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Der israelitische Lehrer · 1867-05-30 · 22 (30.5.1867) · p. Seite 87

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
7 (1867)
Issue
22 (30.5.1867)
Date
1867-05-30
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
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meisterS zu keinen Bemerkungen Seitens der Versammlung Veranlassung gaben, redete der Herr Präsident dieselbe folgender Art an: „Die Tagesordnung gibt mir Veranlassung, einige Worte an Sie zu richten. Ich ergreife diese Gelegenheit heute um so eifriger, als ich nunmehr das Amt eines Präsidenten nach dreijähriger Verwaltung niederlegcn werde und ich gezwungen bin, dafür, daß ich dieses Amt einige Monate länger behalten habe, bei Ihnen um Nachsicht anzuhalten. Aber Sie wissen, daß an dem Tage, wo unsere Jahresversammlung hätte abgehalten werden sollen, unsere Brüder von Bucharest mich zu sich gerufen hatten. Zuerst will ich Ihnen sagen, wie unsere Alliance wächst und gedeiht, wie sie die Beschützerin aller derjenigen wird, welche ihren Schutz anrusen. Sie ist nicht mehr ein Verein von einigen Männern, welche zwar voll Hingebung, aber von Anveren getrennt sind, und denen nichts zu Gebote steht als ihr Mutü; nein! sie ist bereits ein zahlreicher und mächtiger Verband, welcher sich nicht blos auf Frankreich und einige Städte beschränkt, sondern über alle Punkte der Erde ausgedehnt ist. In dem Augenblicke, wo ich rede, zählen wir fast fünftausend Mitglieder, ebensowohl Amerika, Asien und Afrika, wie Europa angehörig. Meine Herren! unsre heilige Alliance muß sich noch mehr befestigen. Denn der Zeitpunkt ist gekommen, wo von der ganzen Erde jene unvernünftige und grausame Verfolgung schwinden sollte, von welcher die Juden an io vielen Orten noch betroffen werden. Ja, sie muß schwinden; und mit der rasch fortschreitenden Bildung muß das Licht der Aufklärung zerre schrecklichen und bellagenswerthen Vorurtheile verdammen. Wie oft hat leiber. das eben abgclaufene Jahr uns schmerzliche Nachrichten gebracht! Welche Erniedrigungen und Erbitterungen! Ja in vielen Gegenden werden die Juden noch verfolgt! Welche Demüthigung! Welche Verachtung! Welche Vernichtung I Welche blutige Gewaltthätigkeitenl Seien wir indeß versichert: der Boden befestigt sich, die Vernunft fängt an, sich Gehör zu verschaffen gegen die Verläumdung, ihre Fackel zerstreut das Dunkeln der barbarischen Vorurtheile. Umsonst haben fünfzehn Jahrhunderte sie auf unsre Häupter gehäuft, unsre Häupter sind nicht davon in den Staub gedrückt worden, sie erheben sich, durch den Adel des göttlichen Ebenbildes gekennzeichnet. Was will man von den Juden? Wie? Heute noch lebt die Ursache der sich stets erneuernden Verfolgungen fort: wir haben JesusChristus gekreuzigt! Die Zeit ist gekommen. wo wir gegen diesen uns allen angehängten Vorwurf energisch anlämpfen müssen. Was will man damit sagen: Ihr habt Jesus Christus gekreuzigt? Spricht man zu uns so, bezeichnet man uns damit als Gegenstände des Religionshasses? Wie! vor mehr als 1800 Jahren, im Jahre 33 der christlichen Aera, welche jetzt 1866 Jahre zählt, verurthrilte ein richterliches Urtheil in einem kleinen Winkel der Welt, in einer Stadt eines kleinen Reichs, auf die Anklage einiger Personen hin Jesus Ch.istus zum Kreuzestode. Neunzehntel, uno das ist wenig, neunzchntel der jüdischen Bevölkerung im Lande kannte weder den Prozeß, noch erfuhr es von