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Der israelitische Lehrer · 1866-08-16 · 33 (16.8.1866) · p. Seite 137

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
6 (1866)
Issue
33 (16.8.1866)
Date
1866-08-16
Page
Seite 137 (sequence 3)
Language
German
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I 137 blühende Wohlthätigkeitsinstitute. wie vielleicht sonst keine jüdische Gemeinde im heutigen Israel; das erst vor einigen Jahren neugebaute Spital dürfte unter allen ähnlichen Anstalten mit Recht als eines der besteingerichtetsten anerkannt werden müssen. Tempel, Vereine aller Art rc. sind in höchster Blüthe — ein eigentliches Schulwesen aber hat die Gemeinde nicht; besitzt sie ja noch nicht einmal eine öffentliche Gemeindevolksschule. Anstalt n wie die Volks- und Realschule unter der Leitung des Dr. Stern in Frankfurt, die Gemeindeknabenschule in Berlin mit ihrem Seminar, die so «vorzüglich gedeiht unter der ausgezeichneten Direktion des Herrn Horwitz, die Freischule und Talmudtoraschule in Hamburg fehlen hier leider ganz; nicht einmal eine niedere Volksschule kann Ihnen das herrlich blühende jüdische Gemeinwesen Wien's Nachweisen. Änige Pcivatichulen unter der Leitung der Herren l)r. Szanto und Pick gedeihen vartrefflich; sie genießen nach unseren Gesetzen das Recht der Oeffentlichkeit; aber es sind eben Privatschulen, die sich nur einem Bruchtheile der Gemeindegenossen erschließen. Vor einem Jahrzehnt*) wurde der Gedanke, auch eine öffentliche jüdische Gemeindevolksschule in Wien zu gründen, vielfach besprochen und erre te selbst im Vorstand lebhafte Debatten. Herr Josef Wertheimer und der Oberlehrer an unserer Religionsschule, Herr Or. Wolf, hatten die Angelegenheit als höchst bedeutsam angeregt und unterstützten dieselbe mit aller Kraft. Allein — auch hier wirkten die Befürchtungen ein, die wohl nicht ganz grundlos sind,'wenn man sie von einem freien, vorurtheilslosen und nur rein theoretischen Standpunkte aus betrachtet. Man fürchtet, sich dadurch den Anschein der Exclusivität zu geben, den Separatismus zu unterstützen und zu sö dcrn^ während ja unter ganzes Bestreben dadin zu richten ist, möglichst alle Schranken wegzuräumen, die nicht durch das Religionsgesetz selbst geboten sind. Man legt hier wie auch anderwärts dem Zusammenleben der christlichen und jüdischen Kinder in der Schule zu großen Werth bei. Allein man vergißt dabei, daß gerade in den strengkirchlichen, überkatholischen und von katholischen Geistlichen ^geleiteten Schulen der Stadt Wien ein vorurtheilsfreier Geist, der Ge-st der Duldung und Liebe nicht sehr genährt wird. Man vergißt, daß solche strengkatholische Schulen unseren Kindern nicht die geeignete Elementarschulbildung geben können, und daß nur, wenn eine wahrhafte paritätische Behandlung der jüdischen Kinder stattfinden würde, das Znsammensitzen Werth hat.- Die Herren Vorstände wissen nicht, wie oft das Gemüth unserer Kinder durch die Zurücksetzung derselben verwundet wird und wie gerade durch die Anwesenheit jüdischer Kinder, durch die Theilnamlosigkeit bei' den specifisch-christlichen Unt rrichtsgegenständen, Mißachtung und Intoleranz noch erhöht wird. Hat etwa in Frankfurt oder in Berlin der exclusive Geist und der Judenhaß in dem Gesondertsein de? jüdischen Schulen Nahrung gefunden? Wo herrscht mehr Toleranz — dort oder hier? Doch, es ging nicht. Und allerdings müssen wir auch den maßgebenden Gründen jener Zeit Rechnung tragen und dieselben als damals berechtigt anerkennen. Als nämlich die Verhandlungen noch im Echooße des