Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 7 (1867)
- Issue
- 52 (26.12.1867)
- Date
- 1867-12-26
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4896751-5428720-5431809--1796-4898224- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
210 T* gegensetzen läßt; allein «ährend Pflanze und Thier zugleich mit dem Leben den Trieb und die Mittel zur Selbsternährung erhallen, ist die zarte Menschenknospe vom ersten Lthemzuge an auf die Hülse der Umgebung angewiesen, sie, die alle Keime der Entwicklungsfähigkeit trägt, hänzt von der Liebe »nd Vernunft gereifter Menschen ab, die ihre schlummernden Kräfte wecken und entfalten sollen Das j Weib als Mutter ist auserkoren, dem .Meisterwerke Gottes > Form, erste Nahrung, Hülfe und Schutz zu geben. Ehe! noch dos Kind das Licht der Welt erblickte, ist die Mutterj liebe vorsorglich geboren, um schon während der Zeit still! gehegter Hoffnung den jungen Ketm mit den besten Kräften 1 und Säften des eignen Lebens zu nähren und zu beein-! flösse». Lon der Beobachtung und Wachsamkeit der Mutter; vorzugsweise im ersten Lebensjahre häng! meist die ganze ■; pbymche und psychische Beschaffenheit des Menschen ab. Vermag das rechtzeitige Einschreiten -des Arztes oft ein in Gefahp stehendes Kindesleben zu retten, so macht das kleinste; Bersäymniß der Mutter oft jede ärztliche Hülfe erfolgsloS. Dagegen wird die ununterbrochene Aufmerksamkeit denkender . Mütter, die keinen Vorgang in -der Entwicklung des Kindes ' unberücksichtigt lasten, von keines Arzt's momentanem Einblick Ersetzt. Die Mutter oerm g oft Krankheiten vorzubeugen, andere im Eatsteben zu ersticken und das frühe Welk^ der Säuglinge durch Regelniäßigkeit und angemeffeste Diät zu verchindery. Rur müssen Kleinigkeiten deobachhet we^d.n, ohne daß man dabei kleinlich oder ängstlich iverde. Um die große Sterlichkeit der Säuglinge zu vermindern, muß hi- Gesundheitspflege eme Aufgabe ernster, praktischer Frauenarbeit werden; nicht daß mir den Aerztcn m's Fach pfuschen, sondern Arzneien ersparen wollen. — Die Gesundheitspflege erfordert jedoch physiologische Studien- Das jbind^ der Mensch muß in feilten innersten Forderungen ge könnt! und vttstanden sein, will man ihn richtig pflegen und behandeln. Aerztliche, populäre Schrillen find hierbei wohl «errhioolle HülfsmiUel und Anhaltspunkte, dock Fehlt in . ihnen, «eist die fortgesetzte Beobachtung aus unmittelbarer Erfahrung, wie sie nur eine Mutter machen kann. Daher werde bei der 'Töchtererziehung aller Schichten! der Gesellschaft der Berus ves Weibes zur Mutter derart berücksichtigt, daß ein klares Derstäudniß leiblicher und geistiger Lindes pflege immer allgemeiner werde und mehr noch:! Edle Frauen mögen den Beruf zur Mutter im höchsten Sinne üben, inhem siesich der sittlichen Hebung der arbeitenden und dienenden Klassen annehmen, und überhaupt dm Leichtsinn bekämpfm, mit dem hier der Besiy, eines Kmdes betrachtet wird. Giebt es denn einen wunderen : Fleck in der Gesellschaft, als die Entartung des gefallenen! Weibes, das chr Kind durch Mord zu beseitigen sucht, um ihre /Schande zu verbergen oder sich einer schweren Pflicht z» enlledigeu? Junge Mutter, die-du dein Kind, die Krone! deines Lebens an dein bewegtes Herz glückselig schließest, j kannst du eine Vorstellung davon haben, daß mne Mutter j und wie sie zu solcher unmenschlichen Frevelthat hingerissen