Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 8 (1868)
- Issue
- 46 (11.11.1868)
- Date
- 1868-11-11
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Nacht, wie wenn der Tischri beginnt und Nachts kein Mond leuchtet und des Tags, der Posaunen Ruf mahnet an Gericht und Rechenschaft; bald aber mehret sich das Licht und die Rächt ist strahlenhell, wie wenn der Tischri zunimmt und Nachts der klare Vollmond durch das Laub der Hütte blinkt und des TagS der Palinzweig, das Sinnbild des Friedens und der Erbebung, den Blick freudig zur Höhe lenkt. — So voll Abwechslung ist die Geschichte Israels, in Ernst und Freude, in Schmerz und Trost, in Kummer und Beseligung, allein gerade in diesem Wechsel offenbart «ich der Ewig-Eine --der nicht wandelt, der nicht wechselt, der immer derselbe ist — „Adonai, Adonai" — der Ewige bleibt der Ewige, ob er sich offenbart in seiner erhabenen Allmacht oder in seiner allerbarmenden Gnade. Und als sein heiliges E.rbgeschenk schätzen und rerehrcn wir in Israel, und lernen wir, besonders in stillfeierlichen Stunden unserer erhebenden Sabbath- und Festtage würdigen und anerkennen jene zwei ko>tbarcn Kleinode, die wir treu bewahren wollen als ein Vermäcktniß unserer Väter, als ein Andenken unserer Mutier, den klaren Geist.— den lichtvollen Edelstein, und das liebevolle G emüth — die mildschimmernde Perle. Sie haben bisher in der Geschickte Israels, in der Schatzkammer unserer Vergangenheit, gestrahlt 'in stiller Herrlichkeit, und nun, meine Brüder, da wir in die Oeffentlichkeit treten, da wir uns rüsten für jene große Zeit, wannder Gottein heitsgedanke Israels.wird werden zum Gotteinigung ögedankcn der verbrüderten Menschheit, jetzt wollen wir jenen beiden Kleinoden die rechte Faffung geben, dag sie leuchten in der Krone unserer heiligen Gotteslehre, von der das herrliche Wort gilt: „Licht ist ausgesät für den- Gereckten und Freude für die geraden Herzen." — . ' Der Geist war unser Esra, unser Helfer in allen Zeiten.-- Wer ist an Geist größer als Moses? Leset,- versteh« seine herrlichen Gesetze; sie sind voll de? heiligen Geistes bisauf den heutigen Tag.- Lasset uns nicht geringschätzig mit ihnen verfahren und unfern Witz von gestern.nicht setzen an die Stelle göttlicher Weisheit von Jahrtausenden! — Schlag« die Bücher der Propheten auf; fühlet euch erquickt von den Liedern Davids, belehrt von den Sprüchen Salomo's, «hoben von der Größe Hiobs — der Geist, d« klare Geist des sick offenbarenden höchsten Geistes, wehet euch überall an als belebender. .Gotteshauch.— Lernet diese Bücher würdigen; schöpfet in zeweiheten Stunden aus ihrer reinen Quelle — ihr werdet daraus mehr geistigen Genuß gewinnen, als aus tausenden von faden Büchern, womit unsere Frauen ihre Zeit verschwenden und woran unsere Töckter ück den Gesckmack?«- derben. — Der Talmud theilt uns die wunderliebliche Sage mit, eine Äolsharfe war aufgehangen über dem Lag« Davids, und wann gegen Morgen der frische Wind durch die Saiten hauchte, da stand d« königliche Sänger auf und sang seine unsterblichen Lieder und rief: „Ich weckeaus den- Morgenstern, Der Morgenstern soll mich nicht wecken!" — Also, meine geliebten Brüder und Schwestern, ist in der Bibel die große Harfe des Morgenlandes aufgehangen über unserm Haupte, und der Geist haucht darein mit himmlischem Säuseln und wir wecken in uns die morgenstrahlenden Erinnerungen unserer heiligen Vorzeit — doch träge Schläfer sind wir, wenn sie uns wecken müssen, oder kaum mehr zu «wecken vermögen, aus unfern eitlen Träum«eien. — Und als der Psalter ausgeklungen und das lebendige Wort der Propheten verstummt war, mit Esra trat eine neue Zeit ein; die Schriftgelehrsachkeit begann, und eine neue Fülle des Geistes, wenn auch in anderer Strahlenbrechung desselben Edelsteines, ergoß sich üb« Israel. Leset den Talmud, leset die zahllosen späte ren rabbinischen" Schriften durch das ganze dunkle Mittelalt«, Geist leuchtet überall, freilich vielfach in einer Fassung, die wir nicht mehr brauchen können, aber für seine Zeit weckend den Geist, stärkend den Geist und Israel erhaltend als eine geistig frische «Gemeinde. — O lasset uns unsere geistige Vergangenheit auch da nicht gering achten, wo wir den entschiedenen Ausspruch thun müffen, tausende von Satzungen, die jener Geist für seine Zeit hervorgerufen, sind nicht mehr für unsere Zeit — die Religion muß nothwendigerweise eine neue Fassung erhalten, ab« lasset uns diese schaffen im Geiste unserer heiligen Vergangenheit — denn Geschichte heißt Entwicklung, und Reform heißt Fortbildung aus dem Ueberliefertcn h«aus, mit klarem G e i st e, mit treu anhänglichem Herzen. Denn das Herz war ünd blieb Israels Rechem j a, sein hingebungsvoller Tröster bis auf diesen Tag. Moses in seinen Gesetzen der Liebe und des Erbarmens, die Propheten in ihren Vorträgen voll Innigkeit und Gemüthstiefe, die Psalmisten in ihren weichen Klängen der Reue und Versöhnung, und der Talmud in seinkn herrlichen Gleichniffen, und' die späteren ebräischen Dichter und Sittenlehrer, namentlich aus der großen portugiesisch-hispanischen Zeit: zahllose. Perlen umgeben in hervorhebender Fassung die große Mutterperle, die da heißt: Da» Herz Israels! — Gebet wohl dieser Perle eine neue Fassung; setzet an die Stelle jener Liebe und jener Barmherzigkeit, die in den Zeiten des Hasses und der Verfolgung von außen her nur den Glaubensgenossen konnte zugewendet werden, die Liebe gegen alle