Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 8 (1868)
- Issue
- 42 (14.10.1868)
- Date
- 1868-10-14
- Page
- Seite 237 (sequence 7)
- Language
- German
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237' hofften an die Gestade des Rothen.MeereS;u gelangen, welches den Pilgern einen Durchgang trocknen Zuges dar- . bieten würde. Aber das Meer war gar weit. Der Mangel an Lebensmitteln nölbigte die Unvorsichtigen bei Axun>, int Lande Tigre anzuhalten. Der Plan wurde nicht aufgegeben, aber das Klima und die Eittbehrungen lichteten bald die Reiben dieser Unglücklichen; die Kinder und Greise unterlagen zuerst. Rock hielt man aus, und erst nach unerhörten, drei Jabre nack einander ausgestandenen Mühseligkeiten und Anstrengungen ließ man widerstrebend («» murmurant) den Plan, nack Jerusalem zu wandern, fallen. Die Trümmer des Zuges kebrten in einem bejainmernswertlien Zustand zuihren inzwischen in Trümmer gesunkenen, von den Hyänen und Scorpionen bewohnten Hütten zurück. Ihr Elend ist groß, aber ein Trost ist es für sie, keine Missionäre mehr zu sehen. Rack diesem schrecklicken Ereigniß haben die Zalascka's i sich' noch über Räubereien und Gewalttbätigkeiten zu bekla- | gen. Wie jede Minderzahl erheben sie sich nur schwer aus; ihrem Verfall. Die äußerste Arinutb zwang sie, die Mildi tbätigkeit ibrer Brüder anzufleben, die vom Kriegsschauplatz ' entfernter wohnen. Die zahlreichen Heerde», die ehemals ihren einzigen Reichtbum bildeten, sind weggetrieben; der. Falascha spannt sich beute, mit ffrau und Kinder», selbst an den Pflug oder grabt den Boden mit dem Spaten um, damit er nicht Hungers sterbe. Oder da er fürckten muß, nickt zu ärnten' wo er säet, überläßt er Andern sein Feld und sucht sein Brod durch ein Gewerbe zu verdienen, das aber bei der Erschöpfung des Landes auck nur wenig einbringk. Er besucht die Märkte, wagt sich bis an die Grenzen Tudaii'S hin; was bilfts? Bei der Rückkehr in die Heimatb wird er von Soldaten oder Räubern, die alle Wege unsicher machen, ausgeplündert. Diese rasche Skizze genügt gewiß, um das-Mitgesübl der Alliance israelite für diesen fernen Zweig des Volkes Israel zu erwecken. Die Kalascka's haben ein Reckt darauf, daß sich das europäische Judentbum mit ihnen beschäftige, und ibr Recht stützt sick auf drei Punkte: 1. Sie sind Juden. 2. Sie sind unglücklich. 3. Sie zeigen einen großen Eifer nack Verjüngung. Sie sind Juden durch ibren eitrigen Glauben und durch ihr Studium des Gesetzes und der Propheten, die sie in den Tempeln lesen und ihre Kinder lehren. We,nn ihre Gesichtsfarbe sie von uns, die wir unter einer gütigem Sonne geboren sind, unterscheidet, so müssen ihre schönen (Gefühle und ihre Tugenden uns stolz inachen auf unsre Verwandtschaft mit ihnen... Die Verschiedenheit des Ritus koinint vorzüglich davon her, daß sie sick vor der talmudischen Entwicklung in Abyssinieu niederließen, zum Theil auch einem andem Wortlaute deS heiligen Textes huldigen. Ihre Unbekanntschaft mit der hebräischen Sprache ist von keinem Gewicht, wenn man bedenkt, daß die vor der Zerstömng des zweiten Tempels in Egypten lebende starke jüdische Bevölkemng auck schon nicht inehr Hebräisch verstand — waren die religiösen Körperschaften des Aristobulus und des großen Plsilo dämm keine Juden? Sie sind unglücklich. Haben schon die übrigen Bewohner Abyssiniens durch den Bürgerkrieg viel zu leidm, so leiden die Zalascka'o, vom .Handel entfernt, dem stillen Gewerbe hingegeben, noch unendlich mehr. Rock inedr als den Verlust ihres Vermögens, beklagen sie aber den Diebstahl ibrer Bücher. Eine große Menge von Dörfern besitzt nickt einmal ein eiilzigeö Exemplar deS Pentateuchs, und auch die andern Bücher der heiligen Sckrisl sind sehr selten und der Falascha ist gezwungen, seinen Jesajaö oder Psalter zu bobem Preise gerade von denen zu kaufen, die sie ibm geraubt haben und gibt seine letzte Kub hin, um das Buch wieder zu erlangen, von dem er sick nickt trennen kann. Sie zeigen ein großes Verlangen nach ihrer Verjüngung. Kaum-vernahmen sie das Bestehen und den'Zweck Ihrer Gesellschaft, als sie-ein Zreudengeschrei erhoben. „DaS ist gut," sprachen sie zu mir: „Gott sei „gelobt, daß a'r unfern Brüdern in Europa Theiknalnne für „uns eingeflößl bat. Wir können wenig lesen, »och weniger „schreiben; wir kennen die Sprache ker^Propheten nickt, ,^aber unsere Unwissenheit ist eine unverschuldete. Unter- „ricklet unö, gründet Sckulen in unfern Dörfern, nur „Freude werden wir unsere .Kinder hineinschicken. Einstweilen „übergeben wir Euch Einen der Unsrigen , inuenpeiset ilm „iin Gesetz und in der Wissenschaft, wir werden in der „Zukunft seiner bedürfen." 2p sprachen die Priester und das ganze Volk, als sie mir den Jüngling übergaben, welcher der Sorge der Alliance .»i-acUte anvertraut werden soll... Ist dieß nickt ein augenscheinlicher Beweis, daß die.ralascka's unterricktel zu werden, aus der afrikanischen Barbarei bervorzugeben wünschen? Wie? Ein weißer Wanderer kommt in'S Land, allein, gehüllt in ein zerfetztes Stück Kattun, mit einer geringen Geldsumme, die Landessprache nur unvollkornmen sprechend. Er sagt, er sei ein Israelit, man bat . Mühe, es zu glauben. Aber bald macht jedes Bedenken dem | unbeschränktesten Vertrauen Platz, und diese Männer, die -] nie einen Schritt außer ihrem Varerlande gekban haben, die | in eingewurzelten Vorurtbeile» siegen die Weißen erzogen l sind, entschließen sich, Einen der ihrigen in ein weit^nt-! ferntes Land zu schicken, iin Vertrauen, aut diesen jüdischen Wanderer, der von Unterricht zu ihnen gesprvcken.! Gewiß,'meine Herren, eine solche Ration strebt nur da-! nach, sich uns zu näbem und die Segnungen der Eivilisa- 1 tivN Mit UNs ZU tbeilen: es wird der Allianae i.«ra6lite zu! ewigem Ruhme gereiche», wenn sie es unternimmt, die Fa-! lascha's von nun an in beständiger Berührung mit ihren j Brüdern in Europa zu erballen und es versucht, mit dem heiligen Stamm Jsrael's diesen mächtigen Zweig wieder , zu vereinigen, der trotz der afrikanischen Barbarei, seine an- 1 gestammte Lebenskraft treu und rein zu bewahren gewußt bat."