Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1866-08-02 · 31 (2.8.1866) · p. Seite 128

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
6 (1866)
Issue
31 (2.8.1866)
Date
1866-08-02
Page
Seite 128 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4896751-5428724-5431639--1418-4897917
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

123 machten, unterscheiden. - In jener Zeit sollte nur das Lesebuch und dies immer in. der Hand des Kindes sein, und den Inbegriff der ganzen Weisheit der Lehrer und Schüler bilden. In ihm sollte die Geschichte, die Naturkunde, die Geographie und die deutsch^ Sprache und was sonst alles noch enthalten sein, so daß der Lehrer eben für diese Fächer keine besonveren Stunden anzusetzen habe, sondern eben nur „lesen" und immer wieder „lesen" laffe, und — anschließe. Ueber das sogenannte „Anschließen" hat stch insbesondere der von uns jetzt tief betrauerte Diesterwez kürzlich noch in seinen „rheinischen Blättern" (des 'TT. Bandes der neuesten Folge 2. HIt) und die allgemeine deutsche Lehrerzeitung in -einem besonderen Artikel wiederholt eingehend ausgesprochen. 1) Das Lesebuch soll ke-n Lehrbuch der Grammatik sein, soll v,n Lehrer nicht.der.Muhe überheben, in besonderen Stunden Unterricht in der deutschen Grammatik je nach dem Standpunkte der Schule und der Schüler zu ertheilen. Man hat wohl auch geg^n das sprachliche „Regelwerk" gesprochen und geschrieben, suchte den deut'cheu Sprachunterricht aus der Schule ganz zu verbannen. Ich glaube, auch in dieser Richtung hat man jetzt das Richtige herausgefunden. Die Lesestucke muffen" sryliftrsche Musterstücke sein, und zur Anwendung, zu praktischen Beispielen Stoff und Gelegenheit bieten. Aber das darf nur geschehen in dcn Sprachstunden. In der Lesestünde würde das Zerpflücken und Zerreißen den vollen und frischen E.ndruck stören, und die Lust am Lesen schädigen. 2) Das Les-buch wll nicht ein Realienbuch sein. „Gewiß gehören naturhiüorische» geographische, geschichtliche und andere realistische Aufsätze in das Lesebuch; aber eS 'oll den ipeciellen Unterricht ip didien Fächern nicht ersetzen, nur ergänzen, den strengen Unterricht n denselben in Fluß bringen, anmuthige Darstellungen über einülne Parthieen liefern. Die dahin schlagenden Aussätze sollen den Horizont des Lesenden erweitern, sollen chm Genuß bringen." Allein darum kann doch das Lesen dieser Stücke durchaus nicht als eigentlicher Realunterricht gelten, da ein solcher Realunterricht eden'owenig das für die naturkundl che, geographische, geschichtliche u. dgl. Bildung lösten würde, was wir auch nur von einer mittelmäßig gutem Volksschule der Jetztzeit fordern müssen, als ein 'sicher Leseunterricht seinem eigentlichen und Hauptzweck — dem Lesen lernen — Früchte bringen würde. Herr Paldamus, Direktor der höheren Bürgerschule zu Frankfurt a. M. sagt in der Vorrede zu seinem (für höhere Schulen sehr empsehlenswerthen) deutschen Lesebuch: „Neuerdings muthet man dem Lesebuche, namentlich der'Volksschule, zu, zugl^ch das Compendium für den' gesammten Schulunterricht zu sein. — Was die neueste Zeit der Volks'chu'e in Bezu, auf Geographie, Geschichte, Naturbeschreibung und Naturleh-e zugesteht, das soll sich an das Lesebuch „anknüpfen" lassen. Somit soll das Lesebuch eine Art Encyclopädie, der Leseunterricht Realunterricht werden. Sowohl-im Jnterresse des Lesebuches als des Realunterriä ts darf wohl gehofft werden, daß dieses Verfahren sich nicht auf die Dauer erhalte. Airch in der einfachen Volksschule bedürfen heut zu Tage die den realen Wissensgebieten' zu entnehmenden gemeinnützigen Kenntnisse eine andere als eine bloß gelegentliche Pflege. Sie dürfen immerhin selbstständig behandelt werden, ohne daß darüber die nächste und dringendste Aufgabe der Elementarbildung verabsäumt wird; vielmehr wird sie dadurch gefördert werden. Dem Lesebuch wird aber eine unlösbare Aufgabe abgenommen, bald Lesebuch bald Lernbuch zu sein, wodu'ch es oft zu einem Ding wird, das keiner Forderung genügt. Soll cs dagegen den R.'