Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 7 (1867)
- Issue
- 28 (11.7.1867)
- Date
- 1867-07-11
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4896751-5428720-5431759--1676-4898128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
114 Der Lehrer vom Lande, wenn er zugleich Elementarlehrer ist, hat zur Zeit nach vielen Seiten hin eine doppelt schwierige Au'gabe. Er soll'» de» Instituts- und anderen städtischen Lehrern „gleich thun." — Die Kinder kommen aber in den Städten mit einer gewissen Sprachfertigkeitmit vielen Anschauungen aus gebildeten Kreisen in die Schule; und während der Lehrer vom Lande oft Jahre lang zu thun hat um nur rein spr-chen zu lehren; während er fast nie sagen kann: „schreibe wie Du sprichst," kann dies in den meisten städtischen Lehranstalten, die nicht gerade ausschließlich vom Proletariat besucht werden, zur stehenden Regel werden. Da darf sich denn der Lehrer in keinen Landgemeinde' nicht beirren lassen, muß ruhig und sicher seinen gewohnten Weg gehen, elementarisch unterrichten, nichts übereilen, nicht auf Blendwerke ausgehen, wie wir daleider in Instituten so oft sehen, wo man hoch hinaus in die Wolken sein Zelt baut, und darum n-- türlich kein Fu-dame-t braucht; dagegen aber auch Gefahr läuft, von dem leichtesten Zuge mit Sack und Pack fortgetrieben zu werden. Der Lehrer wird sich ja nicht beirren lassen, nenn er die volltönenden Phrasen in Programmen und Jahresberichten liest, wird nicht zü>nen, wenn ihm eine eitle Mutter von den herrlichen Erfolgen vorspricht, die man da und dort in solchen Anstalten erreicht, die nothgedrungen dem eitel» Zuge der Zeit folgen und mit'aufen. Eine ruhige Prüfung seiner selbst wird ihn belehren, ob er seiner Ausgabe genügen wür^e, wenn er griechische Mythologie und englische Phraseologie lehrte, ehe die Kinder euren deutschen Satz richtig zergliedern können. Darum klare und feste, bescheidene Ziele mit Energie verfolgt und die Erkenntniß wird nicht ausbleiben. Mir erziehen und unterrichten fürs Leben und wohl auch für die Gesellschaft, abex nicht in dem Sinne, den man anderwärts mit diesem Worte mißbräuchlich verbindet. Indem also der israelitische Lehrer vom Lande ruhig uud sicher seinen Weg geht, an der Intelligenz seiner Gemeinde mit Energie arbeitet, bahnt er sich den Weg für eine schöne Stellung in seiner Gemeinde, erlangt. Achtung und Anerkennung. ES liegt dem israelitischen Lehrer noch mehr als dem BolkSlehrer anderer Confe.fionen nah, von der Schule aus ins Leben zu wirken, und im Leben selbst in den ihm geöffneten Kreisen Licht und Wahrh it zu verbr eiten, wahre Intelligenz zu fördern und zu unterstützen. Gemüths- und Geistesbildung find die Quellen auch der religiösen Durch bildung^ „Den Geist bilden, ist Religion." (Bettina ) Nur durch Beförderung einer höheren Intelligenz unter den Israeliten aller Stände kann dasjenige | Gute wahrhaft gefördert uud erhallen werden, welches Zeit j und Religion gemeinsam energisch fordern. Auch kann nur . höhere Bildung und eine veränderte Ge.stesrichtung alle die! Spuren verwischen, die die Jahrhunderte der Knechtschalt ' und der Unterdrückung de« Judenthum und seinen Bekenj »ern aufgenöthigt haben, und die seine Feinde heute noch, : wo diese Spuren doch nur noch schwach bemerkbar sind, io | gerne als unauslöschliche Merkmale gelten lassen wollj tot, um Grund zu finden für'die fernere Unterdrückung, > Entziehung von socialen und. Bürgerrechten. Nur wenn das neue Religionsgebäude hervorgewachfen ist aus reifer Gemüths- und Verstandesbildung wie aus klarer Berücksichtigung der trefflichen geschichtlichen Momente kann es empyrstreben zun hohen Ideale mit Kraft und Beharrlichkeit; nur dann können die veralteten Formen edleren Zeitbildungen weichen, ohne das Herz des Religionsgebäudes anzugreifcn, ohne uns de» verführerischen Lockungen strebsamer Seelenverkäufer auszusetzen, und den schlimmen Folgen der Rathlosigkeit und der Nroellirung, die aus Unkenntniß, Geistesleere und Geisteslähmung entspringen. Grund genug für den israelitischen Lehrer, auszudarren mit Kraft und mit Muth, für das. was er die höhere Geistesrichtung fördernd erkannt hat Der Lehrer vom Lande steht zumeist allein unter rücksichtsloser Stabilität. Er hat selten eine, wenn auch nur verschwommene Intelligenz zur Seite. Er muß sich eine Intelligenz herausbilden in seinem Geiste, die das, was Noth thut, erkennt und anstrebt. Er muß die ihm Anvertrauten emportragen zum Urquell des LichteS; er muß die Regeneration des Ju-denth.ms fördern und stützen I — Ehre ihm, hohe Ehre, wenn er seine Aufgabe würdig erfaßt hat und anstrebt. Sein Streben selbst ist höchster Lohn, wie ihn die Menschen uie zu bieten vermögen. (Fortsetzung folgt.) Recenfion. Synagogenweihe in Gießen am 31. Mai 1867. Abschiedsrede in der alten Synagoge, Weihgebete und Predigt in der neuen, von vr. Leoi in Gießen, Keller. Casualreden sind die schwierigsten, zumal wenn sie, wie im vorliegenden Falle, vor einem gemilchtenjüdischen und christlichen, Publikum gehalten werden. Das Lob, welches wir der vorliegenden Predigt ertheilen, wiegt deßhalb um so schwerer, etwaige Ausstellungen sind weniger bedeutungsvoll Die Abschiedsrede enthält Worte von ebenso tiefer Empfindung, wie Wahrheit. Das Judenthum erscheint verklärt durch den Hinweis darauf, daß Synagoge« ihre Heiligkeit nur erhalten und verlieren durch die Än- oder Abwesenheit der Tora, der Lehre Israels, nicht durch Salböl oder die weihende Hand des Pr-esters, höchstens noch durch das weihende Wort des Betenden oder Lehrenden. Wer will also behaupten, daß die jüdische Religion ihr Wesen gerade in der Beobachtung äußerlicher Formen und Ceremonien suche? Daß außer auch noch aion gesprochen wordm ist, scheint einer ängstlichen Auslegung der Bestimmungen an Di. Chaj. 223, 3. u. B. Hel a. l. entsprungen und ganz der veralteten Easuinik gemäß zn sein, um jeder, auch der dioergirenden Ansicht, gerecht zu werden. Das Weihegebet giebt wieder in schönen Worten, dem Geiste de» JudenthumS entsprechend, den einzelnen Gegenstände» ihre Weihe durch Hervorhebung ihrer Bestimmung zu heilige» Zwecken, nicht durch äußerliche, formale Handlungen. Die Predigt hebt in der Einleitung mit Recht hervor, welche Bedeutung Tempelbau und öffentlicher Gottesdienst von Anfang an im Judenthum für Israel, wie für die Außenwelt halten. Der Text ist dem Wochenabschnitt entnommen: HI., 26, 11—13; jedoch kommt hauptsächlich nur V. 11.