Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 6 (1866)
- Issue
- 30 (26.7.1866)
- Date
- 1866-07-26
- Page
- Seite 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Wohl leugnen wir nicht, daß gar Viele durch den Krieg zu dieser bessern und frommern Erkenutniß gebracht werden, aber doch leugnen wir, daß dies -der Zweck des Kriegs in der Hand Gottes ist. Im Gegentheill Nach unsrer religiös sen Anschauung und Lehre sagm wir: Gott hat nicht den Krieg gesandt, sondern die Menschen haben ihn freventlich herbeigezogen und veranlaßt; Gott will nicht dm Krieg, die Religion verbietet ihn und geht nicht auf Streit und Hader, die Veranlasser des Krieg-„ auf Gewalt und Rohheit, die Begleiter des Kriegs, und nicht auf Haß und Verwilderung, die Folgen des Kriegs, aus. sondern auf Frieden, auf Emtracht, auf Liebe, Brüderlichkeit und Versöhnlichkeit, auf Bildung und Sittlichkeit. Die Religion verbietet eS von vornherein: n^y nsn -pin >2 (Ex. 20, 22) „Du sollst dein Schwerdt nicht an. den Altar Gotte» bringen," d. h. Angelegenheiten des Krieges, die mit dem Schwerdte du entscheidest, nicht vor den Altar Gottes tragen und Gott da um Ervörung. um Hülfe, um den Segen und den Sieg deiner Waffen bitten, — n'pnhi (ibid.) „du entweihst diesen Ort/ die Stätte des Friedens, damit. Von David, dem Kriegshelden, wollte Gott keinen Tempel, das.Haus des Friedens, gebaut haben, sondern Salomo, der ein Mann deS Friedens war und hieß, sollte es bauen. Israel war man nor6o „jeder willkürliche Krieg," d. h. jeder Anzriffs- und Eroberungskrieg, den es willkürlich begann, zu führen untersagt, sondern ihm nur ruin naroo der Krieg gestaltet, zu welchem „Pflicht" es rief, wenn und weil die höchsten und heiligsten Güter seines Landes, seiner Religion, seines Lebens angegriffen und gefährdet waren. Israel ist eS aufgegeben, als ein wahrer Priester des Herrn oibv 2,i>6 ‘v iiidi „stets den Frieden zu lieben und nach dessen Erhaltung zu streben." So ist es Jsra l verheißen, daß es eine Zeit herbeifuhren helfen werde, wo die Menschen nicht mehr in Krieg leben und keinen Krieg mehr führen, sondern ihre Schwervler in Pflugscharen und ihre Lanzen in Winzermesser umwandeln werden (Jes. 2, 4). Was ist auch der Krieg? Nichts al» ein privilegirter, d. h. für berechtigt gehaltener und erklärter Raub und Word. Daraus entspringen und dahin führen alle Kriege. — Und im großartigsten Maßstabe wird im Kriege geraubt und geplündert, getödtet und gemordet, wovon wir außer dem Kriege keinen Begriff 'haben. Und welche anderen nachtheiligen Folgen haben die Kriege auf alle häuslichen, staatlichen, persönlichen und Familienverhältnifle I Wissenschaften, Künste, Industrie und Gewerbe, alles liegt auf Jahrzehnde danieder und richtet sich nach Generationen erst langsam und mit Mühe wieder empor. Sittlichkeit und Religiosität, weit entfernt dadurch gefördert zu werden, werden vielmehr im Kriege untergraben und gehen vollends zu Grunde. Die Herzen der Menschen werden mit Haß. und Leidenschaft erfüllt, und sie gewöhnen sich an die bösen Beispiele und Sitten, die sie im Kriege alle Tage vor Auzen haben, oder wovon sie hören und lesen. Und wenn die Menschen Engel gewesen wären vor dem Kriege, sie verlieren ihre Engels- Sanstmuth im Kriege und kehren als Teufel daraus zurück. Wie könnte man also sagen, daß Gott zur Besserung der Menschen, zu deren Verfitllichung und Veredlung an Herz