älunterricht nur unterstützen und ergänzen, so wird sich das mit der eigenthümlichen Aufgabe des Lesebuches auf das beste uns zweckmäßigste vereinigen lassen. — Die Unmittelbarkeit der Auffassung der Lesestücke wird durch nichts mehr gestört als durch das lediglich an die Berstandcsthätizkeit des Schülers sich wendende Breittreten derselben, u. s. f." Was unter „Anschließm" verstanden wird, davon gibt der „Königsberger Volksfreund" ein Exempel, das wir nur anzuführen brauchen, um zu erweisen, wohin diese Zerfahrenl heit führen würde. Indien „rheinischen Blättern" unv im ' „Schulblatt für die Provinz Preußen" wird davon folgende; von Diesterweg geschriebene erbauliche Schilderung gemacht: . Der Lehrer wird aufgefordert, „Preußen in der Rich- > tung von Trier bis Königsb rg mit den Kindern im Geiste zu durchwanoern und damit 1) das Geographische, 2) das Naturkundliche, 3) das Geschichtliche anzuschließen, was sich auf dieser Wanderung darbietet." Das Neue, was dabei vorkommt, ist das sogenannte „Anschließen". Nachdem der Lehrer das Geographische durchgenommen, fügt er hinzu: „Das ist das schöne Land, dem sich jedes deutsche [ Herz ergeben soll", und er läßt von den Knaben: „Ich Hab' j mich ergeben mit Herz und mit Hand Dir, Land voll Lieb i und Leben", und von denMävchcn: Traute Heimat meiner i Lieben" singen. Diese beiden Li>der b'lden den Uebergang i zu dem eigentlich,n Anschluß. Es wird" „im Anschluß an i den Rhein" ein Dampf'chiff beschrieben, dann ein Dampfj wagen, der elektrische Telegrapb; die Steinkohlen, Getreidei arten, Flachs „im Anschluß an Westfalen"; Torf, Kalk,! Bienenzucht, Seidenbau „im Anschluß an die Proo. Preußen" : — nützliche und schädliche Insekten, einzelne Singvögel und deren Nutzen, welche den Lehrer an das Gedicht i on Rückert „Sommervöglein" erinnern. Als bemerkt wild, daß die Kinder auch Vöglein kennen, die nicht fliegen, fängt sofort ein Kind an zu irrigen: „,Es kamen arüne Vögelein geflogen von dem Himmel". Die andern fallen mit ein und singen den ersten Vers, der zweite mild lheils einzeln, thils im Chor gesprochen und dann wird noch einer oder werden noch zwei gesungen. Darauf stellt der Lehrer Aufgaben, welche deweüen sollen, daß die Kinder die einzelnen-Sätze verstehen (das Anschlüßen geschieht näml ch an ein Stück des Lesebuchs), dann folgen Aufgaben, welche das Verständniß des Ganzen bezwecken-, z. B. Vergleichung der grünen Blätter mit Singvögeln, wie diese Vöglein kommen, wie sie fröhlich sind, wie sie plötzlich verschwinden. - Hierauf wird Geschichtliches angeschloffen: von Fr. Wilhelm II. und Luisen zu der Zeit, als sie in Königsberg wohnten; die Mädchen erzählen, „wie Luise so leutselig und wohlthätig war und ihre Kinder und ihren Gemahl liebte." Dann folgt die Beschreibung der Krönung, des Glanzes, der Volksbelustigungen in früheren Zeiten, eS wird gesprochen von der Reformation, von Dennewitz, Großbeeren. i Kunersdorf, dann gesungen: „Ich halt' einen Kameraden" — „WaS bläfen die Trompeten?" Diese Volkslieder wer-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.