Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 8 (1868)
- Issue
- 31 (29.7.1868)
- Date
- 1868-07-29
- Page
- Seite 143 (sequence 3)
- Language
- German
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143 diese Weise Befriedigung schafft, und uns steht eö nicht zu, gegen diese Anschauungen zu polemisiren. Wir fühlen im Gegentheil Sympathie zu diesen von dem Banne deö Dogmatismus sich freimachenden Seelen, , denn das Judenthum kannte nie die Geistesfeffel, die i im Dogma liegt*); und die Fessel deS jüdischen Ge-; boteS kann auch in seiner Berirrung nicht so geist | tödtend wirken als die Fessel des Dogma's.! Wenn aber diese Männer ihr Christenthum als gleichbedeutend ir.it Humanität erklären, oder vielmehr; die Humanität geradenwegs Christentbum nennen und! vorgeben, daß nur im Christentbum Humanität und! lolera»; herrsche, daß es ohne Christenthum keine i Menschenliebe, keine Sittlichkeit gebe, und daß diese i Grundsäulen der Welt Crsinduugen des Christenthums I und erst mit demselben gekommen seien, so müsien wir! als Hilden mit allem Nachdruck hiergegen protestiren. i Wir werden demnächst' Gelegenheit haben, an anderer . Stätte gegen solche Verdrehungen der Geschichte auf-! zutreten, und sind gesonnen, den Kamps um unser! wohlberecktigtes Erbe dorthin zu tragen, wo er allein auSgekämpst werden kann, in nichtjüdischen Blättern. Wir werden den Fehdehandschuh, den man in solcher Weise dem ZudenthUme hinwirft, aufbeben. Wo nicht nachgewiesen werden kann, daß die Lehren der Gerechtigkeit, der Liebe sind Sittlichkeit, ihren Ursprung! nur allein im Fueentbume haben., iHfcrn überhaupt , ihre Offenbarung nachgewiesen werden muß und ' ihre Duelle nickt unmittelbar im Menschenberzen j zu suchen ist; wenn die Entwicklung des Juden-! thumS nickt eine naturgemäße zum Reiche Gottes i auf Erden hinführcude ist,-dann ist daS, was wir als i Religion bekennen rind auSüben, veraltet, und das! Zudenthum hätte das Reckt zu seinem Bestände - verloren. So sagte Herr^ Tiedemann in feinem Vertrage über Diesterweg's Wort: „Lebe im Ganzen:" „Fn der civilisirten Welt des Alterthums verschlang das Ganze die Individualität: das Vaterland, der Staat nahm Alles in sich auf; rc. erst dem Christenthum ist -eS aufbehalten gewesen, die Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. Damit ist die große Umgestaltung namentlich vollzogen worden, daß durch die christliche Lehre daS kleinste Ganze, die Familie, und selbst das einzelne Individuum yir vollen Geltung gelangen konnte." Wie ist daS historisch nachzuweiscn?. — > Wir glauben, daß auck der jüdische Staat zu den „rivilisirlen" des Altcrtbumo gehörte; und wir bc- , haupten, daß im Christenthum bis auf den heutigen Tag dem Individuum durchaus nicht mehr Recht wird, *) Die Kabbala und ihre unglückseligen Verirrungen scheinen uns bloß traurige Abweichungen des jüdischen Geistes, durch die benebelnden Einflüsse christlicher Dogmatik auf den Mischen Geist; . ihre Bekenner schieden zumeist später aus dem Judenthume. j als im -MosaiSmuS ausgesprochen. Oder ist etwa der Decalog nicht die Duelle aller RechtSwahrheit, und gibt es ein Wort, daß dem Einzelnen sein Reckt im Staate und seinen Mitmenschen gegenüber bester wahrt, als das ewig nnübertrestlicke von Moses, das alle spätere Humanität in iick faßt', „Und du sollst lieben deinen Nächsten wie dick selbst?" Oder ist etwa daS Reckt des Individuums im protestantisch-christlichen Nordbund dem Staate gegenüber so groß, wo man dem alten Vater seinen Sohn nimmt, der seine Stühe im Alter fest, soll und ibn neck dazu verpflichtet, durch erbökste Steuer für dessen Unterhaltung zu sorgen, während doch die ganze Bibel zeigt, wie gering die Mackt des jüdischen Königs war, der keinen seiner Brüder von seinem Erbe treiben durfte, nur wenig Pferde und im Kriege nur wenig freiwillige Truppen batte, während-er flch seine Leibwache aus eigene Kosten halten mußte; ein König, der nickt vom Eigenthum des TtagteS, sondern nur von seinein Eigenen seinen Kindern geben durfte? So hat Pastor Ricke dem Staate die Pflicht christlicher Erziehung der Armen anferlegt. *» Er Wir hatten Gelegenheit, tiner ähnlichen Aeuheoung zu begegnen; uni» Wort wurde zufällig «ine Demonstrat-on gegen e ne iolche Phrase. Als auf Withclmshöhe im überfüllten Saale ein Herr Pfarrer »Steinacher zu Buttclstet bei Weimar" der Veriammlunq einen Grub des deutschen Protestantentages brachte, vergast er sich in seinem evangelisch-protestantischen Eifer so weit, bah er sich in i'iiur ausschlichlich protestantischen Lehrer- Versammlung dacht-', nur vom Protestantismus und den Protestanten sprach und sogar mit ein.in Hoch auf die „deutsche protestantische <’) Lchrcrver' aminlung" schloß. Da erhob sich unmittelbar daraui schreib r dieses und sprach', vier fach von der Versammlung durch VeisallSbezeigungen untorbrpchen, etwa Folgendes: "V „Mein Wort hängt om’o Engn. zusammen mir deni, was „der g'khrt« Vorredner sprach Ich muh jedoch an einen „Abgeschiedenen und an das Won eures der geehNen An- ,'seienden erinnern. Als bei der vehrerverfammlung zu ..Mannheim der unvergeßliche ür. <iarl Schmidt über Erweckung ui'd Pitege der Vaterlandsliebe in der „Schule sprach und auch die Feste nannte, He in der »Schule geseieN werd.lt sollen, da sprach Pastor Aiecke „die denkwürdigen Wone: Ich erlaube mir noch einen Tag „hinzutusügen, desien Datum aber ich leider nicht-angeben „lann: „das ist der Tag, an welchem man den »Menschen nicht mebr fragt: was glaubst Du? „sondern: was rhusr Tu? was bist Du? was liebst „In:!' Meine Herren, diese Worte haben in mir seither stets .nachgcilungen. Jenen Tag berbeizusühren, ist die Aus- „qabe der allgemeinen deutschen Lehrcrvcrsammlung. .Wir sind hierher gekommen, nicht als protestantische, als »katholische, als jüdische, sondern als deutsche Lehrer; »ja, wie hier heute schon mehrfach hervorgcbobcn wurde „alsLehrer für Menschen! Diesen Tag herbeizusührcn ist un- . scre heiligsteAufgabe, nicht blos hier, sondern überall: in unserer „ Schule, in unseren Conierenzm, im Leben. Für diese Idee hat „Diesterweg, unser leuchtendes Vorbild, gelebt und gelitten, „denn er wollte nickt Eonfessions-, nicht Stände-, sondern