Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 6 (10.2.1869)
- Date
- 1869-02-10
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4896751-5428712-5431988--2300-4898668- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
.! — 43 — diese Form für das Trauer-Kaddisch, damit dieses gemeinsam sei und bleibe, erhalten und sie sonst im Lause des Sabbath- und FestgotteSdiensteS — Neujahr und Versöhnung-fest bilden auch hier eine entsprechende Ausnahme — mir noch einmal stehen lasten,'was dem Guten genug gethan erscheint, während dafür dem deutschen Kaddisch sein rechtmäßiger Platz eingewiesen werden soll. Dieses wird in Zukunft, dem alten s. z. „Lern-Kaddisch" entsprechend, auch am Ende jede« religiösen Vertrages vom Prediger abgehalten werden. ' ■ (Schluß folgt.) Die Schrift des Lebens.' . Bon Tr. Leop. S teiy.^ J Besprechen von Dr. Retbschild.) p? ' (Fortsetzung.) Um den eigentlichen Ursprung vom Begriff des „Rachegottes" aufzudecken, bespricht der Verf. Entstehung und Wesen des Christenthunis. Er' sagt: Da« Heidenthum war in Verfall gerathen, die erweckte Denkkraft des menschlichen Geistes hatte die Grundfesten der heidnischen Götzentempel erschüttert; daS Jndenrhum war durch Sektirungen zerfallen, indem Pharisäer und Saducäer sich über die Herrschaft des Geiste« oder Buchstabens in der heiligen Schrift stritten. Die Pharisäer waren mit der Ansicht von der Herrschaft de« Geistes Sieger geblstben, aber auf Abwege gerathen, indem sie Ceremonien auf Ceremvnien häuften und dadurch dem geistlichen Hochmuth und der religiösen Merkheiligkeit Vorschub leisteten.- In diese Zeit falle die Entstehung des Christenthums, welches zunächst eine Regeneration des Judenthum« versucht und die deS Heidenthums bewerkstelligt habe. Wir glauben: der Streit zwischen Pharisäern und Saducäern lag tiefer. Er ging auf das mosaische Princip . eines demokratischen Priesterthums zurück, welches jene verfochten, während diese, ähnlich dem ägyptischen Kastenwesen, »n den Vorrechten ihres GeburtSpriesterthumS festhielten. Die Pharisäer übertrugen nun nicht blos das ideelle, sondern auch das ceremonielle Priesterthum auf HauS und Leben, und darin hat die Ueberhäufung mit Ceremonieen ihren Grund. Da die Pharisäer zunächst nur eine Partei bildeten, deren Mitglieder sich „Brüder" (-on) nannten und dem ungebildeten und die Erschwerungen deS ceremoniellen Lebens weder kennenden, noch übernehmenden Plebs (fnxn dj.’) eigentlich „Landvolk" im Gegentheil zu dem gebildeten Städter exclusiv gegenüberstanden, waren sie dem Hochmuth und der Werk- Heiligkeit nur zu leicht zugänglich. Nicht bloS Jesus, auch die Talmudlehrer seiner Zeit traten diesen Auswüchsen entgegen. Ihre Ermahnungen trafen aber nicht "das Wesen des Pharisäerthums. Den Sadueäern trat Jesus, wie überhaupt seine Zeit/nicht blos wegen der Leugnung des UnsterblichkeitsglaubenS entgegen. Sie standen nickt nur religiös den Bestrebungen de« Zeitgeistes feindlich gegenüber, sondern schlossen sich auch politisch zur Stützung ibrer familiären und amtlichen Vorrechte den herodianischen und römischen Machthabern an und verriethen dadurch ibr Volk und ihre Religion. Den dogmatischen UnsterblichkeitSgläuben leugneten sie ohnedies nicht. Die messianischcn Hoffnungen der Pharisäer bezogen sich nämlich aus ein irdisches ««2.1 od'p, während die Saducäer die politische Wiedererhebung und die nationale Uysterblichkeit JsräelS leugneten und wegen ihrer Machthaber und Schutzherren leugnen mußten. Diesen Anschauungen und Streitigkeiten gegenüber erklärte Jesus: „Mein Reick ist nicht von dieser Welt," und darauf bezieht J'ich die bezügliche Frage der Saducäer in Matth. 22, ' von den Verhältnissen der Leviratsehe hergenommen, um zu zeigen, daß die jenseitigen Hoffnungen nicht vermögen, die verwickelten Verhältnisse zu ordnen. Eine Leugnung der psychischen Fortdauer des Menschen liegt diesem Falle aber gar nicht unter. Jesus stand auf diese Weise beiden Parteien feindlich gegenüber und mit den Saducäern namentlich auch den Römern, welche ohneties jede geistige Regung und nationale Bewegung aus politischen Gründen gern unterdrückten. Kein Wunder, daß auf diese Weise sein Haupt fallen mußte. Er starb aber nicht den religiösen, sondern den politischen Martyrertod, und nicht durch die Han» der Juden, sondern der Römer. Für die Juden war die Entstehung des Chrisientbums also bedeutungslos geblieben. Dagegen faßte Paulus den Plan, durch dasselbe die Grundsätze und Lehren, des Judentbnms unter die Heiden zu bringen. Er handelte dabei im Widerspruch mit seinem Meister und dessen Jüngern, aber durch ihn hat erst daS Ehristrnthum Bedeutung erlangt. Die Berührung mit dem HeidenthuM zwang ihn zu Concessionen, was zu AbroHrung jüdischer , wie I zur Annahme heidnischer Grundsätze und Lehren führte. DaS Heidenthum lehrte die ursprüngliche Schlechtigkeit der Welt der Menschen, Gott der Vater forderte Reinigung und Sühne', Gott der Sohn opfert sich für diese aus Liebe.■ So wendet sich diesem die eigentliche Verehrung zu, und er erscheint als der Gott der Liebe, während der alte Gott das Princip der „Rache" vertritt. | Daß aber daS Princip der Rache nicht dem Judenthum, sondern dem Heiden- Christenthum entstammt ist, zeigt außerdem die Entwickelungsgeschichte der 'christlichen Kirche. DaS Judenthum will die Menschheit einigen, lehrt wie die Einheit Gottes, so auch die Einhät der Menschen. Da« Christenthum trennt die Menschheit auf Erden ^Gläubige, Ungläubige), wie im Himmel- (Selige, Verdammte). Wie mit dem