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Der israelitische Lehrer · 1866-07-19 · 29 (19.7.1866) · p. Seite 120

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
6 (1866)
Issue
29 (19.7.1866)
Date
1866-07-19
Page
Seite 120 (sequence 2)
Language
German
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120 Fortschritts, der Entwicklung, der freien Schule vertrat. „Die Treue gegen die Ueberzeugung in der Brust geht, jetzt, wie immerdar, über Alles")." „Wahrhaftigkeit! Gibt es ein Wort von schwererer Bedeutung? Ich kenne keins * **).“ Als pädagogischer Sckriftster hat er vor Allem durch seinen „Wegweiser für deutsche Lehrer" dann durch Schriften über fast alle Unterrichtsfächer, sein „Schullesebuch" (Bielefeld), seinen „praktischen Lehrgang für den Unterricht im Deutschen", „Unterricht in der'Kleinkinderschule", „Gesammtunterricht im Rechnen' (mit Hamer), „Formenlehre" mit Anleitung, populäre Himmetskunde und astronomische Geographie, (das methodische Meisterstück des Meisters der Methode) und durchs viele andere Schriften, wie kein zweiter unserer Zeit, praktisch für die Schule gewirkt. Mit ihm geht die eigentlich, ich möchte sagen: klassische Periode der deutschen Pädagogik zu Ende. Vesta lozzi, Fellenberg, Schwarz, Salzmann, Ehrlich, Wilberg. Tmter, Denzel, Graser, Fr. Fröbel, Harnisch, Dr. Karl Schmidt und Diesterweg! Was er als praktischer Lehrer war, vermögen wir aus einzelnen Ausdrücken dankbarer .Schüler zu erkennen, und aus seinen e genen Worten, die von einer Hingebung ohne Gleichen iür Unterricht und Erziehung sprechen. Er hat es, wie kein Anderer mehr^ verstanden, die Schüler, die strebsamen Jünglinge, die zu seinen Füßen saßen, zu „packen". Lehren war icine Lust. „Ich bin von der Pädagogik eingenommen, ich kapn nicht Zanders". .Die Pädagogik ist die Königin aller Staaten - von ihr und ihrer Gesundheit hängt es ab, ob Engel oder Teufel, Haupt oder Bauch, regiert ober regiert werden solle." Ilr. Wichaid Lange ***) sagt von ihm: „Was treibt mich immer wieder zu diesem einzigen Men-, scheu? Einmal der-Egoismus. Große Männer werden umgeben von emer eigenthümliche'n geistigen Athmoiphäre; sie wirkt auf den Geist »ines strebsamen Menichen, wie ein erfnschendcs Bad auf d e physische Organisation. J.dcs Wort aus dem Mund> eines solchen Mannes ist zündend und anregend und erweckt die Lust zur Nacheiferung. Zweitens treibt mich die Dankbarkeit. Laut und vor aller Welt habe ich stets bekannt, was ich diesem Menschenverdanke. Immer habe ich mich bemüht, einen geringen Thcil der großen Schuld abzutragen, -die er auf meine Schultern geladen hat, und in trüben unk» gemeinen Zeiten der Furcht, der Gesinnungslostgkeit und des Wankelnniths habe ich stels gedacht: „Wenn Drr Alle untreu werden, so bleibe ich Dir treu, daß Dankbarkeit — auf Erden nicht ausgcstorben sei." Drittens bestimmt mich das Bestreben, der Lehrerwclt wiederholt in Erinnerung zu bringen, was.sie an diesem Manne hat. Sie soll sich ihn nicht rauben lasten durch die Gewalthaber, welche ihn beseitigen möchten, durch die Krittler, welche durch Hervorhebung menschlicher Schwächen, obne die nun einmal Niemand unter dem Monde herumläuft, das herrliche, harmonische Bild aus E>nem Gusse, das sein Leben gewährt, zu verzerren und Zu besudeln suchen. Sie soll durch Verehrung dieser geisiigen Heldengestalt sich selber ent- ’> Aus