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Der israelitische Lehrer · 1868-07-15 · 29 (15.7.1868) · p. Seite 127

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
8 (1868)
Issue
29 (15.7.1868)
Date
1868-07-15
Page
Seite 127 (sequence 3)
Language
German
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127 l- - Ch'ästenthum über; sie ist also den Juden nicht fremd, wird von hiesen gelehrt und praktisch geübt, ohne Unterschied der Religionen, und sollte daher, wenn überhaupt cpnfessionell, nicht christlich, sondern jüdisch benannt werden. Haft isi den Juden nicht eigen, vielmehr eine auffällige Versöhnlichkeit bei ihnen bemerkbar, auch den Christen gegenüber. Wie wäre es sonst zu begreifen, daß die Juden nach loschen Vorgängen, Duldungen und Zurücksetzungen, die bis heute noch theilwcise fortdauern, so Vieles leicht vergessen und, trotz mancher bitterer (rrfahrungen selbst in unseren Tagen noch, weit entfcrmt, ihren christlichen Brüdern feindlich gegenüber zu stehen, sich ihnen vielmehr gern und leicht mir offener Freundschaft anschließen, wenn ihnen selbst auch noch nicht überall gleiche Gerechtigkeit und rolle Liebe enigegengetragen wird. _I Schluß folgt.)_ Das Lutherdenkmal in Worms oder L'uthrr nnr die Juden. Alzen, 29. Funi. Der Menschenstrom, welcher in den letzten Tagen die Stadt Wornis überfluthete, sängt allmälig an, in sein natürliches Belt zurückzutreten. Man weist, daß diese Stabt bei Gelegenheit der Errichtung eines Luther-Denkmals am 25». und 26. d. M. ein zweitägiges Fest mir einer Vorftier am 24. Abends gefeiert bat. Das Denkmal ist schön seiner Anlage wie Auöführtmg nach. Luthers Bildsäule auf hohem Picdestal in der Milte der «Gruppe, zu seinen Füßen seine Vorläufer WalduS'lFrankreich), Wicleff < England), Savonarc'a (Italien), Huß (Deutschland), vorne zu beiden Seiten die ihn schützenden Fürsten von Sachsen und Hessen und hinten die ihn stützenden Gelehrten Reuchlin (Orientalist) und Melanchton ^Humanist). Die Juden in WormS haben sich der Festesfeier eng angeschlcffesi^sie waren im Comitö vertreten, haben ihre Häuser geziert und den Fremden gastfreund sich geöffnet. Sogar'die Judengasse war festlich geschmückt und die Synagoge den Beschauern unentgeltlich gezeigt. Viele der hervorragenden christlichen Besucher haben ihren Namen in ein Album gezeichnet, welches zu diesem Behuf in der Raschi-Capelle aufgelegt war. Es geschah dies alles Seitens der Juden nicht bloö au« anerke,menSwerther Toleranz, sondern mit Bewußtsein von der historischen Bedeutung Luther's und seines Denkmals. Jndeß verhehlen wir es uns hier an dieser Stelle nicht, daß Luther persönlich Juden und Judenthum feindlich gegenüber stand und in Wort und Schrift sie bekämpfte. Im Jahre 4543 veröffentlichte er seine ketzerrichterliche Schrift 8osi«na tuunp siornoeL und erklärte di« Juden ohne Bekehrung zum Christenthum, gan; im Geiste des Papismus, der Verdammniß preisgegeben. Schon hieraus läßt sich der religiöse Standpunkt Luther's erkennen. Dieser war durchaus nicht ein absolut freisinniger auf die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung, auf die Freiheit des religiösen Denkens und die Freiheit und Gleichheit aller religiösen Bekenntnisie gegründet. Sein Streben war vielmehr gegen einzelne (Gebräuche der katholischen Kirche gerichtet, wie die Beichte, die Absolution und das Cölibat, welche er als Mißbräuche und Hauptstützen der von Rom auSgeübten drückenden -Herrschaft erkannte. Daß oem schuye, welchen Luther bei einzelnen Fürsten fand, für diese gleichzeitig politische Bestrebungen zu Grunde lagen, mag hier unerörtert bleiben. Jedoch das darf mich r unerwähnt bleiben, daß Luther durchaus nicht in solcher Weise von dem beengenden Dogmatismus »einer Kirche frei war, wie dieser heut zu Tage von der kritischen Schule bekämpft wird. Es war nur ein Stoß, welchen er der PeterSkirche Nom'S versetzt bat. Fudeß, ^wenn der FelS einmal in'S Rollen gebracht ist, wer vermag ihn aufzuhalten? Schon in damaliger Zeit gingen die reformatorischen Bestrebungen der Schweizer über das Ziel und die Absichten Luthers hinaus, welche desthalb Seitens der Lutheraner Protestakionen hervorriefen, bis endlich iiz den Artikeln der Augsburger Eonfessiou der Strom der freisinnigen Richtllng einstweilen gehemmt, und zum Stillstand gebracht wurde. Aber die Kraft des Stromes drückt gewaltig gegen vorgeschobene Hemmnisse, welche er zu durchbrechen sucht. Daher die (Währung in der protestantischen Kirche zwischen der freisinnigen Richtung, welche dietraditionelle Dogmatil aufgibt und Christus zu dem ■ göttlichen Vorbild eines idealen Menschen sublimirt, und der orthodoren Richtung, welche an dem Standpunkt Luthers und seiner Zeit mit Zähigkeit festhält. Jedenfalls ist die römische Kirche durch den Stoß, welchen ihr Lutber versetzte, wenn auch nicht zum , Falle, doch;um Wanken gebracht worden. Man fürchtet, daß durch die Fortentwicklung des freien protestantischen -Geistes der Bestand der christlichen Kirche überhaupt gefährdet sei.. Die Gründung des Luther- Tenkinals in Worms verleugnet zwar den Bruch mit, Nom nicht, ja will demselben, wohl den Anstrengungen Roms gegenüber, seine Herrschaft neu und stärker zu befestigen, einen besonderen Ausdruck geben. Aber die Lutherfe-ier bei Enthüllung dieses Wormser- Denkmals suchte auch etwas darin, der orthodoxen Richtung in der protestantischen Kirche eine besondere Hudigung darzubringen und die freisinnige Richtung zu verleugnen, sowohl durch die Wahl der Festprediger, wie den Inhalt ihrer Reden. Selbst das Oratorium Paulus von Felir Mendelsohn-Bartholdi, welches am dritten Tage des Feste« gesungen wurde,

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