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Der israelitische Lehrer · 1867-11-28 · 48 (28.11.1867) · p. Seite 194

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
7 (1867)
Issue
48 (28.11.1867)
Date
1867-11-28
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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194 ", daß ein jüdischer Knabe, selbst oft ein jüdische« Mädchen (wun- | dere Dich nicht, lieber Leser I) viel eher ein Blatt Gemara kannte, al« einen (piov) Satz au« der h. Schrift in seiner Mutter- > spräche zu übersetzen wußte. Der Geist de« (Kindes wurde auf verkehrter Weise verwendet und gemißbraucht, was zur Folge hatte, daß so manche Thatsache, so manche« Natürliche dunkel blieb und man auf Mystische« verfiel, auf abergläubische Gebräuche, denen man eine große, außerordentliche Kraft beilegte. Da trat die Kabalah (Geheimlehre) , in ihrer Blüthe auf; da mußten die kabalistischen Gebete | unter die schönen, rein gehaltenen, von allem Abergläubischen; freien Gebete eingemischt werden, so daß da« „Judenkind" mit verworrener Elementar- und Religionskunde aus der Schule ttat und noch außerdem mit der übrigen Menschhett spärlich in Berührung kam, was ihm eine abgesonderte Lebensstellung nachzog. Die schwachen Raturkenntnisie ließen zu, daß Gespenster, Hexen u. f. w. den Menschen ad libitum beschädigen konnten; Kranke konnte man durch Amulette heile«; Verlorenes konnte man vermittelst Kemöos und andere verborgenen Künste herbeischaffen und selbst Diebe und böse Geister konnte man durch übernatürliche Mittel bannen und wirkungslos machen. Auch die unschuldige, vor Gott dem Schöpfer gleichgestellte Zeit mußte sich Etwas von der mysteriösen Kraft gefallen lassen, so daß man z. B. eine Hochzeit nicht so gerne auf mwi n«np legte, als auf Mittwoch und daß der Neumond noch, in der Zunahme begriffcn^sein mußte — (in der Naturlehre die Einwirkung de« Mondes auf die Vegetation) Selbst unschuldige Thiere nrxea rnona wie Schweine und Hasen wurden von dem gewöhnlichen „Amhaarez" für ein böses Omen angesehen, so sie Jemanden aus dem Wege begegneten und war man froh, wenn man ihnen auf den Rücken sehen konnte. Die Deutsch-Französische Schule war somit: 1) Eine am Herkömmlichen gebundene Schule; 2) Eine Schule vom Mechanismus geleitet; 3) Eine Schule, ohne die erforderliche und nöthige Naturkunde; 4) Eine Schule der Kabala und Mysterien; 5) Eine Schule, wo so mäncher gemeine und „religiöse" (?) Aberglaube Nahrung fand und. endlich 6) Eine Schule, die allem freien Denken und Forschen aus verkehrter heiliger Scheu entsagte. Wurde nun hiermit die Schattenseite der bez. Schule in kleinem Umrisse geschildert, so möge auch zu deren Rechtferttgung und Vertheidigung das Gute und deren Lichtseite kurz erwähnt werden. Man hat das einmal ausgebante Religionsgebäude, ohne Rücksicht der äußern Decküberziehung und Wändeoerdoppelung von unbrauchbarem und dem Wetter nicht trotzenden Material festgehalten, und so war man immerhin ein Hüter dieses Gebäudes, was widrigenfall« sonst gar zu leicht der Zeit und den obwaltendeu Umständen anheimfallen oder besser gesagt verfallen konnte. Der Mechanismus zwang die Schüler, das Gelehrte zu kernen; wenn auch nicht immerhin mit vollkommener Verdauung, so waren, doch die Schüler der gänzlichen Leerheit entzogen und vor völliger Verflachung und Versinkung