesammtheit segensreich wirken kann. Die Religion und die Glaubensgenossenschaft dürfen bei der SBaljl des Berufes und bei der Ausübung desselben mur insofern in Bettacht gezogen werden, als sie etwa das sittliche Motiv für unsere Handlungen bilden. Wir glauben daher, daß es au der Zeit sei, keinen Beruf zu bevorzugen, aus keinen eine Prämie zu setzen, die reichen Mittel aber, die diesen Vereinen zu Gebote stehen, ganz frei dazu zu verwenden, junger? Leuten zur Ergreifung eines ehelichen Berufes zu verhelfen, zu dem sie sich eben eignen, gleichviel welcher Art derselbe sei. AUS Mittelfranken. Die Religion«- und Vorsängerftelle in Nürnberg erhielt Lehrer Heinemann aus Baireuth.. Derselbe soll keine Anstellungsprüfung bestanden haben, was bei Religionslehrerstellen angeht. Dies ist wieder eine Folge der dem isr. CultuSwesen in unbeschränktester Weise eingtzräumten Autonomie, wie-ich in meinem vorigen Berichte sagte. Die Gemeinde Baiersdorf schreibt dermalen ihren Schächter- und Gemeindedienst mit 500 fl. zur Bewerbung aus. Geht hin, ihr armen Religionslehrer, und werdet Gemeindediener und Schächter, und ihr habt ein besseres Brod wie als Lehrer der Religion und der Jugend. — Welche Wirkungen daS dermalen in den Kammern so schwerfällig in die Mache genommene Schulgesetz für die iSr. Schulen haben wird, kann noch nicht gesagt werden. Daß eS einige Verkürzungen dadurch für die israelitisch deutschen Schulen bringen wird, daß der Gehalt bei Schulen unter 25 Schülern ein geringerer, und wenn allenthalben die Schulgemeinden und nicht die politische zur Gehaltausmessung angenommen wird, ist so sicher, wie eS sicher ist, daß eS dje blosen Religionsschulrn überhaupt nicht treffen wird. Setzt sich doch ein kaum au« dem Ei gekrochner RabbinatSkandij dät in München im i«r. Volksboten (Israelit in Mainz) auf'S^hohe Roß und meint, da« neue Schulgesetz werde dre i»r. Schulen „au« ihrer Versumpfung und Indolenz herausführen," werde ihnen Gleichstellung bringen und den Gemeinden Pflichten auflegen, und die Bamberger'sche Lehrerbildungsanstalt werde die Entsumpfung besorgen und der Indolenz steuern!