Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1868-07-15 · 29 (15.7.1868) · p. Seite 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
8 (1868)
Issue
29 (15.7.1868)
Date
1868-07-15
Page
Seite 126 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4896751-5428714-5431873--2011-4898408
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

126 führung und Verfolgung zu schreiben. Dahin gehört auch, daß Shylok, der eifrige Jude,, sich sofort ohne Widerrede zur Annahme des Christenthums bereit erklärt. Es ist dies die Folge christlicher Einschüchterung. Welcher Freund wahrer Religiosität könnte sich mit solcker Proselytenmacherei freuen? Selbst wenn Shylok dem Antonio verdenkt, daß er Geld ohne Zins ausleiht und so den Zinsfuß herabdrückt und das Zinsgesckäst verdirbt: christliche Bedrückung und Gelderpressung treibt den Juden in den Wucher hinein. Shylok zeigt sich ja trotzdem nicht als Wucherer — er leiht ohne Zins' — und, obgleich er im Gegensätze zu den Christen, Antonio, gegenüber, aller Menschenliebe bar erklärt wird, dem Dogen gegenüber ist er derselben doch nicht fremd. Der Artikel lautet: Emil PalleSke hat hier Shakespeare's „Kaufmann von Venedig* gelesen. Dessen Austastung des Shnlok hat zur Besprechung vielfach Veranlassung geboten. Darin waren Alle einig, , daß der Vorleser den Sbylok ganz nach der geläustgen, gehässigen Manier dargestellt habe, welche-im Juden daö Urbild der Geldgier' und Rachsucht sieht, dem sein Geld Himmel und Erde, Gott und Well bedeutet, und der voll Cbristenbastes, nur aus Bedrückung oder gar Vernichtung seines Heindes sinnt. Rach diesem Urkilte sei Cbvlok vom Dichter gezeichnet und vom Vorleser dargestellt worden. Und mit Recht! Denn so sei der wahre Zudc stets gewesen und zeige er sich noch, unk wo er in unserer Zeit abweichend auftrete, zähle er sich nickt mebr :u den Juden. Unsere Ansicht ist eine durchaus entgegengesetzte. ES sei unS vergönnt, diese, als von der herrschenden abweichend, .zu begründen. WaS die den Juden angedichtete Geldgier betrifft, so ist sie ihnen, wenn überhaupt, wenigstens nickt von Natur eigen. Der Jude muß daher nickt geldgierig sein, und um es nickt zu sein, nickt aus der Reihe der Juden treten. In den Zeiten ihres Nationallebens waren die Juden ein abgeschlossenes, Ackerbau treibendes Volk: da kannten sie den Werib des Geldes nicht. Erst der Druck des christlichen Mittelalters hat sie in den Handel hineingedrängl und sie gezwungen, schützende Macht and rettenden Einstuß beim Gelde zu suchen.' Wenn die veränderten Zeitverhältniste den Juden in der Gegenwart anders zeigen, als im Mittelalter, so liegt eben darin der Beweis, daß, wie überall, auch hier die Verhältnisse den Menschen gemacht und umgebildet haben, daß davon aber der Jude als solcher nicht berührt worden ist. Weil im Mittelalter dem Juden Ackerbau unk Gewerbe ver-' schloffen blieben, wurde er, zum Handel gezwungen, und weil der Händel mit neuen Wäaren ihm nicht gestattet ward, "mußte er Trödler werden, und weil ein offenes Lager er nicht halten durste, mußte er mit seinen Waaren baustren,. und weil auf eigene Verantwortlichkeit Geschäfte er nicht abschließen durfte, mußte er sich darauf beschränken, solche zu vermitteln und den Makler dafür abzugeben. Wucher ist ursprünglich gleichbedeutend mit Zins, »und dieser war ursprünglich weder bei Christen noch Inden üblich, theils weil die Art der stüheren Geschäfte ihn nicht erforderte, theils weil die Religionsgesetze ihn verboten. Als aber später durch die Ausbreitung der Geschäfte, namentlich zur Zeit, als der Lombardische Verkehr auch in Deutschland die Verbindung mit dem Oriente vermittelte, der Jins unumgänglich wurde, war man stoh, den Juden zwangsweise Jinsgeschäfte ausbürden zu können, weil dieft außerhalb des kanonischen Gesetzes standen, wovon die Christen mit dem Zinsverbote betroffen wurden. Trotz der anfänglichen Freude über diese Aushülse in Noth und Verlegenheit! für den Großwie Kleinhandel, überhäufte man abey dennoch nachher den Juden in hergebrachtem Undgnk mit Haß.und Fluch und nannte cken Juden eine« Zinsnehmer und Wucherer. Jndeß nicht nur, daß : auch Christen sick an solchen Geschäften beteiligten und sie erst verstoblen, dann osten betrieben; die Fürsten zwangen sogar oft die Juden zur Auferlegung und Eintreibung eines vorgeschriebenen hohen Zinses bei ihren Kunden, um, wenn sie sick wie Schwämme vollgesogen batten, sich für den Säckel der Fürsten ausdrücken zu lassen.- Wucher liegt also nicht in den Juden, und Geldgier ist ihnen um so weniger eigen, als ne iteiS bedeutende Opfer gebracht baden und bringen ftir Cultur, Bildung, Kindererziehnng und Woblthärigkeit nir iick wie für Andere, selbst auch für Luxus und Vergnügungen» und zwar find diese nicht blcS marericller Art, sondern es fehlt auch der Kunst LuruS und der Geschmack an ideellen, ästhetischen Vergnügungen nicht. Daß frühere Anschauungen und Gewcbnheilen nicht bereits und überall und gänzlick geschwunden sind, wer wird sick darüber wundern, wenn man bedenkt, daß diese durch stemde Sckulk Jabrhnnderrc lang mit Absickl und Zwang genährr worden sind, und man den Werth und Einfluß des Geldes besonders auch darin kennen lernte, um lick aus harten Bedrückungen, falschen Anschuldigungen und ungerechten Verfolgungen zu befreien, welche oft nur darauf angelegt waren, um die in den Händen der Juden .befindlichen Schuldbriefe zu zerreißen und außerdem noch Geld von ihnen zu erpressen, — Vorgänge, welche in ihrem Wesen oder in ihren Folgen oft heute noch andauern, nicht blos in Rumänien, sondern auch unter uns! Haß und M a ch s u ch t sind ebenfalls dem Juden nicht eigen. Die Bibeln das alte Testament, verbietet diese ausdrücklich und schreibt allgemeine Menschenliebe mit deutlichen Worten vor. Die Liebe ist zunächst eine Leb« de« Judrnthums und ging von diesem auf da«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.