Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 7 (1867)
- Issue
- 2 (10.1.1867)
- Date
- 1867-01-10
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
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6 Erkenntniß erklommen, wollte ihn schauen, wie du, mein Kind, ja oft in die Svnne blicken möchtest, er stehte: Laß mich sehen deine Herrlichkeit. Gott aber sprach: Nein, Moses, mich selber, mein Antlitz kann kein Staubgeborener sehen und leben; ich will porüberziehen lassen an Dir all' meine Gnade und Güte, daran sollst da mich erkennen, an meinem Walten in der Menschenwelt! — Sieh, m. K so geht eauch mit der Religion und allen ihren Geboten; mehr Schatten ist um sie gebreitet als Sonne, — wir sollen nicht vergeblich uns bemühen, den Schatten zu verscheuchen, und Licht in dem zu schaffen, war Gott selber hat in Dunkel gehüllt. Wenn Jemand beispielsweise heute fragen wollte, warum nun gerade die vier Fruchtarten zum Feststrauße bestimmt wurden für's Duccothfest, so könnte man ihm wohl recht sinnige Erklärungen der alten Weisen angeben; allein der wahre eigentliche Grund ruht mehr im Schatten als rm Lichte — die Thora schreibt's vor — Gott will's — darum forsche nicht und frage nicht, sondern thu's. Wirst du am Sonnenlicht und an der Sonnnenwärme dich deshalb nicht erfreuen wollen,- weil dir der Blick recht tief in ihr Herz vertagt ist? Ziehe, die ganze Religion, alle ihre Vorschriften, das ganze Jüdenthum ist voll solchen Lichtes, voll solcher Wärme, darum laß sie dringen in dein Herz, auch wenn deig geistig Auge ihr Licht nicht ganz fasten kann. M. Al das muß der erste Erziehungsgrundsatz sein, also muffen Eltern früh schon zu ihren Kindern sprechen, diese Erkenntniß muß dem kindlichen Geist zugänglich gemacht werden. Dazu gehört aber, daß ihr Eltern im Sinne dieses Wortes selber lebet, — euer Wort und euere Lehre hat nur dann Nachdruck und Erfolg, wenn euer Leben dem entspricht- Glaubt ihr nicht, daß unsere Väter ebenso scharfe und klare Denker sind gewesen wie wir? Ich glaube, sie gaben uns hierin nichts nach. Nun, woran liegt's, daß unter ihnen dennoch die Zahl der Aufgeklärten und Freigeister, wie sie sich nennen, d. h. die Geister,! die befreit sein wollen, von allen beengenden und hemmenden Bauden der Sittlichkeit und der Pflicht — unter ihnen so klein jmb gering war? Daß sie trotz des Denkens, das ja ebenfalls suchte und nicht fand den Grund der Gebote, dennoch übten diese Gebote des Herrn? Seht, das kam einfach daher, daß, das Leben ihrer Eltern eine Macht für sie würde,- eine unüberwindliche, unbesiegbare, ihre Väter sprachen nicht bloß nnono mna nnbs — in der Religion „überwiegt der Schatten das Licht," sie-lebten auch so, sie verlangten's nicht von ihren Kindern, als bloß für. Kinder paffend, sie thaten's selber, und da ihnen der Frohsinn, die Heiterkeit, die Befriedigung auf der Stirne stand geschrieben, die sie aus der Uebung ihrer Religionspflichtcn schöpften, darum konnten die Söhne, zu Männer geworden, nicht darüber hinaus, und besiegten jeden Zweifel und jede Neuerungssucht mit dem Worte des Vaters „die Religion wird ewig mehr Schatten als Licht bleiben, ich darf's, ich will's nicht ändern — was Gott gesprochen , soll Menschengeist keiner Kritik unte ziehen." Darum ihr Väter und Mütter, macht den Satz „mehr. Schatten