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Der israelitische Lehrer · 1868-10-28 · 44 (28.10.1868) · p. Seite 255

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
8 (1868)
Issue
44 (28.10.1868)
Date
1868-10-28
Page
Seite 255 (sequence 7)
Language
German
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255 Der. Jude vereinigt in sich die Gegensätze von Enthusiasmus und Verstandesschärfe. LllS Enthusiast geht er in Lob wie in Tadel zu weit. Seine Sprache ist vollauf pathetisch, und Schiller ist der LieblingSdichter im Ghetto; er liebt das Gewaltige; im fehlen in der Poesie das Metrum, unter den Künsten die Plastik, in der wissenschaftlichen Composition die Ruhe deS Organischen; aber daneben besitzt er eine große Verstandesschärfe und liebt den Wortwitz und das Wortspiel. Er begeistert sich rasch und denkt rasch; daher kommt es, daß fein Naturell ihn manchmal vorschnell, vorlaut, beweglich und wieder abrupt, unzusammenhängend, hin- und herspringend in seiner Rede erscheinen läßt, daß er einen Satz beginnt, während er den früberen nickt vollendet, daß er ins Wort fällt, daß er beute in den Himmel hebt und morgen in die Hölle schleudert. Ein humoristisches Bild solcker Gegensätze im Kleinen zeigt uns der Verfasser in der Bibliothek eines Rabbi. Neben den kritischen und' rationalistischen Commentareir Jbn Esra's die mystisch und asketisch gefärbten Erklärungen Alscheich's, neben dem Frrmdwörterbuch deö Römers Natan die Klagelieder für den 9. Ab, neben der Snnonymik Urbino's die religionsphilosophischen Dissertationen Alhelda's, neben dem halb kabbalistischen Buche Rasicl die Streitschriften über das Hamburger Gebetbuch.. Der Jude ist zugleich stabil nud sortschrittssähig. Wie die breite Basis einer Pyramide, so blldet die Stabilität die Grundlage des - jüdischen Stammes, aber dabei treibt ihn seine Forrschrittsfähigkeil immer zur Spitze derselben empor. Der Jude läßt nicht gerne seine alten Sitten und eingelebten Gewohnheiten, aber er nimmt mit Leichtigkeit neue Sitten in sich auf. Wo er nicht zurückgestoßen wird, ist er zur Nachahmung fremder Sitten geneigt; in Spanien wetteiferten die Juden mit den Hidalgos, und in Ungarn, sind sie die eifrigsten Verehrer von Sporen und Schnürröcken. Was der Jude aus seinen Wanderungen ersahrcn und gesammelt, griechische und arabische Philosopbeme, Resultate der lateinischen Scholastik, dies Alles lagert sich alö immer neue und neue Schichte an die Bibel an, und der Galizier Krochmal, der nie seine Heimath verlassen, hat Hcgel'sche Ideen, modifieirt durch das jüdisch-religiöse Bewußtsein, in hebräischen; Gewände vorgetragen. Der jüdische Stamm hält fest an seinen Gebräuchen; ihm gilt der UsuS fast mehr als sein Religivnsgesetz, und obwohl so Manches nicht ausdrücklich ausgchoben wurde, hat eü die PrariS einfach beseitigt. Der jüdische Stamm ist subjektiv und objektiv. Vorherrschend ist er subjektiv. Er versenkt sich nicht felbstverläugnend in die Tiefen des KoSmoS; Alles bringt er in Beziehung zu seinem Ich. Die Fragen, die ihm das größte Zntereffe' abgewinnen, sind: Warum? Wozu? — Demgemäß ist er klug, praktisch, zähe, ausdauernd, zusammenfasiend, persönliche Freiheit ' liebend, fügt sich nicht gern einer Autorität, zollt seinesgleichen wenig Anerkennung, ist weder eroberungs- -y noch bekehrungssüchtig, hat kein hervorragendes Organisationstalent und ist wenig diSponirt zur Schwärmerei. Der Jude ist von Hause aus nicht geneigt zur Lösung verwickelter philosophischer Probleme, zu metaphysischen Untersuchungen und Grübeleien; die Juden sind kein philosophisches Volk, auch sind sie von Natur weder systematisch noch kritisch. Systematisches Gliedern und kritisches Zergliedern haben sie erst von den Jndogermanen lernen müssen. Eine Folge der jüdischen Subjektivität ist eS, daß manche Juden in den Jrrthum verfallen, Vieles . dem jüdischen Kreise entlehnt zu halten, was sie bei anderen Völkern finden. DaS steht schon im Talmud! DaS findet sich schon in MaimpnideS! — kann man häufig hören! ja als vor etlichen Jabren die Kunde ' von der Trichinenkrankheit aufkam'7' wollten Manche allen Ernstes behaupten, Moses habe schon, von^ den i Trichinen gewußt und habe deßhalb den «kennst» des Sckweines verboten. Die Subjektivität der.Juden verhinderte auch in ihrer Poesie das Auftreten des Drama und des Epos, begünstigte aber die Lyrik und die Spruchweisheit. Trotz der ansgespochenen Subjektivität fehlt es aber dem jüdischen Stamme nicht an objektiver Hingebung; dies zeigt sich besonders in zwei Punkten, in dem Familiensinn und in der Nachabmungssncht deS Juden." Seine Urgeschichte ist eine rührende Familien - Erzählung, und — die schönsten Weibnachtsbäume am Christabend kann man in jüdischen Häusern finden. Der Jude ist 'Nicktjuden gegenüber immer anständiger, gefälliger, liebenswürdiger und rücksichtsvoller als gegen seine Stammesgenossen. Er ist für Auszeichnung, Ruhm nud Ehre sehr empfänglich, und was dem Franzosen die Gloire ist, das ist dem Juden1 der Kabod. Er bat die Fähigkeit, sich rasch in eine, ihm fremde Ideenwelt zu versetzen, daher exccllirt er: in der Schauspielkunst und ganz besonders im tragi-! schen Fache, darin unterstützt ihn sein angeborenes^ Pathos; dagegen artet seine Verstandesschärfe oft in1 Spitzfindigkeit aus, die manchen Künstler mif Abwege führt. So ist Dawison manchmal einer ipitznndigew Casilistik auf der- Bühne verfallen und hat .gewisse Partien seiner Rollen mit einem balachisch'cn Raffinement ausgearbeitet, während in der Französin Rachel das jüdische Patbos den schönsten Triumph feierte. - Ein Stamm, in welchem die Subjektivität vorberrschend ist, wie in dem jüdischen, muß eine teleologische Weltauffassung haben und Alles vom Gesichts puizkte der Zweckmäßigkeit betrachten. . Bei ihm muß r

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