Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 7 (1867)
- Issue
- 1 (3.1.1867)
- Date
- 1867-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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2 die , Selbstständigkeit und freie Entwickelung gerade der Israeliten ve stehen." „Es war im März 1863, da brachte ein Deputirter, Herr Dt. Stockhausen, der zur Fottschrittspartei zählt, in der zweiten Kammer der Stände ben Antrag ein, .über Bildung der Vorstände der israelitischen Religionsgemeinden." Keine israelitische Gemeinde de» Landes hatte solch einen Wunsch kundgegeben, keiner ibrer Lehrer und Gemeindevorsteher irgend etwas derartiges angedeutet; der fortschrittliche Herr Deputirte dachte in seinem Kopfe, er. wolle einmal den Liberalismus an den israelitischen Religion seemeinden versuchen und nach seinen Ideen ihre Gemeinte-! Vorstände ordnen und bilden. Er brachte also, seinen Antrag ein Natürlich, meine Herren, die Fortschrittsmajorität war gleich bereit, diesen .herrlichen" Vorschlag zu adoptiren, es war ja möglich, hier auf einem ganz neuen Gebiete thätig zu sein, hier Früchte qvf einem Acker zu sammeln. der bisher unbebaut geblieben. Der Beschluß der zweiten Kammer kam nun — erschrecken Sie nicht/ meine Herren — an die erste Kammer; — (Heiterkeit) es wurde ein Referent ernannt, — ersch'ecken Sie nicht noch mehr, meine Herren, — dieser Referent gehörte zu der, wie man sagt,, im Finstern schleichenden Partei (Heiterkeit), dieser Referent ist - ein ganz wüthender sogenannter Ultramontaner, dieser Referent ist ein Mensch, wenn er spricht, spr'ckt er sogar von Eolcben, die seiner Meinung nicht sind, er scheut sich nicht, gerade so zu sprechen, wie er denkt, aber die Mainzer Zeitung gibt zu verstehen, daß man seinen Aorten nickt trauen dür'e. und in der Thal — man kann ihm leine Gedanken nicht an der Nase ansehen (große Heiterkeit). Genug, meine Herren, dieser Referent war kein Anderer, als ich selbst (großer Beifall). 'Hören Sie.Nun, meine Herren, mein Referat; es ist kurz, die erste Kammer hat es adoptirt, vernehmen Sie es, es wird Sie interessiren: In Anbetracht, 1) daß der im Anträge des Herrn Dt. Stockhausen enthaltene Gegenstand eine durchaus israelitischeAngelegenheit ist; — (also den Herrn Stockhausen und uns andere Leute, uns Christen, nichts angeht,) (Bravo, Bravo!) 2) daß weder von einem Vorstände, noch von Mitgliedern einer israelitischen Gemeinde ein Wunsch oder Antrag auf Abänderung vorliegt; 3) daß es die Freiheit und Selbstständigkeit verletzt, wenn fich Private und Behörden unaufgefordert und ohne Roth in fremde Angelegenheiten einmischen, (Bravo I) 4) daß es namentlich der-verfassungsmäßig gorantirten Gewissensfreiheit, sowie den Grundsätzen der Toleranz zuwider ist, wenn Personen anderen Glaubens über > die Versaflung oder sonstige innere Angelegenheiten i einer anderen Religion sgesellschast berathen oder beschließen; 5) daß, abgesehen von der Inkompetenz, Andersgläubigen die erforderliche Kenntniß und Befähigung abgeht, über die Zweckmäßigkeit neuer Einrichtungen bei anderen Religiousgesellschasten zu urtheilen; endlich' 6) daß es nach der i« Ausschußberichte der verehrlichew zweite» Kammer enthaltenen Ansicht des Großberzvglichen Ministeriums de- Inneren zweifelhaft ist, obeine Aenderung des Wahlmodus in der von dem Hrn. Antragsteller bezeichneten Weise den Wünschen der Mehrheit, insbesondere des gebildeten Theiles der israelitischen Bevölkerung, entsprechen würde; hat der vierte Ausschuß die Ehre, zu beantragen: Die hohe Kammer möge dem Beschluß der verehrliche« zweiten Kammer nicht beitretenl; dagegen ihre Ansicht in dieser Sacke dahin aussprechenß daß die Großherzogliche Regierung den an sie gebrachten begründeten Wünschen der Israeliten, unter Wahrung der etwa bcstebenden Rechte^ der corpoiativen Selbstständigkeit und der verfassungsmäßigen Gewissensfreiheit möglichst Rechnung tröge." Die erste Kammer ist diesem Anträge beigetreten. (Großer Beifall). Sehen Eie, meine Herren, so behandeln wir die religiöse Frage, so wollen wir auch die katbolsiche Frage behandelt wisien, so werden wir die protestantische Kirchenfrage behandeln, und so hat die eiste Kammer, so hoben wir, so habe ich <die israelitsiche Frage behandelt. Ich glaube, wenn ich von israelitischen Mitbürgern jetzt angehört werde, so müssen sie dieser Auffassung ihren Beifall zollen. (Bravo). Tos nenne ich Freiheit, das nenne ich Anerkennung der Rechte, das ist mehr als Wohlwollen. Wir sagen den Israeliten: Ordnet Eure Angeleaer h itcn selbst, wir haben, nichts hinein zu reden. Und nun, meine Herren: vernehmen Sie noch einmal, vielleicht mit gesteigertem Interesse, diese peifide Frage: „Wo bleibt die israelitische Consession?" Eie bleibt frei und selbstständig nach unserer Auffassung; sie wird majorisirt. tyrannisirt vom Fortschritt (Beifall). Und jetzt, meine Herren, so wie ich, gerade so. das versichere ich Sie, denke» alle Katholiken, die es in Wahrheit sind; denn uns Katholiken ist unsere Uebcrzeugung so bcilig, daß wir nicht dulden können, daß e,n Anderer sie antaslet; eben darum wollen wir anch keines Anderen Uebcrzeugung antostc». Wir leben in der That auch im Frieden mit unseren israelitischen Mitbürgern."- So weit der hochwürdige Herr Domkapitular. Wir erlauben uns vor Allem eine faktische Berichtigung. Ter Antrag des Herrn Dt. Stockhausen war durchaus nicht aus der Lust gegriffen. Im selbigen Monal fand eine Versammlung israelitischer Vorstände und der sttabbiner des Landes iu Mainz statt, die ähnliche Liele im Auge hatte, und eine Verbefferung derjüdi'chen Gemeindeverhältnijse auf dem Wege der Gesetzgebung anbahnen wollte. Wie dem aber auch sei — die Mehrzahl der denkenden und gebildeten Israeliten des Landes ist Mit dem Anträge des Herrn Dt. Stockhausen einverstanden und wir können ihm für die Anregung dieser Angelegenheit nur dankbar sein. Es erscheint uns als eine totale' Begriffsverwirrung, wenn man behauptet, daß durch Regelung der Wahl der israelitischen Vorstände, oder selbst durch Herbeiführung einer durchgreifenden Organisation der jüdischen Gemeinde durch den Staat die GewiffenSfreiheit verletzt werde. Seit wann, Herr Domkapitular, find Sie so zärtlich besorgt für die