als Licht", zunächst zum Principe eueres Lebens, dann zum Erziehungsgrundsatz euerer Kinder und ihr werdet in eueren Kindern unserem alten, ewig jungen Glauben Söhne und Bekenner heranbilden, treue, standhafte Söhne und Bekenner, die, auf ihre Vergangenheit stolz, fortführen und weiterbauen unser Werk — die einen Damm bilden, einen festen, unerschütterlichen, gegen die Zeitströmung, die alle Hingabe an Höheres, Unbegreifliches, in Schatten Gehülltes droht mit sich fortzureißen und fortzuschwemme»." Referent muß gestehen, daß, trotz des paradoxen Reizes in Worten und Ideen und der nicht geringen Ueberredungsgabe deS jungen Predigers, ihm, einem durchaus Gläubigen nur nicht Leicht- und Blindgläubigen, conservativ - nur nicht stabil und pietistisch Gesinnten, bei dieser Auseinandersetzung einer religiösen Erziehungsmaxtme (und allen unbefangenen Schulmännern und sonstigen Urteilsfähigen wird's wohl gleichermaßen damit ergehen) war unheimlich zu Muthe geworden, und er sich je weiter-desto mehr vom Gebiete des Judenthums, das doch hier in seiner Wahrheit und Aechtheit gelehrt werden soll, hinweg auf das des strengsten Katholicismus und lichtscheuen Mysticismus versetzt glaubte. Denn dort mag es wohl gelten: „glaube, aber frage nicht, forsche nicht, der Glaube allein macht selig, und so du ein Haar breit von ihm weichest, an seinen Dogmen, seien sie dir auch unbegreiflich, nur den mindesten Zweifel hegest, ist'S um dein Seelenheil geschehen," im Judenthum aber, das seinen Bekennern selbst in Bezug auf seine Quinteffenz, den Glauben an den einzigen, ewigen Gott, zuruft: Erkenne es und mache es dadurch in deinem Herzen heimisch (5 B, M- 4, 39). daS seine Vorschriften nicht nur von den Mündigen sondern schon von den Unmündigen vrrsrandert sehen will; daS wiederholt zur Pflicht macht, sie bei ihnen, durch einleuchtende Erklärung zur wahren Herzenssache zu erheben, das von seinem Gesetze rühmt (Das. V. 6): Es ist euere Weisheit und Vernünftigkeit Zeugniß vor den Völker rc. und endlich bestimmt erklärt (Das. 30, 11 ff): „Das dir auferlegte Gebot ist nicht i in weiten Fernen zu suchen, sondern in Mund und Herz dir ganz nahe gelegt";in dem so beschaffenen Judenthum kann und darf eS keinen blinden Glauben geben, und ist das in seiner Mitte,! waS bloß durch solchen gestützt und gehalten werden kann, in sich selbst hinfällig und dem zernagenden Zahne der Zeit preisgegeben. Ein Verbot der Forschung nach den Gründen der Gesetze widerspricht daher dem Geiste des MosaismnS durchweg und war in der That auch so wenig ernst gemeint und noch minder allgemein bekannt, daß! die Rabbinen stets — wie ja auch der Redner, wenngleich mit unnöthiger Reserve, in Betreff des Feststraußes zugiebt, — soweit sie es vermochten, nicht nur einsondern zehnfache Mottos und Tendenzen der Satzungen jaufzufinfinden bemüht waren. . (Schluß folgt.) Synagoge und Religionsschule. Zu der vorangesetztm Paralelle und der daran geknüpften Betrachtung gelangten wir durch das warme Interesse, das wir daran nehmen, die Stelle eines israelitischen Religionslehrers bei ver Gemeinde Mainz in diesem Blatte ausgeschrieben (efunden zu haben. Die bisherigen Verhältniffe besagter Gemeinde dürften manchem aufmerksamen Beobachter befremdend vorgekommen sein. Mainz, eine der zahlreichsten und wohlha-