und Seele den Krieg über sie gesandt habe? Rur Jrrthüm, oder Heuchelei und Betrug können es den Menschen so Vorreden und sie glauben machen. Rur solche sprechen das aus, welche an dem allgemeinen Wohlstände und der steigenden Bildung der Völker ein Aergermß nehmen und danach trachten, sie wieder zur Armulh und Dummheit zurückzuführen, um sie in Eigennutz besser beherrschen und auSdeuten zu können. In der ThatI nur der Friede ist der Boden, auf welchem ein menschliches, sittlicher und religiöses Leben gedeihen kann. Darum segnet Gott die Menschen mit Frieden; ib nzn -pb« iud '.i «v' (Rum. 6,26) „Gott wende dir sein Antlitz zu und gebe dir den Frieden," heißt cs in dem vorgeschriebenen Priestersegen; wir beten wiederholt alle Tage vor Gott und scheiden damit aus dem Gebete zu ihm: u>by 'w rwy «in i>01122 mbv nry „der de« Frieden schafft in seinen Höhen, er schaffeauch unS den Frieden;" und unsre Weisen sagen, und daS ist daS Schlußwort des Talmuds: vibv.i .1212 p>:no P2 n'2j?n «so vb „Gott findet nichts Segenreicheres für den Menschen, als den Friedm" (Mischn. Okoz. Ende), wie auch das Schlußwort der Propheten lautet: (Wal. Ende) „Ich sende euch den Prophet Eliah, daß er daS Herz der Väter in Frieden einige mit dem Herzen der Kinder und daS Herz der Kinder mit dem der Väter." Das Losungswort unsrer Religion auf alle Zukunft h>n heißt: Friede; darum sind die messianischen Zeiten an die Bedingung deS allgemeinen Friedens geknüpft, ihre Vorboten sind: kein Krieg mehr unter den Menschen, nur Friede in der Welt, so i.I’^n p» 2>iy2 riie'ydi npSnsn msrn1? (Mischn. Adaj. Ende), „tzliah kommt nur, um die Streitigkeiten unter den Menschen auszugleichen und Frieden in der Welt zu stiften." Daran erkennen wir nun aber nuch so recht wieder, auf welcher Stufe niedriger religiöser Entwickelung unsre Zeit, Staat und Leben der Völker noch stehen. Die religiösen Grundsätze, denen die Völker huldigen, sind ganz dieselben wie die unsrer Religion, denn sie sind ihr entstammt und entnommen. Vom religiösen Standpunkte müssen auch! sie den Krieg verurtheilen und verdammen. Der Unterschied besteht nur darin, daß in ihrer Religion eS bei den äußerlich auf-und angenommenen Grundsätzen.verbleibt, während dieselben in Israel Gesetz und Leben, Staat und Gesellschaft geregelt und geordnet haben. Bei uns sind Staat und 1 Leben ganz von den religiösen Grundsätzen beherrscht, bei - dm Völkem ruhen Staat und Leben noch zum Theil auf dm überliefe: ten Anschauungen und Gesetzen des früherm : Heidenthums. Die Religion wurde äußerlich angenommen,! und erst nach und nach wurden Sittm, Staat und Lebm davon befreit, während im Judmthum sofort nach den neuen .Grundsätzen der Religion Staat und Leben von vorne an mit» vm unten auf neu aufgebaut wurdm. Daher auch > dort noch immer der ewige Streit zwischen der Herrschaft der Kirche und des Staats, d. h. der Streit darüber, ob die Grundsätze der Religion Staat und Leben beherrschen sollen oder nicht. Unser modernes Staatsleben ist darum auch noch nicht, wie es sein sollte, ein „Rechtsstaat" geworden, d. h. ein Staat, worin das Recht zur Geltung und Herrschaft gekommen ist, sondern er ist immer noch ein „Machtstaat" geblieben, wie er ehedem in den Zeitm des altm Heidenthums gewesm, wo Despotismus und die alleinige Willkür der Herrscher und Machthaber regiert und gewaltet haben, nicht aber die Grundsätze der Wahrheit und Ge-