feinen ©orten: .An Friedrich Fröbel!" Vorwort zum „Wegweiser für deutsche Lehrer. **) Vorwort zum pädagogischen Jahrbuch 1854. ***) Em würdiger ßchüler Diesterweg's. wickeln, und nicht erst dem Todten dereinst räuchern', sondern schon im Leben ihm bieten, was daunverdorbene nienschliche Herz jedem konsequenten Leben und Streben im Ganzen und jeder von Selbstvergeffenheit getragenen Hingabe an dieses Garze entgegen zu bringen pflegt." Und sie haben ihn geehrt. Noch am 29. Oktober v. I. haben 1300 Lehrer j aus allen Gauen Deutschlands - und wohl nicht die schlechtesten, — dem Greise zu seinem 75. Geburtstag ihre Verehrung durch Worte, Gaben und durch eine erhebende Feier kund gethan. Und wie viele, ja Tausende von Lehrern, die, still in ihrem Berufe wirkend, den Mann verehrten, der Aller Lehrer und Meister war, der für Alle kämpfte, hätten, wenn sie ihn auch nie geseben haben, nie mit ihm in persönliche Berührung treten konnten, gerne zur Erhöhung dieser Feier beigetragen, wenn ihnen etwas daron bekannt geworden wäre! Diesterweg aber war dieser Feier aus dem Weg gegangen. Er war kein Freund von Ostcntation, wollte sich nicht zum Mittelpunkte solcher Feste machen. Für was wirkte Tüsterweg durch sein Leben und seine Schriften? Er sagt es sel'-st: „Für Entwicklungs- Freiheit, für relative, der Sache entsprechende Selbstständigkeit der Schule,.für Befreiung der Schule von der Beaufsichtigung durch Nicht-Sachkenner, für eine tiefer zu begründende und praktischere Ausbildung, der Lebrer, für ein auskömmliches Gehalt derselben, für freie Fortbildungsanstalten und freie Vereine der Lehrer und andere dringende Bedürfnisie der Schule." Diesterweg war wohl selbst „Stndirter"; er hatte regelmäßige Universitätsstildiengemacht. Aber Wenige haben, wie er, sich über den beschränkten Gesichtskreis erhoben, daß nur die s. .g. klassische Bildung zum Lehren und Bilden tauglich mache. Ihm galt die „humane Bildung" höher als die humanistische; er ei kannte die Fehler, an welchen ' unsere Univelsilärsbildung leib.t, bester als irgend ein Anderer: er hatte sie mit einschneidender Schärfe blos gelegt, was ihm den Haß vieler „Professoren" zugczogen und er vor Allen hat es ausgesprochen, daß ein aus dem Seminar hervorgegangener tüchtiger Lehrer nützlicher in der Schule und im Seminar wirken könne, als die s. g. Literaten. Er vertheidigte die Seminarbildun^ gegen den Vorwurf der Halbbildung, und zeichnete tr.yend die geistige Hohlheit Vieler, die sich ihreBildung am der Universität geholt und mit vornehmer Geringschätzung auf „Elenientargeister" heradsehen. Er zog für das Seminar tüchtige Elementarlehrer den Literaten vor. „Und doch sind praktisch gebildete Elementarlehrer, die von der Pike auf gedient haben, die einzig nützlichen, die wichtigsten Lehrer an einem Seminar." „Es mag in mancker Beziehung gut sein, wenn der Direktor akademische Vloung hat, nothwendig ist es nicht; daß er ein Theologe sein müsse, halte ich für eine; sehr schädliche Marotte. Ein künftiger Seminarlehrer kann! auf der Universität Stoff sammeln; das L hren aber kann er daselbst nicht lernen. Alles, was er von akademischem Wesen in das Seminar hineinträat, verdirbt die Anstalt; dieses gilt so ar von dem „wissenschaftlichen" Inhalte; von der Methode, vom Dociren versteht es sich von selbst.

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