jüdischen Vorstandes im besten Zuge waren, erschien eine Aufforderung des *) Wmn wir nicht irren. im Jahre 1854. Ministers Thun zur Errichtung zweier jüdischer Volksschulen in Wien. Sie erinnern sich vielleicht noch der Ansichten , die damals in denI öffentlichen Blättern über diese Aufforderung geäußert wuroen. Und allerdings—von jener Seite, von dem Vertreter des ConcordatS konnte eine solche Aufforderung nur den Sinn strenger kirchlicher Absonderung und Ausschließung haben, mußte als Ausfluß religiöser Intoleranz gelten. Damals soll sich der Vorstand an den Kaiser selbst gewendet haben, um gegenden Willen des Ministers zu agitiren. Es gelang. Der Befehl des Ministers wurde zurück «enommen. Seitdem ruhen hier die Bestrebungen für jüdische Volksschulen ganz und'gar. Ob sie jemals wieder aufgegriffen werden, läßt sich im Voraus und jetzt insbesondere nicht bestimmen. So besteht in der jüdischen Gemeinde Wiens nur eine öffentliche Religionsschule — im Gemeindehause in der Stadt und eine in der Filialgemeinde FanfhauS. In die Religionsschule in der Stadt gehen etwa 700 — 800 Schüler und Schülerinnen aller Klassen und aus allen Anstalten. Denken Sie sich das complicirte Schulwesen einer großen Stadt, deren Kinder die verschiedensten öffentlichen Anstalten besuchen, mnd die dadurch auch schon in ihrer geistigen Entwicklung höchst verschieden sein müssen. Denken Sie sich, daß hier zusammensitzen die Präparanden, Gymnasial-, Handels¬ und Realschüler mit den Zöglingen der Volksschule, die alle bieher wandern müssen aus den verschiedensten Lokalen und Sie werden einsehen, mit welchen Hindernissen diese Schule zu kämpfen hat. Dazu kommen noch andere Umstände, und W.derwärtigkeiten der v.'rschiedensten Art. Die Lokalitäten der Schule — im 3. üud 4. Stock des jüdischen Gemeindehauses beim alten Tempel, sind ungeeignet und ungeuü zend. Sie haben nur nach einer Seite hin Fenster, sinh im Som- 'mer dumpf und heiß. Tie Volksschulen*) richten sich nicht aus einander; die Kinder müss.m sich die zum Religionsunterrichte nöthige Zeit abringen und die Klasseneintheilung kann darum nur nach den äußeren Umständen sich richten. Bedenken Sie, daß hier nicht ein materiell nutzbares Wissen vorliegt, daß daher bei Eltern und Kmdern vielfach große Gleichgültigkeit herrscht und Sie werden Ihre Anforderungen an diese Anstalt gewaltig herabstimmen müssen, und werden einsehen, daß auch die Lehrer an dieser Anstalt amtlich nicht auf Rosen gebeitet sind. Dennoch leistet die Anstalt in ihrer Art Vorzügliches und man erkennt, waS sich unter allen Verhältnissen bei gutem Willen thun läßt. Die Unterrichtsgegeustände der israelitischen Religionsschule sind: Bibelübersetzen in der Ursprache für die Knaben, worin die Aufgabe, die Sie in Ihrer vorzüglichen, noch lange nicht genug gewürdigten Schri't: ,Der Unterricht im Hebräischen, methodische Anleitung je. gestellt haben, vollständig erreicht wird. Die Schüler sind fast durchgehend» im Pentateuch wohl bewandert, ^und in den höheren Klassen werden ausgesuchte Stücke aus den Propheten und Kethubim übersetzt und erläutert. Die Grammatik, soweit sie hierzu nothwendig ist, wird ebenfalls in analytischer Wesse, im Anschluß an die Bibel, gelehrt; und dadurch *) Die Lehrer an den christlichen Volksschulen in Wien sind wahrhaft ärmlich besoldet — 300-400 fl.; es läßt sich daraus entnehmen, w»e unbedeutend auch ihre Leistungen sind. Und wie verschieden sind die Bildungsgrade der Gesellschaftsklassen in einer solchen Stadt!

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