Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 8 (1868)
- Issue
- 42 (14.10.1868)
- Date
- 1868-10-14
- Page
- Seite 237 (sequence 3)
- Language
- German
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hofften an die Gestade deö Rothen MeereS;u gelangen, welckes den Pilgern einen Durchgang trocknen Fußes darbieten würde. ' Aber das Meer war gar weit. Der Mangel an Lebensmitteln nötbigte die Unvorsichtigen bei Axum, im Lande Tigre anzuhalten. Der Plan würde nicht aufgegeben, aber das Klima und die Entbehrungen lichteten bald die Reiben dieser Unglücklichen; die Kinder und Greise unterlagen zuerst. Rock hielt man aus, und erst nach unerhörten, drei Jabre nach einander ausgestandenen Mühseligkeiten und Anstrengungen ließ man widerstrebend s«» murmurant) den Plan, nack Jerusalem zu wandern, fallen. Die Trümmer des Zuges kebrten in einem bejammernswertben Zustand zu ibren inzwischen in Trümmer gesunkenen, von den Hyänen und Scorpionen bewohnten Hütten zurück. Ihr Elend ist groß, aber ein Trost ist es für sie, keine Missionäre mekr zu leben. Rack diesem schrecklichen Ereigniß haben die Falascka'S sich noch über Räubereien und Gewalttbätigkeiten zu beklagen. Wie jede Minderzahl erheben sie sich nur schwer aus ihrein Verfall- Die äußerste Arrnutb zwang sie, die Mildtbätigkeit ihrer Brüder anzusteben, die vom Kriegsschauplatz entfernter wohnen. Die zahlreichen Heerden, die ehemals ihren einzigen Reichtbum bildeten, sind weggelrieben; der Falascha spannt sich beute, mit Frau und Kinder», selbst an den Pstug oder grabt den Boden, mit dem Spaten um, damit er nicht Hungers sterbe. Oder da er fürchten muß» nickt zu ärntenwo er säet, überläßt er Andern sein Feld und sticht sein Brod durch ein Gewerbe zu verdienen, das aber bei der Erschöpfung des Landes auck nur wenig einbringl. Er besucht die Märkte, wagt sich bis an die Grenzen Sudan's bin; was bilfts? Bei der Rückkehr in die Heiinath wird er von Soldaten oder Räubern, die alte Wege unsicher macken, ansgeplündert. Diese rasche Skizze genügt gewiß, um vatz Mitgefühl der Alliance isra/iite für diesen fernen Zweig des Bol - kes Israel zu erwecken. Die Falascha's haben ein Reckt darauf, daß sich das europäische Iudentbnm mit ihnen beschäftige. und ihr Recht stützt sich auf drei Punkten 1. Sie sind Juden. j 2. Sie sind unglücklich. 3. Sie zeigen einen großen Eifer nack Berjüngung. Sie sind Juden durch ihren eifrigen Glauben und durch ihr Studiuin des Gesetzes und der Propheten, die sie in den Tempeln lesen und ihre Kinder lehren. Wenn ihre Gesichtsfarbe sie von uns, die wir unter einer gütiger» Sonne geboren sind, unterscheidet, so müssen ihre schönen Gefühle und ihre Tugenden uns stolz inacken auf.unsre Berwaudlschaft mit ihnen... Die Berschiedenheil des Ritus kommt vorzüglich davon her, daß sie sich vor der talinudischen Entwicklung in Abyssinieu niederließen, zum Theil auck einem andern Wortlaute deö heiligen Textes huldigen. Ihre Unbekanytscbaft mit der hebräischen Sprache ist von keinem Gewicht, wenn man bedenkt, daß die vor der Zerstörung des zweiten Tempels in Egypten lebende starke jüdische Bevölkerung auch schon nicht mebr Hebräisch verstand — waren die religiösen Körperschaften des Aristobulus und des großen Pbilo darum keine Juden? Sie sind unglücklich. Haben sckon die -übrigen Bewohiker Abyssiniens durch den Bürgerkrieg viel zu leiden, so beiden die Falascha's, vom ,'bandel entfernt, dein stillen Gewerbe hingegeben, nock unendlich mebr. 'Rock inebr alsden Berlust ibreS BermögenS, beklagen sie aber den Diebstahl ihrer Bücker. Eine große Menge von Dörfern besitz nickt einmal ein einziges Exemplar des Pentateuchs, un > auch die andern Bücher der heiligen S ciwirt sind sehr selten und der- Falascka ist gezwungen, seinen Jesajas oder Psälter zu! kobem Preise gerade von denen zu kaufen, >die sie Umi geleaubt habe» und gibt seine letzte Kub bin. um das Buch wieder zu erlangen, von dem er fick» nickt-trennen kann. I Sie zeigen ein großes Berlangen.nack lhrer Perj nngung. Kanin vernahmen sie das Bestehen und den -Zweck Ihrer Gesellschaft, als sie ei» Freudengeschrei erhoben. „Daist gut," spracken sie zu mir: „Gott sei „gelobt, daß erunser» Brüdern in Europa Theilnahme für „unö eingeflößt bat.. Wir können wenig lesen, nock weniger „sckreiben; wir kennen die Sprache der Propheten nicht, „aber unsere Unwissenheit, ist eiue nnverschnldete. Unter- „ricktet unö, gründet Schulen in unfern Dörfern, »m „Freude werden wir unsere Kinber hineinsckickeu. Einstweilen „übergeben wir Euch Einen der Ui»'rigen, unterweiset ihn. „im Gesetz und in der Wissenschaft, wir werden in der „Zukunft seiner bedürfen." So spracken die Priester und daS^ganze Bolk, als sie .mir den Jüngling übergaben,, welcher der Sorge der jAlliance i»ravtite anvertran't werden soll... Ist dieß j nickt ein augenscheinlicher Beweis, daß die Falascha's nnteri ricktet zu werde», ans der afrikaniscken Barbarei l>ervor;ugeben wünschen'? Wie? Ein weißer Wanderer kommt in'S Land, allein, gehüllt in ein zerfetztes Stück Kattun, mit einer geringen Geldsumme, die Landessprache nur unvollkommen sprechend. Er sagt, er sei ein Israelit, man bat Mühe, es .zu glauben. Aber bald mackl jedes Bedenken dem unbeschränktesten Bertrauen Platz, und diese. Männer, die nie einen Schritt außer ihrein Baterlande-getban haben, die üi eingewur-zelten Borurtbeilen gegen die Weißen erzogen sind, entschließen sich, Einen der ibrigen i» ein weit entferntes Land zli schicken, im Bertrauen auf diesen jüdischen Wanderer-, der von ilnterrickt zu ihnen gesprochen. Gewiß, meine Herren, eine solche Ration strebt nur danach, sich uns zu näbern und die Segnungen der Eivilisation mit uns zu tbeilen: es wird der A|Jiaune i.«ra6iite zu ewigem Rubine gereichen, wenn sie es unternimint, die Falascha's von nun an in bestäntiger- Berührung mit ihren Brüdern in Europa zu erhalten und es versucht, mit dem heiligen Stamm. Israel'S diesen inäckrigen Zweig wieder zu vereinigen, der trotz der afrikanischen Barbarei seine apgestammle.Lebenskraft treu und rein zu bewahren gewußt bat."