Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 4 (27.1.1869)
- Date
- 1869-01-27
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4896751-5428712-5431984--2282-4898652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
27 Tß Die Schrift des Lebens.! Aon Dr. Leop. Stein. (Beiprochen von Dr Rothschild.) (Fortsetzung.) . An dieser Expose über die „Gerechtigkeit und Liebe" Gottes reiht sich ein anderes, sehr bedeutsapres, über den „Rachegott." Bekanntlich stellt das Christenthum den alttestamentarischen Gott der Juden als einen Gott der Rach« dar, eine Andichtung, womit es seine neue Lehre über die des Judenthums zu erheben sucht. ES glaubt auf diese Weise den Gott der Liehe für sich in Anspruch nehmen zu können. Um den Vorzug der neuen Lehre vor der alten zu documentiren, bestrebt man sich die Wahrheiten der letzlern zu entstellen. Der geehrte Verfasser ist der Ansicht, dasi dies Manoeuvre nicht dem ursprÄnglicken, sondern dem später» Christenthum eigen sei. Wir dürfen/UnS indeß nicht verhehlen, dasi diese Entfremdung seines Ursprungs im Christenthum schon früh begonnen zu haben scheint, denn schon die Bergpredigt biötet unS Beispiele von Entstellung der jüdischen Wahrheiten. Eine noch grösiere Entfremdung bietet aber wohl die Geschickte des Christentbums durch die Grausamkeit seiner Ketzerverfolgungen Und den BarbarismuS seiner Auto-da-fes, welche alle „'zur grösieren Verherrlichung res „neuen" Gottes, angeblich des Gottes der „Liebe," »eranstaltet wurden. Dasi diese Erscheinungen /lber roch nicht geradezu als Entfremdung von der ursprüngichen Lehre auszufasien seien, davon zeugen Ausdrücke, vie „Heulen und Zähneklappern," deren sich der geehrte Vers, selbst bewußt ist; davon zeugt die Auffassung des Todes Jesu als Sühnopfers, dessen die Menschheit beim Gotte der Liebe bedürfe, ferner die l ehre von der ewigen Verdammniß aller „Ungläul igen," ferner die Festhaltung des Teufelglaubens nnd des ganzen Apparats von Hölle und Fegefeuer. Diese Anschauungen alle sind dem ursprünglichen EbristentbuM eigen, — inwiefern sie dem Stifter des Christenthums eigen waren, läßt sich weder historisch, noch kritisch genau und sicher feststellen, — von einem Gott dir Liebe aber zeugen sie nicht. Die biblische Begründung dieser Ansicht vom „Rachegott" führt der Vers, auf die Lehre von der! „Heimsuchung der Sünde bis in das dritte und vierte Geschlecht" zurück. Sie erscheint bekanntlich zuerst im Decalog und wiederholt sich in der Off nbarung nach der Versündigung durch das goldene Kalb. Der Verf. u^girt ganz besonders die zweite Stelle für seine Ansicht und schildert recht eingänglich den Zusammenhang der ganzen Erzählung. Mojes selbst wird gleichsam irre an seinem Gott der Liebe. Und doch gilt es ihm uni so mehr, diesen im Judenthum festzuhalten , als der strenge Monotheismus weder einen „bösen Gott" neben ihm, noch den Widerspruch eines „bösen Princips" in ihm zugab. Wie aber sollte sich MoseS nicht blos das richtende, sondern vernichtende Strafverfahren Gottes gegen Israel erklären, als nach dem Rückfalle in den gewohnten ägyptischen Götzendienst zwar die bisherigen Bemühungen um den Monotheismus vereitelt schienen, aber mit der beabsichtigten ' Vernichtung Israels auch die Hoffnung auf Verwirklichung der für Israel gehegten weltbelrhrenden Pläne aufgegeben warV? Das Verfahren schien Moses dem Princip der langmütbigen und sühnenden Liebe in Gott zu widersprechen. Wir bemerken indesi, daß Moses nicht bloß irre wurde an der Liebe, sondern auch an der Einheit Gottes, oder doch seinem unmittelbaren Verhält- ' nisse zu Israel und der Menschheit. Gott kündet sich | nämlich als einen jähzornigen, rachsüchtigen an, der in seinem Eifer dem sündigen Israel gegenüber leicht zu weit gehen, und das ganze Volk mit Einem Male zu vernichten wieder drohen .könne' er wolle daher einen Engel als Mittler senden, um Israel zu I leiten./ Gegen die Führerschaft des Letzter» legt Moses j selbst Protest ein: eine solche Mittlerschaft wäre einAni griff auf die Principien des JudemhumS gewesen, — und sie wurde auch beseitigt. lieber 'diesen Widerspruch im! Wesen Gottes, der sich als Gott der Liebe kund gegeben und nun seine eigene Rachsucht, seinen im ersten! Augenblicke vernichtenden-und verzehrenden Jähzorn und Eifer fürchtete, bittet sich Moses Belehrung aus: „Lehre mich Deine Wege kennen;" zeige mir Deine Herrlichkeit!" Jedock bezieht sich die Frage MoseS nicht allein auf den Widerspruch zwischen der anscheinenden Rachsucht GotteS im Gegensatz zu seiner versöhnenden Liebe, denn Moses hatte auf Grund seiner Fürbitte bereits Versöhnung erlangt, sondern auf die Waltung Gottes im Allgemeinen und die Grundsätze, wonach er Lohn und Strafe vertheilt, Liebe und Versöhnung angedeihen läßt, oder straft und vernichtet. Und darauf j erhält er die Antwort, daß diese Grundsätze dem sterblichen Menscken verhüllt bleiben, daß dafür selbst dem tiefsten Denker, dem höchsten Seher und dem umfassendsten Forscher Grenzen gezogen sind. Wie Gottes Wesen („Ich bin, der ich bin") so ist auch seine Waltung dem Menschen dunkel („ich bin gnädig, dem ich gnädig bin"). Sogar ganz deutlich läßt sich hierüber die göttliche Antwort aus: „Der (erbliche) lebende Mensch kann mich nicht sehen." Wenn jedoch auch voniherein die Wege und Absichten der göttlichen Waltung verhüllt sind: („Du kannst mich nickt in's Antlitz schauen,)" und diese oft von den Menschen nickt erkacknt, sogar verkannt werden; so gibt doch die Zukunft darüber immer sichern Aufschluß („meinen Rücken sollst du sehen.") Und da werden wir immer gewahren, daß alle Wege Gottes nur Liebe sind („alle meine Liebe lasse ich an Dir vor- #