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Der israelitische Lehrer · 1866-08-16 · 33 (16.8.1866) · p. Seite 136

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
6 (1866)
Issue
33 (16.8.1866)
Date
1866-08-16
Page
Seite 136 (sequence 2)
Language
German
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136 i auf die „Anleitung zum Leseunterrichte" von Diesterweg Nvd auf ein weniger bekannte-, aber desto vorzüglicheres Echriftchen: „Orthotomie, öder Anleitung zur richtigen Betonung im Lesen und im Vorträge" von L. Graf u. A. Ob für die jüdischen Schulen .nicht bisweilen noch eine ganz besondere Aufmerksamkeit in diesem Betreff nöthig ist? Wir glauben das. Es wird den jüdischen Lehrern nicht entgangen sein, daß viele' ihker Schüler die mechanische Fertigkeit im Lesen' wohl sehr schnell erlangen; daß aber eine besondere Zähigkeit, ein; unausgesetzte Aufmerksamkeit des Lehrers dazu gehört, die Schüler vor allzuschnellem und oberflächlichem Lesen, vor unrichtiger Betonung, insbesondere vor zu starker Hervorhebung der Vor- und Nach'ylben zu bewahren. Doch mag düse Erfabrung sich nunmehr nur noch auf einzelne Orte beschränken. Aber es ist unsere Pflicht, uns hierüber genaue Rechenschaft zu geben, um dem absterbenden Jargon, der doch für die sociale Emancipation der Juden so schädlich und gefährlich 'war und theilweise noch ist, unsererseits mit aller Kraft entgegenzutreten. Beim logischen Lesen kommen auch die Satzzeichen, Interpunktionen, in Betracht. Lie Interpunktionen sind die sichtbaren Zeichen für die Trennung der Gedanken — Gedankenpausen,— ihre Beachtung hält daher gleichen Schritt mit der Auffaffung der Gedanken. Die 3. Stufe des Lesens, das ästhetische Lesen, besteht darin, daß man „die Empfindung, die durch den Inhalt des Lesestücks erregt werdeü soll, durch die Betonung kundgibt." — Diese Stufe gehört nicht zu den wesentlichen Ausgaben der Volksschule. Die Volksschule hat^ vor Allem nur das Nothwendige zu berücksichtigen, die Lcsestücke, deren Inhalt in dem Gesichtskreise der Schüler lir.zen, zum klaren Verständaiß und versländnißoöllen Vottrag zu bringen. Da hier, in der 3. Stufe des Lesens, „die Schönheit" "des Vartrages berücksichtigt werden soll, die in ih.er stetigen Steigerung keinerlei Gränzen -hat und in das G.biet der Kunst in der vollsten-Bedeutung des Wortes (Schauspielkunst, Rhetorik) hinüberftreist und da die Kunst eben Naturanlagen bedingt, die nicht Jedermanns Sache sind, kann von der Volksschule nicht gefordert werden, daß. sie in dieser Richtung sich ein bestimmtes Ziel setze. Es hängt viel von der Beschaffenheit des Geistes- und Gemükhslebens, vkel auch von besonderen Verhältnisse, von zeitlichen und allgemeinen Einflüssen ab, in wie weit wir im Stande sind, nicht allein das, was bevorzugte Geister in Weihestunden zu Tage fördern, in seiner ganzen Tiefe aufzunehmen, sondern auch so wiederzugeben, daß mit uns apch der, der uns hört, von denselben Gefühlm und Gedanken ergriffen wird. Doch ist es möglich, der „pathetischen'" Betonung (pathetisch — der Empfindung entsprechend, empstndungs- und ausdrucksvoll) in der Schule vorzuarbeiten und die einigermaßen beanlagteu Schüler zur herrlichsten Kunst hinzuleiten. Der Ton der Empfindung gibt sich im Allgemeinen durch Stärke und Schwäche, Hebung und Stärkung und durch jenen eigenthümlichen Klang der Stimme