Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1869-02-03 · 5 (3.2.1869) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
9 (1869)
Issue
5 (3.2.1869)
Date
1869-02-03
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4896751-5428712-5431986--2291-4898660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

35 Homiletik. Don allen Zweigen der Homiletik sind Casualreden wohl die "schwierigsten. Wir haben heute besonders Trauerreden, im Auge. Es bietet nicht da« Leben eine« jeden Menschen Stoff zur Rede, oder wenn — so sind die betresicnden Einzelheiten nicht immer bekannt. Der Ausweg in solchen Fällen, einen Gemeinplatz zu besprechen, hat da« Mißliche, daß die I* passende Auswahl hierfür keine große ist. Es dürfte von Vortheil sein, zumal die homiletische Monatsschrift Sonnenschein'« eingegangen ist und ein^ entsprechendes Organ hierfür fehlt, an dieser Stelle Geeignetes au« eigener Praxi« mitzutheilcn. Wir machen den Anfang., Es war am Grabe einer Frau, welche das hohe Alter verkindischt hatte, und deren sonstige« Leben zwar würdig, aber doch indisiercnt gewesen war. Wir sprachen von der Natur, welche uns im Winter ein Bild^ deS Tode« gibt und traurig stimmt durch die Erinnerung, daß auch wir Menschen Kinder deS TodeS sind. Aber dafür gibt uns die Natur auch wieder einen tröstlichen Vergleich durch die Erinnerung an den Frühling, wo sie zum neuenrLshcn wieder erweckt wipd. Der Mensch ist nicht weniger, als die übrige Natur, im Gegentheil, w^it/br übergeordnet. So der Mensch daher auch nur ein Natur- und kein Geistesleben führte, Müßte er zur Erweckung für ein neues und schöneres Leben bestimmt sein. Aber im Hinblicke aus diese Frau, der das hohe Alter den Geist geschwächt, und welche in Folge dessen ein bewußtloses Naturleben geführt hat, könnten die Ungläubigen autrufen: „Seht der Mensch ist einer Pstanze gleich, sie blüht und welkt, er lebt und stirbt; wie nicht in der Pflanze der selbstbewußte Geist Gottes lebt, so auch nicht im Menschen. O nein! Der göttliche Geist lebt im Menschen, .selbst wenn er nicht vorhanden, oder gewichen zu sein scheint. Diese Frau lebte nicht bloS durch die Kraft deS Leibes, sondern der Geist Gottes war in ihr, so lange sie gelebt hat. . Der Geist GotteS war nicht von ibr gewichen, ihr fehlte nur das Organ deS Denkens und Bewußtsein«, dessen der Geist Gotte« als seines Werkzeuges bedarf. Sie war nicht geistesschwach, sondern nur unfähig zu denken, wie derjenige, dem daö Auge, das Organ de« Sehen«, fehlt, nicht fähig ist, zu sehen, - und doch lebt auch in ihm noch der Geist GotteS. ES ist dies eine gleiche Erscheinung, wie bei jedem Kinde; daS Alter ähnelt darin der Kindheit des Menschen. Auch im Kinde ist der Geist GotteS vorhanden, das Kind lebt durch den göttlichen Geist, — daS Organ des Denkens ist nur noch nicht zum Selbstbewußtsein erstarkt. Und wie eS in der Kindheit noch nicht erstarkt ist, so ist eS hier im hohen Alter und durä, dasselbe geschwächt worden. Aber immerfort lebt im Menschen, — im Kinde, wie Greise — trotz des Zustandes ihrer Bewußtlosigkeit der göttliche Geist. — ES war dieS nicht die ganze,' aber doch der die Allgemeinheit interessirend« Theil der Rede. Selbstredend waren einige dem Thema entsprechende persönliche Beziehungen angeknüpft worden. A.___R. Die Schrift des Lebens. Bon Dr. Leop. Stein. - (Beiprochen von Dr Rothschild.) (Fortsetzung.) Und dennoch — stimmen wir nicht dafür, die be» treffenden Bibelverse lediglich als Aussprüche der göttlichen Langmuth zu deuten — mit Ausschließung oder auch nur Zurückdrängung der göttlichen Strafgerechtigkeit. In denjenigen Religionen, welche die zwei Prinzipien des Guten und Bösen in zwei getrennten Gottheiten darstellen, wie BuddhaiSmuS, Parsismus, Christenthum in Brahma-Schiwa, Ormudz- Ähriman, Gott - Teufel, mag der Gott der Liebe dem Gotte der Strafgerechtigkeit (Rache) «gegenüber gestellt werden. Im Gotte deS JudenthumS, dem Einig-Einzigen dürfen auch die beiden Prinzipien der Liebe und Gerechtigkeit keine unversöhnten Gegensätze bilden, sic müssen vielmehr innerlich eins sein, die Liebe muß von der Gerechtigkeit, und die Gerechtigkcit von der Liebe getragen werden. DaS Christenthum überträgt die Strafe als Ausfluß des Bösen und der Rache dem bösen Gotte, dem Teufel, und so ist der gute Gott ausschließliche ber Gott der Liebe; >m Judenthum übt der Gott der Liebe auch Strasgerechtigkeit, und somit scheint er auch Gott der Rache zu sein, das Prinzip der Liebe wenigstens in den Hintergrund zu treten. Aber nur scheinbar: Gottes Strafe ist Liebe, und seine Liebe ist Gerechtigkeit. Daß die göttliche Strafe sich nach drei und vier Geschlechtern geltend macht, ist gerecht und liebevoll zugleich Denn wenn die Sünde fick-durch drei und vier Geschlechter von Vater auf Sohn, von Mutter auf Tochter vererbt bat, ist »ie erblich geworden und Heilung und Besserung nicht mehr denkbar. Da ist Strafe und Vernichtung nothwendig. Beim Vater tritt die Sünde vereinzelt auf, beim Sohne ist noch Besserung möglich, beim Enkel ist sic unwahrscheinlich, beim Urenkel unmöglich. DaS Sündenmaaß ist voll; Gott hat die Ausgabe, das Böse zu verdrängen und das Gute zur Geltung zu bringen. Seine Strafe ist nicht Rache; sie ist Liebe und Gerechtigkeit. Der Verfasser selbst hat dargelhan, wie Liebe und Gerechtigkeit sich nicht ausheben und widersprechen, sondern ergänzen. Beide Eigenschaften liegen im Wesen GotteS : Gottes Strafgerechtigkeit ist Liebe, und GotteS Liebe wurzelt in der Gerechtigkeit. Gott wäre lieblos und ungerecht, wenn er das Böse ungestraft bestehen ließe. Seine Strafe ist keine Rache, sondern erfolgt im Interesse der Menschheit und der Tugend, und seine \

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.