diesem Urtheil. Und dieses Verbrechen einzelner Personen, welches seiner Zeit so wenig Aufsehen hervorrief und so wenig von sich reden machte, daß die Schriften der damaligen Zeit desselben gar keine Erwähnung thun, macht man den Juden von ganz Palästina, ja allen in der ganzen Welt zersteuten Juden auf ewige Zeiten hin zum Vorwurf! Ja uns, merne Herren, den Juden von 1866, den französischen, englischen, deutschen Juden, den Juden aller fünf Welttheile, derjenigen Länder sdgar, welche Niemand kannte, und die erst lange nach der Hinrichtung von Jesus enteeckt worden sind! Geschieht es im Ernste, daß vernünftige Menschen uns derartiges vorwerfen können, uns Juden " des 19. JaSrhunderts? Wenn Jesus Christus heute unter uns erschiene wer unter uns würde den» rufen: „kreuziget ihn, kreuziget ihn? Wer würde ihn denn hindern, die Maral der Bergpredigt zu verkünden? Und achten Sie wohl darauf: ich rede menschlich. Wenn wir die Sprache der Religion führen wollten, wenn wir nämlich zu den Christen, welche uns anklagen, in ihrer Sprache redetenwas könnten sie uns auf'folgende so einfache Frage erwidern? „Von /rwigkeit her hatte Gott beschlossen, Euch durch seinen Tod „zu,erlösen, durch sein Blut Euch von Sünden zu befreien „Den Tag und die Stunde dieses erhabenen Opfers hatte „er festgesetzt. Ja, er hatte Ankläger, Richter und die Vollstrecker des Urtheil! bezeichnet. Wie konnten diese sich jenem „unabänderlichen Beschlüsse entziehen? Gott wollte sterben, „kein Tod war das große Sühnemittel für die Sünden der „Welt; dadurch.wurden Euch die Pforten des Himmels er- „öffnet! Wo ist denn nun die Berechtigung für den unmenschlichen Haß, welchen Ihr wegen dieses Kreuzestodes „gegen die Jaden habt? Ein Wort, ein Zeichen von Gott, „und Alle wären zu seinen Füßen gestürzt. Aber nein, die „christliche Religion mußte vom Kreuze ausgehen; Ihr selbst „nennt es das Zeichen der Erlösung." „Wenn religiöse Vorurtheile nicht die schrecklichsten „wären, was könnte man uns wollen, uns, die wir durch „16 Jahrhunderte von jenem großen Ereignisse getrennt, „denen jene Länderschaften fremd und unbekannt sind, welche „die damalige Auslegung, Verfolgung und Verurtheilung „uno Hinrichtung heroorgerufen haben? Aber das blutige „Wort: „Ihr habt Gott gekreuzigt, welches Ihr an „uns richtet, das ist Unvernunft." . Ja ich sage es den Christen, welche mich in die'er Versammlung reden hören, ich nehme für einen Augenblick den Ausspruch der christlichen Religion für wahr an: Jesus Christus ist Gott, das Kreuz ist ein göttliches Sinnbild; diese Religion, welche mit so viel Auswa ausgedreitet worden ist, dieser Cultus, auf welchen man so viel Glanz verwendet, und die Verehrung, welche man.mit einer so unzeheuchelt n Frömmigkeit dem erlösenden Kreuze erweist, zu allem dc.n hat der Tod Christi Grund und Veranlassung gegeben! Der Tod Jesu ist siir die Welt die Aufhebung der Erbsünde gewesen, für Alle, welche ihre Lebens- Lausbahn hsic rite» beschließen, ist ec das ewige Licht! Und dieser Tod, welcher sonst nur a'* die wunderbare Auferstehung au,at.,agt wi.d uno Euch die Erlösung Euerer Seele, die Unsterblichkeit, keoeutet, für dieses ^Wunder fordert uno schafft Ih. eine S^bne, wie zur ein Verbrechen, durch unerhörte Verfolgungen bis auf die felgende 70. Gcneratiou! O, wie oft haben wir nicht die süßliche Philosophie aufschreien hören gegen das Wort des DecalogS:

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