zu erkennen, der als der Ausdruck der Empfindung nicht beschrieben und nicht gemeflen werden kann, und der uns zeigt, daß das Gefühls¬ und Empfindungsleben der Menschen-so verschieden ist, als eL Menschen gibt. Wer den Ausdruck der Stimm« und die Unkultur I derselben übrigens für gleichgültig hält, irrt sehr. Mag I auch der erkünstelte Salonton nicht Jedermann'« Sache sein,; und ist es nur zu wahr, daß jene überzuckerte, leise Art des Sprechens, die wir oft bei Heuchlern finden, einem; wahren, naturtreuen Menschen zuwider ist und ibn abstoßt, so ist doch der Ton, der Ausdruck der Jndivi- , dualilät und der Ausdruck zu cultiviren. „Rohe Menschen : — roher Ton, und umgekehrt. Die innere Unkultur gibt sich deutlich durch die Unkultur der Sprache zu erkennen. Als Hauptarten würde ich in dieser Beziehung unterschci-? den: den maulfaulen, trägen, schleppenden Ton — das Zeichen der Geistesträgheit; den spitz n, schneidenden, gellenden Ton — der Ausdruck des tückischen, liebeleercn Herzens; den massiven, plumpen, ungeschlachten Ton — die Signatur der Gemeinheit. Wahre Bildung geht von Innen aus und sie veredelt nothwendig den Ton " (Disterweg.) Der Lehrer kann hierzu durch seinen eigenen Vortrag die Anregung geben; er kann durch öfteren Vortrag die im Schüler ost verborgene Empfindung hervorlocken, aber er muß vor Allem darauf achten, daß die Empfindung wahr und ihr Ausdruck nicht erborgt und nicht erkünstelt sei. | Hier insbesondere ist die Individualität, das ganze Sein und Wesen des Schülers »u berücksichtigen, und fast durchgehends wird sich hier diese Individualität der Schüler auch am lebhaftesten ausprüg-n. Die Mädchen, die in der Regel lebhafter und seiner empfinden als die Knaben, werden auch ganz anders betonen, als diese; was den Einen anregt, wird den Andern kalt lasten, und so fort. Jedenfalls darf man nicht vergessen, daß ein einfacher, blos das logische Verständniß berücksichtigender VßMr^ag bei Weitem vorzuziehen ist dem erkünstelten, unwahren Pathos, der, weil er nur zur Schau trägt, was nicht vorhanden ist, den Schüler zum Heuchler und Scheinheiligen macht. Das ist das Wichtigste, worauf der Lehrer beim Leseunterrichte zu schauen hat. Und ich glaube, wenn er allüberall auf genaues Verständniß, richtige Betonung rc. sieht, so ist die Lesestunde keine Ruhestunde, und in einer nur einigermaßen gefüllten Klasse wird von der zum Lesen bestimmten Zeit wohl nichts für Nebenbeschäftigungen erübrigt werden können. Haben wir somit uns über das Lesen selbst ausgesprochen, so wird es uns leicht sein, zu finden, wie das Lesebuch sein soll. (Fortsetzung folgt.) Wochenbericht. Wien. Erlauben Sie mir den Mittsteilungen, die Sie über das jüdische Schulwesen der großen Gemeinden Nord- und Mitteldeutschlands bei der so ernsten und interestanten Beurtheilung der betreffenden Programme brachten, auch Einiges über das hiesige jüdische Schulwesen beizufügen. Ich hoffe, dast auch diese Mittheilungen für Ihre geschätzten Leser einiges Interests bieten werden. Doch, muß ich zuerst bitten, den Ausdruck „Schulwesen," den ich stier gebraucht habe, in bescheidenster.Wei'e auffaffen zu wollen. Die jüdische Gemeinde Wiens besitzt alle Anstalten, die für ein jüdisch-religiöses Gemeindewesen von so großer Bedeutung nothwendig sind; sie hat so herrliche,

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