Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1867-05-02 · 18 (2.5.1867) · p. Seite 70

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
7 (1867)
Issue
18 (2.5.1867)
Date
1867-05-02
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4896751-5428720-5431736--1622-4898084
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

den geeigneten Kenntnissen. Er soll und braucht kein „Gelehrter" zu sein in dem Sinne, den man gewöhnlich mit diesem Ausdrucke verbindet. Das taugt selten. Aber er muß ein Mann sein, „ein ganzer Mann," ein Mann voll Geistesklarheit, voll gesunder Lebensphilosophie, kein Utopienmeister, kein Kunterbuntwisser,■ kein Tausendkünstler; 1 Lebendiges Wissen, frisches, freies, frohes Leben fordern wir! vom Lehrer. Wehe ihm, wenn er nur im Geiste einer ahj geschiedenen Zeit lebt. Er muß die Vergangenheit kennen und zu begreifen suchen. Er findet in ihr die Grundlagen > für die Erziehung, er muß aus dem Leben unsrer Väter; schöpfen, ihre Lehren beherzigen, aber er muß immer nnd vor Allem sein ejn Mann der Gegenwart und ein Mann; der Zukunft. Durchdrungen von der Würde des Erzieherberufes, von der Erhabenheit des M nschenthums in Gott, kennt er nichts Erhebenderes, nichts Beseeligenderes, nichts Freudebringenderes als den Menschen der Natur und lei-> nem göttlichen Urbilde näher zu bringen. In seinem Her- , zen wohnt die Liebe zur Menschheit, zur Religion, zur Gottheit — die Liehe ist einig, wie die Gottheit —; wer!! vermag sie alle aufzuzählen, die masbn min,. die Herzens-j > pflichten, dix wir beim echten Lehrer voraussetzen? ,! Wenn er sonach „formal" ausgerüstet ist, wenn der!' Geist stark und das Herz warm ist, wird ihm die Erlangung!; der nöthigen Kenntnisse nicht schwer werden. Der geistig geweckte, der gebildete Mensch verlangt nach!! steter Vervollkommnung seines Wissens, nicht des Nutzens,^ sondern des Wissens halber. Dies Verlangen involvirt bieji Kenntnisse, die wir beim Lehrer suchen. Wer sich zu veri vollkommnen sucht, der Strebsame, ist zum Lehrer geeignet. Das Verlangen nach Vervollkommnung und Ausbildung . kennzeichnet den echten Menschen und er wird sich bald die-;, jenigen Kenntnisse angeeiguet haben» die ihm möglich machen, i seine Pflegbefohlenen zu echten tüchtigen Menschen, zu für das j Wahre, Gute und Schöne begeisterte Israeliten zu erziehen.! Wir wissen leider! nur zu gut, daß allem diesem sehr viel Hindernisse entgegenstehen, und daß insbesondere die! traurigen pecuniären Verhältnisse des israelitischen Lehrers,! die Unsicherheit der Stellung, in welcher sich noch so viele unserer Berufsgeaoffen besinden, nicht geeignet sind, wahr-! hast begeisterte Jünger des Lehramts. anzulocken. Doch, wir glauben sicher, daß weNnnur erst die recht?n Männer im Amte sind. auch diese Verhältnisse sich besseren werden, und die Mittel sich finden dem Lehrer eine seinem Berufe und seinen berechtigten Forderungen angemessene Stellung zu verschaffen, bx-s' rH w. Wenn ein vollkommen ausgerüsteter Lehrer pflichtge-! maß zu wirken strebt, ist es ihm ein Leichtes, sich die Achtung! zu verschaffen, die seinem Wirken segensreiche Folgen ermöglichen; die Zeit bringt Rosen und Anerkennung. Darum den Blick fest auf die Zukunst gerichtet! Diese Zukunft birgt unfern Trost in den Kümmernissen des Standes, unsre Hoffnung. Ihr vertrauen wir unser Loos, wie unser Wirken ihr gewidmet ist. Sie muß uns das Zeug zu« glühendsten Begeisterung liefern.