Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 8 (1868)
- Issue
- 41 (7.10.1868)
- Date
- 1868-10-07
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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229 zutragen aufforderte. Die Tora-Träger bestiegen alsdann unter Vorantritt des Rabbiners mit ihren geschmückten Gesetzes-Rollen 4 bereitstehende Wagen, fuhren zur neuen Synagoge und stiegen vor dem mit Fahnen und Guirlanden geschmückten Gemeindehause aus; dort ordnete sich der Zug und trat dann in die gezierte und dicht gefüllte Synagoge ein. Der Rabbiner leitete eintretend die Feier durch Absingung der hebr. Psalmverse ein : „Oeffnet mir die Pforten der Gerechtigkeit; ich will in sie eintreten und Gott preisen!" und vortretend sang er: „Hier ist der Eingang zu Gott, Gerechte tretet ein!" Der Zug der Toraträger schritt durch die Synagoge, während der Chor unter Orgelbegleitung in hebr. Sprache Iloclo al erez etc. sang. Der Rabbiner sprach hieraus die Weiheformel Hato'w wehametiw etc. Rach dieser folgte Umzug um den Bet-Altar und Einsetzung der Geseyes-Rollen in die heilige Lade. Mit Einsetzung der Tora-Rollest war die- Synagoge ihrer Bestimmung übergeben.- An die Tora-Einsetzung reihte sich das Recitativ des Rabbiners: Ilvnucllo etc., worauf der Chor erwiderte: „Ilaschiwenu etc.“ Die heilige Lade wurde darauf geschlossen und der Rabbiner sprach ein deut-. sches Weihegebet für das neue Haus, das ein Tempel der Anbetung Gottes sei, in dem der Glückliche seine Dankgebete darbringen und der Trauernde Trost und Linderung finden möge. Der nun folgende liebliche Gesang des in Dichtung und Composition schönen LiedeS: „In der heiligen Gotteslade ruhet das Geschenk der Gnade," bereitete in erhebender Weise auf die Predigt vor, welche mit einem kurzen Kanzelgebet eingeleitet wurde, in welches der Redner auch den Dank zu Gott einflocht, das; eS ihm, als Kind der hies. iSrael. Gemeinde und als Sohn dieser Stadt, vergönnt sei, das neue Tempelhaus zu weihen. Nach dem Texte: Zacharias 4, 6 „Nicht mit Macht und Gewalt, sondern mit meinem Geiste, spricht der Herr re." schilderte der Redner alsdann die wunderbare Erhaltung Israels in der Vergangenheit und die Bedeutung seines Bestehens für Gegenwart und Zukunft. Das Judenthum charakterisire sich nicht durch äußere Macht und Uebung von Gewalt, sondern durch seinen Geist, den Geist Gottes und seiner Lehre, den Israel durch die Welt zu tragen berufen sei und von welchem es wieder durch die Welt getragen worden ist und werden würde. Dieser göttliche Geist der jüdischen Lehre stelle sich dar in den Ideen von Menschenrecht -Gleichheit, -Freiheit, Freiheit des Denkens u. Glaubens, in den Grundsätzen von allgemeiner Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte die Versammlung, unter der sich auch viele christliche Zuhörer aller Stände befanden, dem Redner, .der nun noch in großer Wärme für seinen Glauben das Judenthum schilderte als den Befreier , der Menschheit. Nicht bloS für feine eigene Befreiung vom Druck der Jabrhunderte kämpfe Israel, sondern auch für die Befreiung der, Mitmenschen vom Druck der Ständeunterschiede Und ^Vorrechte. Die Stellung der Juden in eiuein Staate sei der Gradmesser für seine Bildung und Freiheit; die betreffenden Fragen würden nicht bloS von Juden, sondern auch für Juden behandelt, die Resultate kämen aber der ganzen Welt zu Gute. Die Sittenlehre?es JudenthumS wies der Redner in den zebn Geboten nach, den Glauben legte er da» als (Erkenntnis; im Gegensäy zu dem, was vom Verstände nicht begriffen werden könne und ohne Rachdenken aufÄutorität angenommen werden müsse. Der Gottesdienst bestehe in seiner Ursprünglichkeit nur aus Belebrung und Gebet, ohne eermonielle Formen, und die Frömmigkeit zeige sich nicht bloS in der Pflege deS CultuS, sondern auch,im häuslichen und öffentlichen Leben. Die Stellungder Priester anlangend, so gäbe ihnen das Judenthum weder Vorrechte, noch Machte nicht einmal die des Segnend, — nur Gott segne, indem die Priester Gottes Namen uuo Geist auf das Volk legten, d. h. in ibin verbreiteten. Fa- - natismus und Intoleranz kenne das Judentbum nicht, vielmehr seien die freiheitlichen Ideen der modernen Zeitbildung ihm entnommen, sie stünden nicht im Widerspruch mit Gott uii^ seinen Lehren, sondern würden von dieser gesorden und gefördert. Unter den .messianischeu Erwartungen deS JudenthumS wollte der ' Redner die allgemeine Menschenverbrüderung auf Grund; der wahren Erkenntnis; von Gott und seiner ' Lehre i verstanden wissen. Am Schluffe der Predigt erkannte der Redner axr, das; 'Israel mit seinen Kämpfen nicht mebr allein stehe, das, es auch Mitkämpfer gewonnen habe. Er ermahnte, 'fortzukämpfen wie Erzvater Jacob gegen den Geist der Nacht und Verblendung, das Morgenroth breche an, jener Geist stiebe, die Sonne werde , aufgehen und man werde den Segen' anerkennen, den ' Jacob erkämpfte. Nach der Predigt, die reicht ohne sichtlichen Ein- , druck auf alle Zubörcr geblieben war, folgte Gesang ' und ein Schlußgebet, auf dieses wiederum Gesang, alsdann entließ der Redner mit dem Segen, in welchem er- Gottes Huld ' für das Wohlergehen des Königs, deS Vaterlandes, der Gemeinde und der Stadt erflehte, die Versammlung. Die Festlichkeit hatte mit der Feier in der Synagoge ihren Abschluß noch nicht erreicht; eö fand zunächst noch am selben Abend im Saale der Harmonie- Gesellschaft ein Festessen statt, das sich zahlreicher und!