geschützt. Der Mangel an Natnrkennknissen gab zwar einerseits auch in der damals allgemein so sehr beschräntten Wesse hier und da zu schädlichen Auswüchsen Veranlassung; aber andererseits war er auch öfters ein Schutzmittel gegen die aufgetauchten hellenistischen und philosophischen Naturwege, die die Natur selbst für einen „Gott" stempelten oder ihr eigene« „Ich" mit und in der Natur anbeteten. Die kabalistischen und mysteriösen Lehrer brachten zwar viel Schädliches auf daS liturgische Gebiet und hatten verderblichen Einfluß auf den Gottesdienst, auf die Lehre und daS Leben unserer Glaubensbrüder, hatten jedoch auch da« unschätzbare Gute, daß sie uns in der Metaphysik auf den Einig-Einzigen hin- und zurückführten. DaS Gute, waS somit die Deutsch-Französische Schule für ihre Schüler hatte, bestand darin: 1) Daß sie da« Religionsgebäude vor gänzlichem Verfall bewahrte; 2) Dass' sie Leerheit und gänzliche Versinkung abwehrte; 3) Daß sie nicht in das abstractphilosophysche Geleise verfiel und endlich 4) Daß sie trotz der Mysterien und Kabalah am Ende doch den wesentlichen Hauptpunkt und das Endeziel im Auge behielt den Einig-Einzigen zu erkennen. Wochenbericht. Alzev, 17. November. Fm „Hamagid" Nr- 11 lesen wir,., daß der 'mtriarcb von Jerusalem ein Schreiben an de» Kaiser Theodor von Abeffynien gerichtet habe, uni ilm;ur Vermeidung der Englischen Erpedinvil' zur Herausgabe der zurückgelaffeneir Gefangene^;u veranlassen. Der Kaiser ivird in diesem Schreiben als „Nachkomme des Königs Salomo" bezeichnet und angeredet. Wir stoßen also hier ivieder aus die Annahme von der jüdischen Abkunft des Volks und der Dynastie in Abessynien. Bekanntlich l«t die „Alliance israelite universelle* in Paris die AuSsendung eines Forschers zur Begründung dieser Annahme beschlossen.*) Der englischen Expedition schließt sich eine Reihe gelehrter Forscher a i- Auch für den von der Alliance unterstützten Sendling bietet sich uer eine günstige Gelegenheit, in Sicherheit zu reisen. Es ist von Fmeresse zu erfahren, ob die Alliance von dieser sich varbietenden Gelegenheit (Hebrauch inacht. Eine solche durfte sich vielleicht nfchk so bald, oder gar nie wieder bieten. K. - - Dtjv „Hamagiv" Mr- 41 berichtet auszüglich aus den hebräischen Manuseripten der Kaiser!- Bibliothek in St. Petersburg, daß iin 1ä. Jahrhundert unter den Juden der Krim noch die orientalische Sitte der Polygamie bestand, iin 17. Fabrb. aber bereits die abendländische Sitte Aufnahme gefunden batie, nach welcher zu gesellschaftlickeu wie religiösen Zwecken, — jedoch iss dabei nickt von den Synagogen die Rede — Männer und Frauen in öffentlichen Versammlungen frei und geinischr unter einander saßen. Das Rabbinat tadelte zwar 1612 diese Neuerung, indem es davon einen Umsturz aller Sittlichkeit in Fsrael befürchtet- Wir glauben indeß, daß umgekehrt die (Hegenwart der Frauen veredelnd link versittlichend auf das Benehmen der Männer wirkr- Auck begegne» wir schon bei den alten Radbinen der Ansicht von dem selbst versittlichenden Einfluß, welchen die Gegenwart der Männer' auf die Frauen übt. Diese Wahrnehmungen bestätigen sich auch in denjenigen Synagogen, wo in gottesdienstlichen Ber- *) Wir erhalten soeben ein Schreiben der Alliance oder vielmehr deren Million m Abessynien das unsere nächste Rr. bringe» wir». Red.

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