- Laßt uns, theure AmtSbrüder! nur etwas recht Großes schaffen, mit Hingebung wirken für Schule und Synagoge, für Alles, war die Edlen der Menschheit und auch Israels, deren es, Gottlob noch so viele gibt, zu fördern wünschen; es wird eine Zeit deS reichsten Lohnes sür uns kommen. Es wird ei»e Zeit kommen, — und wir halten sie nicht für so fern, als man dem Anscheine nach glauben sollte, — wo man den Unterschied zwischen einem begeisterten tüchtigen israelitischen Bolkslehrer der Jetztzeit und estrem Bachur früherer Tage überall erkennen, und Jeden nach seinem Wirken belohnen wird. Dann muß auch der Blödffte einiehen, daß es heilige Joeen sein müssen, die eine solche Begeisterung, solch' aufopfernde Hingebung erzeugen, daß Belehrung und Veredlung unserer Glaubensgenossen ein erhabenes Ziel ist und ein,wahrer Gottesdienst. die Menschen, die Kinder ihrem göttlichen Vorbilde zuzuführen. Sollten die Folgen solcher von innen nach außen strömenden Erkenntniß nicht die segensreichsten sein? Viele Lehrer haben die Achtung auf einem vollkommen verkehrten Weg gesucht, und statt Achtung und Anerkennung Mißachtung und Abneigung gefunden. Viele Lehrer, die es im Grunde gut meinen mochten, schieden ihr persönliches Fortkomme» von der Fortbildung der Gemeinden und waren angesteckt von der traurigen Ansicht eines großen Theils ver Judenheit der jüngst vergangenen Zeit, die da wähnten, der gebildete Jude müsse es verleugnen, daß er „Jude" sei,- müsse sich scheiden von seinen GlaudenSbrüdern, weil er sich zu schämen habe der Fehler des Ungebildeten. Solche Lehrer haben deßhalb den Umgang mit den Juden so viel als möglich zu vermeiden gesucht. Daher kam es, daß die Lehrer auf dem Lande weder Ansehen und Zuneigung, noch Einfluß auf religiöses und intellectuelleS Leben genossen; daß ihre Wirksamkeit keine so erfreuliche war, wie sie hätte sein sollen und können; daß die Lehrer leider zumeist in immerwährender Opposition mit dm Gemeindegiiedern lebtm, und dadurch ihre vielleicht anderwärts lobenswerthe Bestrebungen paralystrten. Sie suchten ängstlich den Umgang der Andersgläubigen und hielten sich furchtsam fern von! ihren Glaubensbrüdern, die gleichsam mit Recht sagten: wir sind unserm Lehrer nur dazu gut, ihm seinen Unterhalt zu verschaffen. Wo bleibt da der Einfluß des Lehres auf die Intelligenz der Israeliten seiner Gemeinde, auf die er so heilsam und belehrend hätte einwirken können? Wo die werkthätige Liebe, in der er als Muster zum Ruhme Gottes, der Religion und der Menschheit voranleuchten soll, als echter Religions- und Volkslehrer? Und hätten diese Lehrer nur gewußt, wie Andersgläubige den höhntm und innerlich verachten mußtm, der öfters mithalf, seine Glaubensgenossen und also indirekt seinm Glauben in den Koth zu ziehen; wie der rechllich denkende Christ den israel Lehrer verachten mußte, der sich schämte, Israelit zu sein und es um allen Preis zu verwischen suchte; der erblaßte, wenn er durch Zufall dm Namen „Jude" hört< der nie ein Wort der Entgegnung hatte bei Verhöhnungen und Beschimpfungm seiner Glaubensbrüder, seiner Religion! Und die nannten sich deßhalb zeitgemäß gebildete, freisinnige Lehrer! WaS ist die Bllvung, was ist die Freisinnigkeit, wenn sie uns zum Sclaven des Vourtheils macht, wenn sie uns nicht wahre Charatterstärke, „Selbstbewusstsein" gibt? (Forts, f.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.