i werden kann? Und nun sich fragm zu müssen: wir Alle, > die in Helligen, friedlichm Banden der Familie leben, wir Mütter Alle, die wir unserm Kindern die Tagend ein- | pflanzen wollen zum glücklichm Lebm, wir kommm täglich! in Beziehungen, wo wir auf Elende und Verlassene, nuf Leichtfertige und Unerfahrene liebevoll sittlich einwirken könnten, — nicht mit Redensarten, — sondern durch Beispiel, miloe Annäherung unv Belehrung. Wie viel Verirrungen könnten wir verhüte», wie viel wiloe Leidenschaftlichkeit zu befciedigenber Thätigkeit gestalten l Untere Selbstsucht gebiert oft Uebel von so großer Tragweite in der Gesellschaft, daß wir zurückichaudera würoen, blickten wir in den treuen Spiegel der Wahrheit I Denkt nur, ihr Reichen und Vornehmen, wie viele Mütter aus dem Volke Ihr deren Kind-rn als Ammen mtzieht, um die eignen zu kräftigen und wie viele Schuld Ihr somit an der schlechten Behandlung und Vernachlässigung unzähliger Kinder, an der Entartung der armen Bevölkerung' habt I Der Beruf des Weibes als Mutter giebt dem ganzm Geschlecht die Verpflichtung, die Kindheit im Allgemeinen zu beachten, für ihre gesunde Entwicklung zu arbeiten. Die Beaufsichtigung von Waisenkindern und den Anstalten, wo fie untergebracht werden, ist eine der Aufgaben deS Weibes als Mutter. Die Amerikaner haben mit glücklichem Erfolge begonnen, weibliche Aerzte für Frauen und Kinderkrankheiten auszubilvm, die sich als tüchtig bewährten l Laßt uns tüchtige Mütter bilden, damit wir die Kinder nicht mit Arzneien zu füttern brauchen I Laßt uns sorgen und wachen, daß ein gesundes Geschlecht, uns aufblühe und der Zukunft der Menschheit — dann erst wird der Beruf des Weibes als Mutter in seinem allseitigen Einfluß auf die Kultur erfaßt und die Thätigkeit der Frauen, auf diesem Grunde ausgebaut, richtig geschätzt werden!*) Berlin- Lina Morgenstern. Bücherschar«. 'vr. F. C. Paldamus, Direktor der höheren Bürgerschule zu Frankfurt a. M. Deutsches Lesebuch in 7 Abtheilungenj Frankfurt a. M. Joh. Chr. Herrmann'sche Buchhandlung (Moritz Diesterweg). 1866. Wir müssen vor Allem um Entschuldigung bitten, daß wir erst jetzt ein Werk besprechen, das uns schon längere Zeit vorliegt und das eine eingehende und schleunige Besprechung wohl zu b anspruchen hätte. Wir haben hier ein Werk, das zu den besten auf dem einschlägigen Gebiete gehört, und »on dem schon Diesterweg sagte: »Nach meiner Kenntniß übertrifft es (das Lesebuch von Paldamus) an Vollständigkeit, planmäßiger Ausführung, Reichhaltigkeit und methodischer Berücksichtigung aller Anforderungen, welche auf den verschiedenen Stufen der Entwicklung der deutschen Jugend nach dem gegenwärtigen Standpunkte der Schulpädagogik an ein Lesebuch, das den Mittelpunkt nicht bloß *) Der obige Artikel, aus der Feder der geistvollen (jüdischen) Schriststelleriy Lina Morgenstern, ist den „Rhein/ Blättern' entnommen. Mr glaubten, diese ebenso klar gedachte als wrrm empfundene Arbeit auch um deswillen hier abdrucken zu sollen,- weil sich darin hei einer humanen, echt religiösen Gesinnung eben auch ganz besonders ein jüdisches Her; kennzeichnet, das in dem sittlichen Familienleben die höchste Weihe d«S Menschenlebens und den einzigen Berus des WeiSes findet Wir verfehlen dabei nicht, wiederholt auf die im Geiste Diesterwegs durch Dr. Lange wrtges ährten „Rhein. Blätter" noch besonders hinzuweisen.!