Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 8 (1868)
- Issue
- 29 (15.7.1868)
- Date
- 1868-07-15
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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128 gehört otr orthodoxen Richtung oe:Kirche an. Es vertritt die dieser Richtung eigenthümliche oppositionelle Haltung zum Judenthum' und nimmt den. ganzen -dogmatischen Apparat der traditionellen historischen Schule vollständig auf. VonMendelSs. Barth, ist es auffallend, wie sehr er'een Geist des Juoenthums verlernen und verleugnen konnte. Aber obgleich er mit dem den Apostaten eig-nthümlichen Eifer der neuen Kirche zu huldigen und. zu.dienen suchte, merkt man dem Werke doch den inneren Widerspruch und Kampf an, worin dessen Compositton ihn versetzt hat. Die Schönheiten und die Meisterschaft des Musikwerkes sind nicht zu verkennen, aber dennoch scheint das Ganze mehr eine aufgegebene Arbeit, als /eine freie Schöpfung M.'i zu sein. .Ter religiöse,- um. nicht zu sagen, kirchliche Charakter fehlt;-die Anlage wie das Ganze ist theathralisch, der Inhalt dramatisch. Selbst die dazwischen g-streuten Choräle geben dem Gauzen Noch nicht oder nur gezwungen einen religiös-kirchlichen Charakter; sie gehören vielmehr auch zur theatralischen Staffage. Sie vertreten gleichsam die Chöre des antiquen Dramas und enthalten, wie diese, die Betrachtungen des Zuschauers, . bier. des .-Zuhörers. Wenn nun auch aui diese Weise von offfzieller Seite überall der orthodore Charakter des Festes urgirt worden war,, erkannte man doch, daß diese kirchliche Richtung im Polke keinen Boden habe. Denn obgleich durch das Comite von her Festkanzel ausgeschlossen, wurde der freisinnige Prof.. Schenkel aus Heidelberg in der gefüllten Fesihalle durch das Volk auf die Redner- Tribüne gedrängt. Die Geistlichkeit, und namentlich die jüngere, unterbrach den Redner zwar bei den charakteristischen Stellen und versuchte, ihn zuni Schweigen zu bringen; durch den. bewältigenden Einsiuß der Volksmasse wurde jedoch die Opposition zurückgedrängt und de>- Redner sprach.lange — und stets unter endlosem Beifall. Sckon hieraus läßt lick vermuthen, daß das in Worms errichtete Luther-Denkmal viel eher der freien Bewegung, des denkenden und forschenden Menschcngeistes zur weiteren und stärkeren Macht -entfaltung dienen und einen neuen Anstoß geben, als es der den Geist und das Gewissen des Menschen einengenden kirchlichen Richtung.zum Schutze und Boll werk dienen wird. Denn wie Luther selbst sich in der Berechnung und Beherrschung der Leitverhältnisse irrte, so dürste kies auch wohl bei seinen starren Anhängern in unfern Tagen der Fall sein.- Der Mensch ist überhaupt nie unbedingter Herr der Leitverhältnisse. Diese gehören der Geschichte an, welche in Gottes Hand liegt. Auch Luther hielt nock am starren Dogmatismus der Kirche fest und begünstigte keineswegs die unbeschränkte Denk- und Gewissensfreiheit. Und dennoch folgte der von ihm in's Lebeti gerufenen kirchlichen Reformation die Wiederbelebung der freien Wiffenschafk, das Jahrhundert der philosophischen Aufklärrung, die Zeit der religiösen Bildung, der politischen Freiheit und konfessionellen Gleichberechtigung. Wer möchte also behaupten, daß es nunmehr den Dunkelmännern gelingen würde und könnte, dem mit Macht fortrollendeu Wagen des angeregten Zeitgeistes in die speichen zu fallen und ihn in seiner Bewegung aufzuhalten oder gar wieder zurückzudrängen? Dem Juden können diese Gedanken nicht gleichgültig sein; er lebt mit in der Geschichte und arbeitet mit an deren Gestaltung, ist glücklich odsr leidet durch sie. Luther verketzerte noch die Juden, und dennoch sprach die ihm folgende und von ihm hervorgerufene Periode deren Freiheit und Gleichberechtigung aus. Nur indirect, nicht direct wirkten Luther und die Reformation günstig für die Juden. Wir Juden sehen daher auch : mit Ernst auf das Lutberdenkmal in Worms hin ünd verfolgen den Einfluß, welchen es auf die frei religiöse und politische Gestaltung der ganzen und somit auch unserer Zukunft zu üben berufen ist. Denn ohne. Zweifel hat das Monument eine historische Bedeutung: es rubi in der Vergangenheit, es steht in der Gegenwart, aber cs verweist in die Zukunft. Beantworlen^wir auch nc/a kurz die Frage: Wie verhielten sich die Juden selbst zur freisinnigen reformatsrischen Bewegung Luthers und feiner Zeit? Die Juden waren wie überhaupt, so auch damals, ihrer Zeitj vorangeeilt. Eigenthümliche Erscheinung! Trotz alleis» Druckes, worin sie gelebt: iin Aegypten, wie in Spanien und Deutschland gingen sie doch den Böllern stets geistig voran. Die eriw. Erkenntniß religiöser Wahrheit ging von den in Sklaverei lebenden Julien Aegypten's aus, die erste reformatorische Bewegung von den in Druck lebenden Juden Spanien'«, Maimonides unk Avicebron, spanische Juden, wirkten sogar direct auf die theologische und philosophische Schule Deutschlands: balfen die freie, wissenschaftliche unh kirchliche Bewegung dieses Landes Hervorrufen, nachdem sie seil drei Jahrhunderten diese vorbereitet hatten. Im Judembum hatte diese von Spanien ausgegangene freisinnige Bewegung bereits eine Reactton hervorgerufen, welche in den Zeilen der deutschen Reformation ihre Hauptvertrerer in R. Joses Karo, dem Verfasser und R. Moses Ißerles. dem Commentator des Schulchan Aruch batte. Der Einfluß dieser Männer und ihrer Werke, oder besser gesagt: die Macht dep synagogalen Reaktion war so stark, daß jede Selbstständigkeit des religiösen und wissenschaftlichen Denke»»s_und StrebenS von da ab in Israel zu Grabe g« tragen war. Weil jedoch Denken dem menschlichen und insonders dem jüdischen Geiste ein, ebenso nothwendigeS Lebensmoment ist, wie das Athmen des Leibes, verfiel die jüdische Geistesthätigkeit in die Spielereien des Talmudiscken Pilpuls, der fingirte oder k