Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 7 (1867)
- Issue
- 3 (17.1.1867)
- Date
- 1867-01-17
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4896751-5428720-5431706--1545-4898022- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sich noch so sehr tn die Brust werfen und mit Händen und i Füßen jener entgegeinuschwimmen suchen, sie vermögen > nichts gegen sie, und ihr Strudel reißt unaufhaltsam sie und ihre Gesinnungsgenoffen mit sich hinweg: — Daß hiermit keinerlei seichter oder leichtfertiger Nationalismus sondern ebenso tief empfundener wie klar j erfaßter, rein religiöser Sinn empfohlen und angewiesen , werden soll, das bedarf für den wohlwollenden, einsichtigen j Leser sicher keines besonderen Hinweises; Schreiber dieses wünscht damit nür den sreiiich im Allgemeinen vergeblichen, leider aber doch viele Einzelne verwirrenden und irreführenden Bestrebungen fanatischer Geister: das Rad der Zeit in Synagoge, Schule und Haus nach besten Kräften zurückzuschrauben, *) gebührend entgegenzutreten und vernünftigem Fortschritt auf allen religiösen Gebieten, vornehmlich dann auf dem der Erziehung entschieden das Wort zu reden. Nicht also »mehr Schatten als Licht/ sondern helles, klares Geisteslicht und wohlthuende Herzenswärme, auf daß wir „im Schatten des.Allmächtigen wohnen, den Licht wie ein Gewand umhullt," das sei unser Motto, dem wir für uns und unie e Kinder nachleben wollen! Frankfurt aß. am Chanukkah- Neumonde 5t>27 (9/12.66) vr. M. Stern. „ Synagoge und Religionsfchule. (Schluß.) Wir glauben uns nicht zu irren, wenn wir sagen, daß selbst unsere noch so modern gebildeten Glaubensgenoffen i nachgerade zu der Einsicht gelangen , daß dieser Unterrichts- / zweig nicht ausfallen dürfe, wenn nicht eine Lücke in der Bildung der israelitischen Jugend fühlbar sein soll. Noch hat sich das Judenthum zur reinen Religion des Geistes nicht ausgeschwungen, wie es überhaupt niemals kommen ' dürfte, daß eine Religion ohne Cultus, ohne alle äußere Formen bestehen wird. . Wenn nun aber der Jsra lite herangewachsen; wenn er. als Familienvater, das nicht ausbleibende Bedürfniß fühlt, sich und die Eeinigen unter das schirmende Zelt der Religion nr oa zu stellen und er dann aller, oder auch nur genügender Kenntnjß seines Cultus und dessen heiligen Institutionen entbehrt — welche unbehagliche Leere muß a dann empfinden! W-lche llnübersteigbare Kluft sieht er zwr schen sick und der ihm unzugänglichen Zusiuchtsstädte, die Herz und Gemüth nur zu oft im Leben aufzusuchen sich veranlaßt fühlen, Wird dann di« Synagoge den Manzel S ersetzen vermögen? Nimmermehr! Aus der Religionsule muß das Herz die Gefühle schöpfen, die dann in der Synagoge nur wieder angeregt zu werden brauchen. Wo. aber diese Gefühle nicht sind, da können sie selbstverständlich nicht angeregt werden. Wohin soll sich nun der, welcher eine solche Leere in seinem Herzen fühlt, wenden und wo kann er Ersatz finden? Nirgends! die Zeiten, wo viele unserer Glaubensgenoffen ihre Ehre darinnen suchten, dem Judenthum den Rücken zu wenden, sind Gottlob! hinter uns. *) Li« langjährig«« tzauptvertrerer di«s«r romanrischni Richtung in Frankfurt, Mainz, Würzburg haben auch in vicsen Blättern schon mebrfach die verdient« Opposition gefunden? Man ist heute stolz darauf, eia rechtschaffener Jude zu sein. Als solche nur vermögen wir die Achtung der Welt uns zu erwerben, denn „Juden" bleiben wir doch, wenu wir auch alles Jüdisch-Religiöse abschütteln. Darum Hand an's Werk! Und find wir Juden und wollen's bleiben, so wollen wir's recht sein, d. h. wir wollen, ohne im bürgerlichen Leben mit unfern Mitbürger« zu contraftiren. Aller, wvs durch acht jüdisch-religiös-sittlichen Geist entstanden und solchen zu erzeugen und zu erhalten vermögend ist, uns und un'ern Nachkommen bewahre«. Gewiß haben viele unserer Glaubensgenossen die bei aller Renitenz gegen die Außenseite des Judenthums dennoch mit so großem Wohlbehagen festhallen au den ihnen überkommenen jüdischen Institutionen nron re., gewiß haben sie scholl manchmal mit Wehmuth daran gedacht, was aus diesen so wohlthätigen Stiftungen werden wird, wenn eine Generation ins Leben tritt, die dieselben kaum dem Namen nach kennet. Darum begrüßten wir mit Freuden das oben erwähnte ' Ausschreiben der Gemeinde Mainz. Ei liefert uns den Beweis, daß die Administration besagter Gemeinde es weiß, daß eine wohlversorgte Religionsschule die nothwendige .Borarbeiterin für die Synagoge sein müsse, und daß eS also zweckentsprechender sei, sich eines Rabbiners zu bedienen, und dabei für einen tüchtigen Religionsunterricht zu sorgen, als daß man zwei Rabbinen an der Spitze habe und eines Religionslehrers ganz entbehre. ES ist diese Ansicht ganz übereinstimmend mit dem a"n m\x inj? fridv 153, 6 (siehe auch ebenda'. 2tsn ~X3.) Und so wünsch?« wir der Gemeinde Mainz in der Verfolgung ihres Planes das Glück, daß ihre Wahl so ausfallen möge, daß es für sie und ihre Nachkommen heilbringend sei TL ©. A 58 ü d> e r f d> o «. 1) Dr Albert Wrttstock. Geschichte der deutschen Pädagogrk rm Umriß. Bon den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart Leipzig, Verlag von"JuliuS Klinkst ardt, 1866 (180 S. s°.) Wer eine Wissenschaft sein eigen nennen will, muß die Geschichte ihrer Entwicklung kennen. Soll der Lehrer ein Pädagog 'ein, ein Meister in der Lehr- und EcziehungSkunst, io ist es erforderlich, „zu wissen und zu erkennen, was üniere Later in dieser Wissenschaft geleistet haben und wie sich die Erziehung der Gegenwart auf die Vergangenheit stützt." Darum fordern die Männer der neuen schule, daß in der Lehrerbildungsanstalt nicht allein die Pädagogik, Methodik und Didaktik. und ihre Hilfswissenschaften — Anthropologie und Psychologie — den Mittelpunkt des Lebens bilden, sondern daß „der Seminarist im Seminar eine Bekanntschaft mit dem wesentlichen Gange der historische» Entwickelung der Erziehung und deS Unterricht-, sowie der Geschichte des Volksschulwesens im Besondern ge-, winnr, um dadurch den künftigen Lehrer in den Stand zu setzen, die pädagogischen Fragen der Gegenwart dem Geiste j der geschichtlichen Entwickelung angemessen zu beantworten/ > Es ist gut, bei jeder Gelegenhett diese Cardinal-